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"Der Druck auf junge Forschende ist größer geworden" |
| JungwissenschafterInnen |
| Roland Dreger (Redaktion) am 13. März 2003 |
Im Rahmen des JungwissenschafterInnen-Schwerpunktes sprach dieUniversitaet.at mit Prof. Dr. Gottfried Schatz. Er ist Präsident des Schweizerischen Wissenschafts- und Technologierats (SWTR) und überdies ein profunder Kenner der österreichischen Universitätslandschaft. |
DieUniversitaet.at: Herr Prof. Schatz, wo, denken Sie, liegen momentan die Hauptschwierigkeiten für junge WissenschafterInnen in Österreich? Prof. Gottfried Schatz: Die Hauptschwierigkeiten liegen darin, dass junge Forschende zu spät intellektuelle und wissenschaftliche Selbstständigkeit erlangen sowie zu spät eine Anstellung erhalten, die es ihnen erlaubt, längerfristig zu arbeiten und bei Erfolg eine permanente Stelle zu bekommen. DieUniversitaet.at: Wie könnte man den akademischen Nachwuchs besser und effizienter unterstützen? Schatz: Erstens sollte Österreich eine besondere Anstrengung unternehmen, junge Österreicherinnen und Österreicher, die im Ausland ihre postdoktorale Ausbildung machen, wieder nach Österreich zurückzuholen. In Österreich zu besetzende Stellen sollten daher international ausgeschrieben werden. Zweitens müsste die Selektion der Kandidatinnen und Kandidaten transparent und fair erfolgen und nicht so, dass Hauskandidaten schon von vornhinein in den Startlöchern sitzen. Und drittens sollte die Anstellung nach der postdoktoralen Ausbildung eine Assistenzprofessur sein, die den jungen Forschenden wissenschaftliche Unabhängigkeit, Unabhängigkeit in der Führung einer eigenen Arbeitsgruppe und weitgehende Mitsprache bei allen administrativen und akademischen Belangen sichert. DieUniversitaet.at: Wie müsste eine solche Anstellung aussehen? Schatz: Sie sollte auf sechs oder sieben Jahren begrenzt sein. Ein Jahr vor Ablauf erfolgt dann automatisch eine nochmalige Evaluation auf internationaler Basis, in der Lehre, Forschung und akademische Mitarbeit evaluiert werden. Fällt diese Evaluation negativ aus, ist eine weitere akademische Laufbahn an der gleichen Universität ausgeschlossen. Ist sie jedoch positiv, erfolgt automatisch und ohne Konkurrenz mit anderen die Beförderung auf eine permanente Professur. Dieses so genannte Tenure-Track-System erfordert natürlich eine verringerte Lehr- und Administrationsverpflichtung für die jungen Forschenden, damit sich diese in genügendem Maße ihrer Forschung widmen können. DieUniversitaet.at: Ist dieses im angelsächsischen Raum verbreitete System so direkt auf Österreich anwendbar? Schatz: Es ist international anwendbar, aber nur dann, wenn die Universitäten dafür die richtigen Strukturen haben. Dazu ist in Österreich sicherlich ein richtiger Weg eingeschlagen, aber noch nicht vollendet worden. Es gibt jedoch Gebiete, wie die Geistes- und Sozialwissenschaften, in denen es für ein konsequentes Tenure-Track nicht genügend freie Professorenstellen gibt. In diesen Fällen muss man nolens volens eben Assistenzprofessuren ohne Tenure-Track, also mit einer nicht verlängerbaren sechs- bis siebenjährigen Laufzeit, akzeptieren. Dies ist zwar nicht ideal, aber zumindest wissen die Kandidatinnen und Kandidaten von vornherein, worauf sie sich einlassen. Im Übrigen ist es keineswegs so, dass alle freiwerdenden permanenten Professuren über Tenure-Track besetzt werden sollten. Es braucht gelegentlich auch die Anstellung eines Ordinarius, wenn eine bekannte Persönlichkeit rekrutiert oder ein neues Gebiet etabliert werden soll. DieUniversitaet.at: Wie sehen Sie die österreichische Universitätsreform in diesem Kontext, werden dort junge WissenschafterInnen ausreichend berücksichtigt? Schatz: Die jungen Forscherinnen und Forscher sind in der österreichischen Universitätsreform bisher vergessen oder vielleicht auch nur vorläufig ausgeklammert worden. Aus der Distanz betrachtet, stehe ich der Reform sehr positiv, sogar bewundernd gegenüber, weil hier Krusten aufgebrochen worden sind, die in der Schweiz und auch in Deutschland noch weitgehend existieren. Man hat den Universitäten praktisch freie Hand gegeben, das Nachwuchsproblem auf ihre Art zu lösen. Aber die Erfahrung zeigt, dass diese meist weder das Interesse noch das Know-how haben, um dieses Problem richtig anzupacken. DieUniversitaet.at: Wird momentan auf junge ForscherInnen nicht ein enormer Druck ausgeübt - durch die große Konkurrenz, durch die Karrierestrukturen? Schatz: Ja, der Druck auf junge Forschende ist in den letzten 30 Jahren wesentlich größer geworden. Aber die Besten akzeptieren dies, denn sie wollen, dass man ihnen eine Chance gibt, ihre Leistungen zu zeigen und dass sie für diese Leistungen auch belohnt werden. Begabte Menschen begrüßen eine Herausforderung und akzeptieren ein vernünftiges Ausmaß an Druck und fairem Wettbewerb. Was wir aber erreichen müssen, ist eine transparente und qualitätsbewusste Selektion, damit die Besten eine Chance haben. DieUniversitaet.at: Was würden Sie österreichischen JungwissenschaftlerInnen in der momentanen Situation in Österreich raten? Schatz: Am bestmöglichen Ort in Österreich das Doktorat machen und anschließend mit einem Postdoktoratsstipendium zwei, drei Jahre, vielleicht auch etwas länger, ins Ausland gehen. Österreich ist ein kleines Land; es ist wichtig, dass die jungen ÖsterreicherInnen in einem anderen Land arbeiten und sich dort bewähren. Danach sollten sie eine Rückkehr nach Österreich anstreben. Wenn diese Rückkehr nicht gleich funktioniert, weil gerade nicht die richtige Stelle frei ist, soll nicht irgendeine Stelle angenommen werden. Da ist es besser, zunächst eine Stelle im Ausland anzunehmen, wo man bessere Wissenschaft machen kann, und dann später als Ordinarius nach Österreich zurückzukommen. Wer der Wissenschaft in seinem Leben Priorität eingeräumt hat, der wählt den Ort, wo er am besten arbeiten kann. (ro) Prof. Gottfried Schatz studierte Chemie an der Universität Graz und war nach seiner Promotion 1961 als Molekularbiologe in Wien, den USA und in Basel tätig. Als Präsident des SWTR ist er oberster Berater des Schweizer Bundesrates für Fragen der Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiepolitik und setzt sich nicht nur dort für die Verbesserung der Situation junger, begabter WissenschafterInnen ein. |
