"Die Entstehung, die Prozesse und der Ablauf des Materiekreislaufs sind derzeit mit die brennendsten Fragen in der Astrophysik", erklärt Univ.-Prof. Dipl.-Phys. Dr. Gerhard Hensler, Leiter des Instituts für Astronomie: "Im Zuge des im Oktober startenden Initiativkollegs werden wir - das sind neun DissertantInnen und fünf Dozenten - diesen Kreislauf sowohl in Theorie als auch Praxis, sprich durch Beobachtungen, untersuchen."
Durchmischung der Gase
Alles begann vor rund 13,4 Milliarden Jahren mit dem Urknall: Das mit dem Universum expandierende Gas klumpte und hat die ersten Sterne und Himmelskörper gebildet. Seit damals ist das Universum nicht zum Stillstand gekommen. "Dieselben Prozesse wie im frühen Universum finden nach wie vor statt. Jeder Stern gibt im Laufe seines begrenzten Lebens kontinuierlich Masse in Form von Gasen ab", so Hensler: "Diese Gase werden im Universum regelrecht neu 'gemischt' und formen wiederum neue Sterne oder Planeten." Dabei unterscheiden AstrophysikerInnen drei (Gas-)Zyklen: einen kleinen Zyklus, der Wechselwirkungen eines Sterns mit seiner Umgebung beschreibt, den so genannten galaktischen Zyklus und einen weitreichenden, der wiederum die Interaktion zwischen ganzen Galaxien und ihren Umgebungen erforscht.
Per Anhalter durch die Galaxis
Im Zuge des Initiativkollegs werden die Zyklen genau untersucht, ebenso wie die unterschiedlichen "Reisebedingungen" der Gase. "Die Milchstraße ist recht isoliert. Wir befinden uns in einem weniger dichten Gebiet des Universums. In dichteren, so genannten Galaxienhaufen rasen ständig ganze Galaxien - mit Geschwindigkeiten von Millionen Kilometern pro Stunde - durch", erklärt Gerhard Hensler: "Aufgrund dieser hohen Geschwindigkeit verliert solch eine Galaxie natürlich Gase, die wiederum mit ihrer Umgebung interagieren."
Schwere Auswahl
Von den insgesamt 28 Bewerbungen wurden zwei Dissertantinnen und sieben Dissertanten - aus Österreich, Deutschland, Spanien, Frankreich, Portugal und der Ukraine - ausgewählt, um den kosmischen Materiekreislauf zu erforschen. Die neun JungwissenschafterInnen werden Anfang Oktober die Räumlichkeiten am Institut für Astronomie beziehen.
Dichtes Programm
Die DissertantInnen, die für sechs Semester im Zuge des Initiativkollegs an der Universität Wien als KollegassistentInnen angestellt werden, erwartet ein dichtes Programm: Neben einer Vorlesung pro Semester und Vorträgen unterschiedlicher GastprofessorInnen, einem Seminar pro Semester, das die Inhalte der Doktorarbeiten zum Thema hat, wird der Materiekreislauf zusätzlich in diversen Blockkursen behandelt. "Wir haben eine gute Mischung unter den DissertantInnen. Einige sind tolle Theoretiker, aber noch nie selbst am Teleskop gestanden, bei anderen verhält es sich umgekehrt. Das wird sich in den Blockseminaren ändern", sagt Hensler.
Im Wienerwald
In einem Teil der Semesterferien werden die DissertandInnen im Leopold-Figl-Observatorium für Astrophysik der Universität Wien auf dem Mitterschöpfl (882 Meter) im Wienerwald verbringen - so es das Wetter zulässt. "Durch Investitionsmittel des Rektorats konnten wir das Teleskop wieder auf den neuesten Stand bringen. Zusätzlich wurde vom ZID eine Standleitung finanziert, die es ermöglichen soll, in Zukunft auch hier vom Institut aus auf das Teleskop zuzugreifen", erklärt der Astrophysiker Hensler.
Austausch mit KollegInnen
Neben der Praxis am Teleskop sollen die DissertantInnen auch mit den neuesten astrophysikalischen Computer-Programmen vertraut gemacht werden. Hensler ist überzeugt, dass dadurch ihre Chancen auf dem Wissenschaftsmarkt wesentlich verbessert werden: "Die Beobachtungen müssen natürlich ausgewertet werden. Dazu gibt es extrem viele und unterschiedliche Programme. Je mehr sie davon kennenlernen, desto effizienter können sie damit arbeiten."
Zusammentreffen mit international renommierten AstrophysikerInnen bilden die Highlights des Initiativkollegs. Im Rahmen von Tagungen und Kongressen sollen die JungwissenschafterInnen hochkrätige FachexpertInnen kennenlernen und sich mit ihnen austauschen. Mindestens zwei solcher Kongresse werden in Wien stattfinden.
Weiters plant Gerhard Hensler noch ein Auslandssemester für jede/n seiner neuen MitarbeiterInnen: "Der internationale Austausch ist extrem wichtig. Wir haben Partneruniversitäten in Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, Tschechien, Niederlanden oder Großbritannien. Leider ist dieses Auslandssemester noch nicht mitfinanziert, aber ich bin positiv, dass wir die zusätzlichen Mittel aus unterschiedlichen Quellen aufstellen werden. Die KollegiatInnen sollen somit ihr Doktorat bestens ausgebildet und international konkurrenzfähig am Ende der Kollegiatszeit abschließen." (td) |