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WienerInnen bei Ziegel- arbeiten. Alle Bilder von www.erinnerungsort.at.


Drei Frauen bei Aufbau- arbeiten. (c) Zvacek, Institut für Zeitgeschichte/ Bildarchiv


Dieses SPÖ-Plakat von 1955 verdeutlicht die Geschlech- terrollenzuteilung der Nach- kriegszeit auf markante Weise. Links eine Frau mit Kochlöffeln und Kindern, daneben Männer bei Auf- bauarbeiten. Im Hinter- grund ist eine Staumauer des Speicherkraftwerks Kaprun zu sehen.


Institut für Zeitgeschichte
Internet-Plattform "erinnerungsort wien" der Stiftung Bruno Kreisky Archiv
Das Geschlecht des Wiederaufbaus
1945-55
Gastbeitrag von Ela Hornung und Irene Bandhauer-Schöffmann am  5. Juli 2005

Angesichts der aktuellen politischen Debatte um eine Belohnung für "Trümmermütter" erscheint es notwendig, sich mit dem "Geschlecht" des Wiederaufbaus, den nationalen Bilderwelten und der politischen Vereinnahmung dieser Frauen zu befassen. Über die politische Instrumentalisierung einer Frauengeneration berichten Ela Hornung und Irene Bandhauer-Schöffmann.

Schon vor 17 Jahren führten wir unter der Leitung von Erika Weinzierl das Forschungsprojekt zu "Frauen im Wien der Nachkriegszeit 1945–950" durch, dennoch sind viele Ergebnisse und Überlegungen nach wie vor aktuell. Damals interviewten wir 60 Frauen, die sich während des Krieges vorwiegend in Wien aufgehalten hatten, keine Opfer des Nationalsozialismus, sondern zum Großteil "Mitläuferinnen". Es war dies in Österreich die erste umfangreiche Forschungsarbeit zur heute wieder so aktuellen "Trümmerfrauen-Generation". Nachkriegsheldinnen Laut "Bundesgesetz, mit dem eine einmalige Zuwendung für Frauen als Anerkennung für ihre besonderen Leistungen beim Wiederaufbau der Republik Österreich geschaffen wird", werden jene österreichischen Staatsbürgerinnen, die vor dem 1. Jänner 1931 geboren wurden und vor dem 1. Jänner 1951 mindestens ein Kind bekommen haben oder vor diesem Zeitpunkt ein Kind in Österreich erzogen haben, auf Antrag eine Einmalzahlung von 300 Euro bekommen. Im Regierungsantrag wurde nicht politisch differenziert und daher wären ursprünglich auch verurteilte Nationalsozialistinnen anspruchsberechtigt gewesen, wie in der Parlamentskorrespondenz vom 26. Juni 2005 nachzulesen ist. Auf der Bilderebene können wir jene nationalsozialistischen Frauen, die aufgrund gesetzlicher Verpflichtung Schutt räumen mussten, und jene, die dies aus privaten Notwendigkeiten taten, kaum differenzieren. Alle ? ob Mütter, alleinstehend, verwitwet oder verheiratet ? sind in den Bildern als Ikonen der Nachkriegsheldinnen eingeschrieben. Opferbereitschaft Meist war die Rede von einer allgemeinen Opferbereitschaft der Bevölkerung und dass alle Österreicher und Österreicherinnen gleichermaßen und gemeinsam den Wiederaufbau tapfer bewerkstelligt hätten. Wenn die Wiederaufbauarbeit aber als "freiwillige" Leistung von ArbeitnehmerInnen definiert ist, werden der in der Nachkriegsgesellschaft herrschende extreme Arbeitszwang und der geschlechtsspezifische Aspekt negiert. Die Bedeutung der Frauenarbeit ergibt sich einerseits aus der weiblichen Bevölkerungsmehrheit (1945 gab es in Wien 61 Prozent Frauen, 39 Prozent Männer) und andererseits aus der Bedeutung der extrem ausgeweiteten Hausarbeit, die wir daher als Überlebensarbeit bezeichnen, um das bereits im Begriff sichtbar zu machen. Dass Überlebenssicherung und Wiederaufbau zu einem hohen Anteil durch Frauenarbeit gewährleistet wurde, ist nicht nur auf die weibliche Bevölkerungsmehrheit, sondern eben auch auf die immense Bedeutung der Reproduktionsarbeit, die traditionell den Frauen zufällt, zurückzuführen. Diese Überlebensarbeit war ein wesentliches Fundament des Wiederaufbaus, denn der Wiederaufbau konnte nur über die totale Ausbeutung des Reproduktionsbereichs funktionieren. Gegenentwurf der Frauenforschung Als Reaktion auf diesen in der traditionellen Historiographie festgeschriebenen männlichen Wiederaufbaumythos, für den in Österreich die "Helden von Kaprun" stehen, produzierte die Frauenforschung in den 1980er Jahren den weiblichen Gegenentwurf der "Heldinnen der Nachkriegszeit". Ein Manko der ersten Forschungen war es, diese "Heldinnengeschichten" ohne Kontextualisierung, ohne lebensgeschichtliche Kontinuitäten, insbesondere ohne Vorgeschichte im Nationalsozialismus, als Identifikationsangebote präsentiert zu haben. Sie geriet damit in eine verhängnisvolle Nähe zu konservativen Geschichtsentwürfen von der "Stunde Null". Wenn überhaupt die NS-Zeit und eine allfällige Verantwortung von Frauen für die Unterstützung des NS-Regimes bzw. für die Aufrechterhaltung eines funktionierenden Alltagslebens während des Nationalsozialismus thematisiert wurden, dann wurden Frauen zu ohnmächtigen Opfern stilisiert.  Doppelter Opfermythos Für österreichische "Trümmerfrauen", über die ? verglichen mit deutschen ? immer noch weniger geforscht wurde, ist nicht nur der (von der Frauenforschung mitproduzierte) Mythos von der "Gnade der weiblichen Geburt" und den Frauen als Opfer des Nationalsozialismus relevant, sondern gleichsam ein doppelter Opfermythos: Denn die Österreicher und Österreicherinnen waren sich lange Zeit darin einig, das erste Opfer des Nationalsozialismus gewesen zu sein und wurden darin jahrelang durch eine großkoalitionäre Geschichtsschreibung bestärkt. Für Frauen gilt gleichsam ein doppelter Opfermythos: Einmal waren sie aufgrund ihrer Staatsbürgerschaft, einmal aufgrund ihres Geschlechts von jeder Verantwortung ausgegrenzt. Tradiert wurde vielmehr die Rolle der leidenden, sich aufopfernden "Trümmerfrau", denn damit konnten die "Leiden" der Frauen (Vergewaltigung, alltäglicher Überlebenskampf etc.) insofern instrumentalisiert werden, als sie zu Leiden aller wurden. Das Gedenken an die "Leiden der Trümmerfrauen" ermöglichte es der gesamten Gesellschaft, sich als Opfer zu fühlen. Von dieser Anteilnahme zu einer Schuldumkehr und politischem Revisionismus ist es oft nur ein kleiner Gedankenschritt. Unpolitische Trümmermütter Erst nach Abänderungsanträgen der Opposition wurden von den Einmalzahlungen an "Trümmerfrauen" jene Frauen ausgeschlossen, "deren Verhalten in Wort oder Tat mit den Gedanken und Zielen eines freien, demokratischen Österreich unvereinbar waren". Mit dieser sehr unpräzisen Formulierung wurde zwar auf Druck der Opposition eine politische Differenzierung im Gesetzestext vorgenommen, in der breiten Öffentlichkeit lässt die Diskussion um die Würdigung der "Trümmerfrauen" einmal mehr den von der Forschung längst kritisch hinterfragte Mythos der "unpolitischen Trümmermütter" auferstehen. Wieder einmal wird diese Frauengeneration politisch instrumentalisiert. Dr. Ela Hornung ist Lektorin und Projektmitarbeiterin am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien und arbeitet derzeit an ihrer Habilitation zu "Denunziation. 'Wehrkraftzersetzung' und Geschlecht". Univ.- Doz. Dr. Irene Bandhauer-Schöffmann ist Lektorin an der Universität Klagenfurt. Forschungsschwerpunkte: Geschlechter- geschichte im 19. und 20. Jahrhundert, Unternehmensgeschichte und Kirchengeschichte. Dieser Artikel ist die gekürzte Version eines Vortrages von Ela Hornung, den sie am 15. Juni 2005 im Rahmen der Vorpräsentation der Internetplattform "erinnerungsort wien", ein Projekt der Stiftung Bruno Kreisky Archiv, hielt. Der Vortrag ist in gesamter Länge (pdf) auf der Homepage des Kreisky-Archivs nachzulesen.  Literaturtipps: Irene Bandhauer-Schöffmann/Ela Hornung (Hg.): Wiederaufbau Weiblich. Veröffentlichungen des Ludwig Boltzmann Institutes für Geschichte der Gesellschaftswissenschaften. Wien 1992 Irene Bandhauer-Schöffmann/Ela Hornung, Von der Trümmerfrau auf der Erbse. Ernährungssicherung und Überlebensarbeit in der unmittelbaren Nachkriegszeit. In: L'Homme. Zeitschrift für feministische Geschichtswissenschaft 2/1991, S. 77-105 Irene Bandhauer-Schöffmann/Ela Hornung, Wiener G'schichten. Nationalsozialistische Ideologien in zwei Frauenbiographien. In: psychosozial, 15. Jg. 1992 Heft III. Nr. 51, S. 34-42 Rudolf G. Ardelt u.a. (Hg.): Unterdrückung und Emanzipation. Festschrift für Erika Weinzierl. Wien/Salzburg 1985 Franz Severin Berger/Christiane Holler: Trümmerfrauen. Alltag zwischen Hamstern und Hoffen, Wien 1994

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