![]() Germanist Hermann Scheuringer. Foto: pr ![]() Teresvatal: Dieses Foto wurde auf einer For- schungsreise, die Hermann Scheuringer und Stephan Gaisbauer im August 2004 gemacht haben, in Deutsch Mokra aufgenommen. Foto: S. Gaisbauer ![]() Königsfeld: eine österreichische Sprach- insel, die nur 10 km von Deutsch Mokra in der südwestlichen Ukraine liegt. Königs- feld ist eine Tochter- siedlung von Deutsch Mokra. Foto: S. Gaisbauer ![]() Ziel der Forschungsreise war die Untersuchung der Sprachinseln. Foto: S. Gaisbauer Institut für Germanistik, Philologisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät Definition "Sprachinseln" Sprachinselverein |
Deutsche Sprachinseln unter der Lupe |
| Sprache/Kommunikation |
| Peter Reidinger (Redaktion) am 16. Dezember 2005 |
Neppendorf, Großau und Großpold haben eines gemeinsam ? es sind Dörfer in Rumänien. Dass die Namen klingen wie kleine Flecken in Oberösterreich, ist kein Zufall. Die drei Gemeinden wurden von den so genannten "Landlern", einer unfreiwillig ausgewanderten deutschsprachigen Minderheit, gegründet. Im Gegensatz zu anderen deutschen Sprachinseln, die von Brasilien über Peru bis Italien zu finden sind, wird es diese wahrscheinlich auch in Jahrzehnten noch geben. |
Im 18. Jahrhundert wurden tausende ProtestantInnen aufgrund ihres Glaubens nach Siebenbürgen deportiert. "Unter Maria Theresia waren diese Umsiedlungen besonders grausam", erläutert ao. Univ.-Prof. Dr. Hermann Scheuringer vom Institut für Germanistik, wo die Sprachinselforschung eine lange Tradition hat. "Die Zwangsexulanten, die aus Oberösterreich, aber beispielsweise auch aus Kärnten stammten, wurden verfolgt, verhaftet, oft von ihren Kindern getrennt und deportiert." Scheuringer beschäftigt sich intensiv mit deutschen Sprachinseln in Ostmittel- und Südosteuropa, erst vergangenes Jahr unternahm er eine Forschungsreise in die deutschsprachigen Gebiete im Südwesten der Ukraine.
Oberösterreichische Salinenexperten in der Ukraine
Die Gründe für die Entstehung von Sprachinseln sind vielfältig. Armut, Vertreibung, aber auch wirtschaftliche Interessen führten dazu. Im Jahr 1775 gründeten im Südwesten der Ukraine etwa 100 Salinenarbeiter aus dem Salzkammergut den Ort "Deutsch Mokra" (nach 1945 Komsomolsk, in der selbständigen Ukraine nun wieder Nimecka Mokra). Aufgrund großer Salzvorkommen in diesem Gebiet wurden die Oberösterreicher, damals als Experten in der Salzgewinnung bekannt, angeworben. Noch heute leben Nachkommen dieser kleinen Gruppe, natürlich alle ukrainische StaatsbürgerInnen, in Deutsch Mokra. Allerdings, so Scheuringer, "braucht man dort heute schon einen Übersetzer, die Sprachen haben sich stark vermischt".
Das "Dorf Tirol" in Brasilien
Doch nicht nur in Südosteuropa lassen sich Sprachinseln finden. Etwa 150 TirolerInnen und RheinländerInnen zog es im Jahr 1859 in die Abgeschiedenheit des peruanischen Dorfes Pozuzo, und etwa um 1850 gründeten SchweizerInnen, HolländerInnen und zahlreiche TirolerInnen das "Dorf Tirol" (Colônia Tirol) in Brasilien. Hon.-Prof. Dr. Wilfried Schabus von der Akademie der Wissenschaften und Lektor an der Universität Wien beschäftigt sich intensiv mit den Sprachinseln Südamerikas und hat in mehreren Publikationen seine Ergebnisse präsentiert. Generell kann festgestellt werden, so Scheuringer, dass jüngere Sprachinseln weitaus anfälliger für sprachliche Interferenzen sind. Die SiedlerInnen der Colônia Tirol etwa übernahmen rasch syntaktische Strukturen des Portugiesischen. Beispielsweise ist die Zeitangabe "Fahlen finf Minutn für Sechse" ("Fehlen fünf Minuten für sechs" ? Zeitangabe für "Fünf Minuten vor sechs") syntaktisch der grammatischen Vorlage des Portugiesischen exakt nachgeformt: "Faltam cinco minutos para seis."
Italienischer Glücksfall für die Wissenschaft
"Jene Sprachinseln, die bereits im Mittelalter gegründet wurden, waren oft über Jahrhunderte isoliert und sind deshalb viel besser konserviert worden", so Prof. Scheuringer in Bezug auf ihre wissenschaftliche Bedeutung. Sehr alte Sprachinseln befinden sich vor allem in Italien und Slowenien. Die Dialektologische Schule in Wien hat sich besonders intensiv mit Sprachinseln in den oberitalienischen Provinzen Udine und Trient beschäftigt. Scheuringer: "Für die Forschung war die Lage dieser kleinen deutschsprachigen Gebiete ein Glücksfall, denn der volle Nebensilbenvokalismus im Italienischen unterstützte die Erhaltung des Nebensilbenvokalismus in der mittelalterlichen deutschen Sprache." So wurde die Sprache regelrecht konserviert und dadurch für die Wissenschaft hochinteressant. Grundsätzlich sind die alten Sprachinseln besonders für die Sprachwissenschaft ergiebig, während die jüngeren viel Stoff für die Kontaktlinguistik bieten.
"Sprachinseln werden untergehen" |




