Meine Neugierde beim Wiederlesen von Elias Canettis Roman "Die Blendung" mündete in eine verbotene Frage - verboten, weil wir gelernt haben, "Was wäre wenn"-Fragen der Belletristik zu überlassen: Wie wäre "Die Blendung" gelesen worden, wäre der Roman bereits 1931, nachdem Canetti das Manuskript abgeschlossen hatte, und nicht erst vier Jahre später erschienen? Und meine Neugierde wurde gelenkt auf eine suspekte Gattung, den Autorenkommentar. Will man den Autorenkommentar nicht als Orakel anerkennen, kann er sich als ungebetene Einmischung des Autors in die Angelegenheiten der Philologen ausnehmen oder doch als eine Lockerung der Werkgrenzen.
Offene Fragen
Auch 70 Jahre nach dem Erscheinen des Romans sind genügend Fragen offen geblieben oder nur vordergründig beantwortet: Woher rührt die Beunruhigung, die auch eine neuerliche Lektüre weckt, warum trägt die moderne Gelehrtentragödie den Titel "Die Blendung", warum zündet Peter Kien am Ende unter Gelächter sich und seine Bibliothek an? 70 Jahre später, so scheint es, hat sich zudem das Bild des Autors verdoppelt. Den Nobelpreis für Literatur bekam jedenfalls nicht der Schöpfer dieses abweisenden Romans, der sich allen positiven Figuren wie hoffnungsvollen Deutungen verschließt, sondern ein freundlicher älterer Herr, der Verfasser einer ins Gelingen verliebten Lebensgeschichte, die an das Programm der Weimarer Klassik erinnert.
Leseanweisungen
Das Bild vom liebenswürdigen Dichter als Führer, der seine jungen Leser bei der Hand nimmt, auf dem Weg durch ein irgendwie gefahrvolles Labyrinth, lässt sich schnell problematisieren, wenn man statt von Führung von Interpretationsvorgaben, Lenkungen oder Leseanweisungen sprechen will. Wer seine eigenen Werke kommentiert, ist nicht nur hilfreicher Führer sondern auch einer, der die Wirkung seiner Bücher kontrollieren will, ein literaturpolitischer Machthaber, der die Rezeption lenkt. Dahinter verberge sich vielleicht der uneingestandene Wunsch, so der Schriftsteller Claudio Magris, "dass nur Canetti über Canetti reden dürfe".
Wenn wir Canettis ausufernde Selbstkommentare als Erzählung lesen, dann stoßen wir auf die entscheidende Zäsur, die nationalsozialistische Inszenierung der öffentlichen Bücherverbrennungen im Jahr 1933, und auf eine ambivalente Besetzung der Prophetenrolle. Canetti nähert sich in seiner Erzählung der Figur des alttestamentarischen Elias, der das Feuer herabbeschwört, lässt sich durch seine Leser aber freisprechen von jener Schuld, die er dem Propheten anlastet, nämlich die Verbündung mit seiner Verkündigung. Vor allem im dritten Band seiner Autobiographie, "Das Augenspiel", wird die Geschichte des Propheten Elias erzählt, die vom Justizpalastbrand 1927 ihren Ausgang nimmt. Verbunden ist diese Erzählung mit einer fortgesetzten und nicht mehr endenden Kritik, die den Hass auf Propheten verkündet und dessen erbarmungslose "Rechthaberei" anprangert - dies lässt sich als Gegenstimme und als Distanzierung vom eigenen Bildentwurf verstehen.
Feuer der Reinigung
Warum aber lacht Kien am Ende des Romans "Die Blendung" laut auf? Auf dem Gipfel seiner Verblendung wird er eins mit der Masse und wird in einem tödlichen erotischen Akt von der Masse seiner 25.000-bändigen Bibliothek verschlungen. Kien, der alte Mythenkenner, weiß von der feurigen Verheißung einer Wiedergeburt, und dass Herakles sich auf dem Scheiterhaufen in einen Gott verwandelt, daran erinnert er sich im letzten Gespräch mit seinem Bruder. Er hat eine (Himmels-)Leiter in die Mitte des Zimmers gerückt und sich auf die sechste Stufe, die Stufe der Vollkommenheit gestellt. Auch das apokalyptische Feuer in dem Muspilli-Poem hat läuternde Kraft; es ist ein Feuer der Reinigung, Zeichen des Neuanfangs und der Befreiung. Natürlich sind diese Bilder, in denen Zerstörung und Wiedergeburt verbunden sind, Elias Canetti vertraut wie wenigen anderen, aber in seinem großen Roman-Kommentar mussten sie unter der Last der historischen Entwicklung und der suggestiven Kraft der Prophetenrolle einer Eindeutigkeit weichen, der Canettis Ausblendung des Auferstehungsbildes von Grünewalds Isenheimer Altar entspricht. Dort schwebt der Auferstandene wie eine Sonne am Himmel.
Michael Rohrwasser hat seit September 2005 die Professur für Neuere deutsche Literatur an der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät inne. Die Antrittsvorlesung "Der Prophet Elias. Canettis Selbstinszenierung als Autor der 'Blendung'" fand am Mittwoch, 29. November 2006, um 17 Uhr im Kleinen Festsaal der Universität Wien statt. |