Das typografische Konzept der Universität Wien |
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| Corporate Design | |
| Michaela Hafner (Redaktion) am 9. November 2004 | |
Die Schriftenexpertin Susanne Dechant wurde gebeten, ein typografisches Konzept für die Universität Wien zu erarbeiten. In Übereinstimmung mit dem neuen Corporate Design von Martin Dunkl besitzt die Universität Wien nun ein modernes typografisches Erscheinungsbild. |
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Ein zeitgemäßes Corporate Design umfasst neben der Konzeption eines Logos und der Umsetzung des neuen Designs auf diversen Drucksorten auch Überlegungen hinsichtlich der typografischen Ausdrucksform einer Institution. Die meisten großen Unternehmen und Institutionen arbeiten aus diesem Grund mit ausgewählten Schriften, um ihr Corporate Design auch über die Schrift (nach innen und außen) zu kommunizieren. Um der Einheitlichkeit des neuen Designs der Universität Wien Rechnung zu tragen, wurde die Kommunikationsdesignerin Susanne Dechant beauftragt, für die Universität ein passendes, pragmatisches Schriftkonzept auszuarbeiten. Auch wenn das E-Mail als Hauptkommunikationsmedium genutzt wird, so sind die MitarbeiterInnen der Universität Wien täglich mit verschiedenen Formen des Schriftverkehrs konfrontiert: In Briefen, Faxen und Publikationen begegne(te)n sie bislang unterschiedlichen Typen von Schriften. Dies soll sich mithilfe eines neuen Schriftkonzepts in Zukunft ändern: Susanne Dechant hat für die Universität Wien die Standard-PC-Schrift Georgia als Korrespondenzschrift ausgewählt, die für den täglichen Schriftverkehr eingesetzt werden soll. Für den Bereich der Publikationen bzw. für alle Drucksorten, die im Offsetverfahren produziert werden, fiel ihre Wahl auf zwei (Lizenz-)Schriften: Minion Pro und Myriad Pro. Im Gespräch mit der Online-Zeitung begründet die Designerin ihre Schriftauswahl und spricht über die Ausdruckskraft und Funktionen von Schriften. Redaktion: Was bewirkt Schrift? Was kann eine Schrift alles ausdrücken? Susanne Dechant: Das Leben ? und ein bisschen mehr (lacht)! Für den Leser, die Leserin unbewusst, transportieren Schriften ein ganzes Paket an Gefühlen oder Assoziationen. Diesen Umstand "nützen" wir DesignerInnen, um Kommunikation bewusster zu steuern. Die vermittelten Gefühle reichen dabei von Distanz, Kühlheit bis hin zu Freundlichkeit, Urlaubsstimmung, gute Laune ... Schriften übernehmen Aufgaben, Funktionen. Und jede Schrift eignet sich für bestimmte Dinge: Für lautstarke Plakate verwende ich andere Schriften als für dezente Visitenkarten. Redaktion: Welche Schriften haben Sie für die Universität Wien ausgewählt? Dechant: Für den gesamten Drucksortenbereich wurden zwei Lizenzschriften gewählt: die "Minion Pro" (mit Serifen, den 'Häkchen'-förmigen Endzeichen) und die "Myriad Pro" (ohne Serifen). Diese Suche war ein langer Weg: Derzeit gibt es am Markt rund 15.000 Schriftfamilien. Wir haben verschiedene Schriftpaare getestet, Antiqua (mit Serifen) Groteskschriften (ohne Serifen) gegenübergestellt. Insgesamt waren zehn Pärchen im Gespräch, drei kamen in die engere Auswahl. Mit diesen wurden mikrotypografische Tests durchgeführt, Leseproben gemacht, Vergleiche angestellt. Lesetests zeigen zum Beispiel, dass man mit 'schlechten' Schriften bis zu 20 Prozent langsamer liest, was auf die Dauer natürlich auch ermüdet. Redaktion: Warum braucht es Pärchen? Dechant: Man sucht nach Schriftpaaren, weil man für die verschiedenen Aufgaben unterschiedliche Hilfsmittel braucht: In Fließtexten arbeitet man eher mit Serifenschriften (Schriften mit Häkchen), weil es den Lesefluss fördert. Antiquaschriften (mit Serifen) bringen auch einen gewissen Tenor von Seriosität. Groteskschriften (ohne Serifen) hingegen sind funktionale, klare Schriften, mit einem modernen Touch. Redaktion: Nun zu den ausgewählten Schriften ? Dechant: Schriften, genauer gesagt Schriftschnitte, leben in "Familien", zusammengestellt von haarfeinen bis zu extrafetten Strichstärken. Die beiden Schriften der Universität Wien besitzen je über 64 Familienmitglieder, das sind schon sehr große, vielseitige Gruppen, man könnte sie schon fast Sippschaften nennen! Eine weitere Überlegung war: Nimmt man eine Schrift, die schon bekannt, "abgesehen" ist, oder nimmt man eine unverbrauchte, frische Schrift. Wir haben also nach etwas gesucht, das der Universität Wien eine Eigenständigkeit gibt, aber nicht von der eigentlichen Aussage, vom Inhalt ablenkt. Vor dem Schriften-Relaunch hatten wir bereits erfolgreich mit zwei Fonts aus dem englischen Label "The Foundry" gearbeitet (für die Publikation "Innovation und Tradition"). In diese Richtung konzentrierte sich nun meine Suche. Die letztendliche Entscheidung zugunsten der Myriad Pro bzw. Minion Pro, beides Schriften aus der Hand von Robert Slimbach (Adobe), wurde mit einem pragmatischen Blick für die Zukunft getroffen. Die technischen Vorraussetzungen des neuen "Open Type"-Formats waren bestechend und überzeugten: sie sind plattformübergreifend (das bedeutet eine idente Datei für MAC und PC) und haben erweiterte Zeichensätze (also nicht nur das lateinische Alphabet, sondern auch alle osteuropäischen, cyrillischen Buchstaben, Platz für Brüche, diverse Sonderzeichen etc.) ? für eine große Universität mit ihren vielen verschiedenen Disziplinen nicht unwichtig. Redaktion: Was sollen die Schriften in Bezug auf die Universität Wien aussagen? Dechant: Mir war wichtig, dass die Universität sich nicht hinter einer pseudoklassischen Neutralität verbergen muss, sondern eine offene, heutige Sprache kommuniziert. Redaktion: Die Schriften Minion Pro und Myriad Pro sind für Druckwerke gedacht. Welche Schrift wurde für den "Alltagsgebrauch" ausgewählt? Dechant: Als Haus- bzw. Korrespondenzschrift ? für Briefe etc. ? wurde die "Georgia" gewählt. Sie ist im Lieferumfang aller Computer weltweit vorhanden. Sie wurde vor einigen Jahren eigens für das Lesen am Bildschirm entworfen. Viele PC-Schriften funktionieren gut am Ausdruck, aber sind am Screen aber schlecht zu entziffern; klassisches Fehlbeispiel: die Times New Roman, eine Zeitungsschrift! Für das zukunftsorientierte Format der PDFs zum Beispiel eignet sich die Georgia mit ihren sehr hohen Kleinbuchstaben viel besser. Redaktion: Haben Sie eine Lieblingsschrift? Dechant: Nein (lacht). Natürlich gibt es Schriften, die man gerne verwendet, weil sie neu sind, weil sie neue Elemente hereinbringen. Aber für mich stehen Schriften immer im Verhältnis zu dem, was sie leisten müssen ? dann sind sie auch 'schön'. Es ist die alte Frage: Gibt es schlechte Schriften? Für mich nur, wenn sie schlampig gemacht sind, wenn die Buchstabenabstände zueinander nicht stimmen, wenn die Strichstärken nicht passen ? das stört, das tut beim Lesen weh. Redaktion: Vielen Dank für das interessante Gespräch! (mh) Kurzbiografie zu Susanne Dechant Susanne Dechant (geb. 1962) ist typografische Gestalterin mit Basis Wien. Vor zehn Jahren gründete sie das Studio "Dechant Grafische Arbeiten" mit Schwerpunkt auf Buch- und CD-Gestaltung. Sie ist Lehrbeauftragte für Schrift an der Werbeakademie Wien und an der Wiener Universität für bildende Künste. 1998 erschien ihr Sachbuch "Kursbuch XPress" im Verlag Form/Frankfurt. I.D. Preis in New York, Joseph Binder Award in Wien. Akademische Referentin für feministische Bildung und Politik, Vorstandsmitglied von Design Austria; Austrian Country Delegate für ATypI. Mitglied in zahlreichen internationalen Jurys. Zu den Klienten von Susanne Dechant gehör(t)en neben der Universität Wien u.a. das Österreichische Filminstitut (Homepage-Relaunch), Kulturkontakt Austria (Corporate Design), Vienna TV Award (Eventdesign), Die Junge Philharmonie, UNIQA und Magazine.
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