Von dialektischen Bildeprozessen will ich sprechen und der Gefahr eines "rastlosen Stillstands". Rasen der Zeit, Stillstand der Zeit. "In dieselben Flüsse steigen wir und steigen wir nicht, wir sind und wir sind nicht." So Heraklit. Wir Steigen in den Fluss, stehen still an einem Ort, was herandrängt, sind immer neue Wassermassen. Der Fluss, der Lauf der Zeit, wir stehen in unserer Gegenwart, der einzigen Zeit, die ein fortwährendes Sein ist, und sehen uns den Gegebenheiten, die aus der Zukunft uns zuströmen, sehen uns ihren Erfordernissen ausgesetzt, bis sie in das Vergangensein abfließen, uns zurücklassen mit dem, was die herandrängenden Massen verändert haben.
Bewusstseinsprozesse in der Flüchtigkeit der Zeit
Mit der Frage nach der Zeit bin ich bereits bei meinem Thema. "BildeProzesse", Sie haben richtig gelesen und richtig gehört. Mich interessiert in eminenter Weise das sich Bilden von Bewusstseinsprozessen in der Flüchtigkeit der Zeit. Denken ist ein Tun in der Zeit. Zeitlichkeit ist Bewusstsein, Bewusstsein ist zugleich Zeitlichkeit, wie wir mit Aristoteles, Plotin, Kant, Husserl und anderen Zeittheoretikern wissen. Der Dies Facultatis 2009 steht im Zeichen der Zeiten von Umbruch, Abbruch, Aufbruch oder dem Prozess des Wandels, in dem unsere Fakultät begriffen ist. Was liegt also näher, als über die Flüchtigkeit und Zeitlichkeit nachzudenken, die das menschliche Dasein exponiert in eine Offenheit des Kommenden, die ebenso viele Unsicherheiten erzeugt, wie sie Chancen möglich macht.
Die individuelle Erfahrung der Offenheit und Unsicherheit ist es, die im unendlichen Fluss der Geschehnisse des Daseins, ihren Unwägbarkeiten und Bedrohlichkeiten nach Halt und Festigkeit suchen lässt. Große Werke der Philosophie, der Kunst, der Literatur, der geschichtsbildenden Taten werden bekanntlich geschaffen, um ein Bleibendes zu Stiften, da die Vergänglichkeit, der individuelle Tod sich in unerbittlicher Weise als unabwendbar zeigt.
Philosophische Strömungen in Europa
Die Namen Parmenides, Platon, Aristoteles stehen in unserem Verständnis der Tradition der Europäischen Philosophie für eine Ontologie und Metaphysik, deren Denkgebäude und Systeme die unvergänglichen Strukturen, die ewigen Ideen, Wesenheiten oder Substanzen zu ergründen suchten. Das endliche Dasein mit seinen Hinfälligkeiten, Zufälligkeiten ist ein Durchgangsstadium, das es offenkundig zu überwinden gilt, wenn schon nicht real, so doch wenigstens ideal in den Gedanken. Eine philosophia perennis breitet sich aus und erobert die Herrschaft über die wichtigsten philosophischen Strömungen in Europa, festigt die Vorstellung von ewigen Prinzipien der Erkenntnis, unvergänglichen Wahrheiten, universal gültigen Normen und Ideen. Bis Immanuel Kant auf den Plan tritt, um als der Alleszermalmer der Metaphysik, so sein Zeitgenosse Moses Mendelssohn, in die Geschichte der Philosophie einzugehen. Die Idealisten, Fichte, Schelling, Hegel, versuchen noch einmal und nach der Zertrümmerung der Metaphysik sicher gefügte metaphysische Systeme unter den von Kant vorgegebenen Bedingungen aufzurichten, bis mit Schopenhauer, Nietzsche und der neuzeitlichen Phänomenologie die Systeme der Tradition bald mit mehr bald mit weniger Erfolg ins Abseits gestellt zu sein scheinen.
In der Nachfolge von Nietzsche entdeckt die Kunst und mit ihr die Philosophie die Faszination des Augenblicks, der Auflösung der festgefahrenen Begriffe und Werte. Umwertung aller Werte. Der Impressionismus öffnet die Augen für die wechselnden momentgebundenen Lichtverhältnisse in den verschiedensten Konstellationen des Tages, William Turner verflüchtigt seine Gemälde in die Dynamik der Geschwindigkeit vorbeifliegender Züge, sich vaporisierender Wolkenformationen, der Futurismus feiert Technik, Bewegung und Geschwindigkeit in den zwei Dimensionen gemalter Flächen, wie in den drei Dimensionen gestalteter Skulpturen und Räume. Prozess, Dynamik, Zeitbeschleunigung, die Rastlosigkeit sich selbst überholenden Tun wird zum Spiegel modernen Selbstverständnisses. Der Fluss der Dinge ist zurückgewonnen, lässt die Erratischen Felsenblöcke des Seins scheinbar unwandelbarer Substanzen bröseln und bröckeln.
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