"Auf der Suche nach Einsamkeit" hat als Thema zwei Aspekte: Einerseits den suchenden Mediävisten, der nach dem Konzept Einsamkeit sucht, den Bedingungen, unter denen Einsamkeit zugelassen oder zurückgewiesen wird, sowie nach den unterschiedlichen Bewertungen, die Einsamkeit erfährt. Andererseits meint die Formulierung aber auch diejenigen literarischen und/oder realen Figuren, die Einsamkeit suchen. Im Zusammenhang mit der Debatte um die Alterität und Modernität des Mittelalters, die auf eine von Hans Robert Jauss als Komplementärformel gedachte Formulierung zurückgeht, und die heute in der Forschungspraxis oft als Alternative gesehen wird, kann "Einsamkeit" (oder auch vergleichbare Phänomene und Konzepte) einer der Prüfsteine dieser Debatte sein.
Schaut man in das Grimm'sche Wörterbuch, so scheint die Lage eindeutig: Der Eintrag zu "einsam" beginnt: "solus, solitarius, dies schöne wort gebricht der alten sprache." Einer der aktuellsten Belege des noch stark von Ideen der Romantik geprägten Bandes stammt aus dem Singspiel "Preciosa" des Pius Alexander Wolff: "Einsam bin ich, nicht alleine, / denn es schwebt ja süsz und mild / um mich her im Mondenscheine / dein geliebtes, theures Bild."
Mit dieser Volte, der Trennung von Einsamkeit vom Alleinsein, trotzt die Romantik der Einsamkeit eine positive Komponente ab, die aber in vielen literarischen Texten immer wieder als gefährdet inszeniert wird. Anders als der "Grimm" suggeriert, gibt es zwar das Wort "einsam" im Mittelalter nicht, wohl aber die Vorstellung, die lexikalisch als einec, einecheit und auch als einoete, was so viel wie Wildnis, Wüste, aber auch Einsamkeit heißt, realisiert wird.
Wer sucht die Einsamkeit?
Im Vortrag bin ich drei typischen Einsamkeitssuchenden nachgegangen: Den Liebenden, den Mystikern (die als Gottesliebhaber viele Parallelen zu Liebenden aufweisen) und den Eremiten. Drei literarische Beispiele können die Spannbreite der Zusammenhänge von Liebe und Einsamkeit aufzeigen: Zunächst suchen Liebende Einsamkeit, um diese in Zweisamkeit verwandeln zu können - wie das Beispiel des schwer verwundeten Riwalin aus Gottfrieds Tristan illustriert, der erfolgreich ein Bedürfnis nach Einsamkeit vortäuscht, nur um seine Geliebte zu empfangen.
Zwei andere Typen der Vereinsamung sind eher mit der potentiell gesellschaftsstörenden Wirkung der Liebe verknüpft: Anders als in seiner altfranzösischen Vorlage charakterisiert Hartmann von Aue den Ausbruch von Iweins Wahnsinn als Folge eines Selbstisolierungsprozesses: Iwein entzieht sich der Kommunikation absichtlich, er vereinsamt und ist auch für die Hilfsangebote des Artushofes nicht mehr erreichbar. Erst dann kann der Wahnsinn ausbrechen - als Folge einer selbstgewählten Einsamkeit. Der Beginn des Prozesses aber entspricht, das macht der Erzähler deutlich, allgemein menschlicher Erfahrung. Der Beginn der Liebe in Konrads von Würzburg "Engelhard" hingegen führt die heimlich Liebende Engeltrud in einen Prozess der Selbstvereinsamung, aus der sie der Erzähler mit drastischen Mitteln, dem Tod ihrer Mutter, rettet, der ihr eine emotionale Maskerade erlaubt. Hier beginnt eine Kausalkette, die in eine weitere Einsamkeit führt, die des vom Aussatz gezeichneten helfenden Freundes Dietrich, in dessen Eremitage schließlich Gott mit ihm spricht.
Warum sucht man die Einsamkeit?
Für den Mystiker ist der Grund einer aktiv betriebenen Selbstvereinsamung das Erlebnis einer liebenden Vereinigung der Seele mit Gott. Das unterscheidet ihn erst einmal nicht von den Liebenden. Der Prozess der Selbstvereinsamung aber, bei den Liebenden pathologisches Zeichen, wird bei den Mystikern Voraussetzung für die Gottesgeburt in der Seele: Wo "Ich" war, soll Gott sein - ein Gott, der als vortrinitarische Einheit konzipiert wird. Wie dieser Prozess inszeniert wird (und welch große Nähe er zum literarischen Beispiel, Dietrichs Engeltraum aus den "Engelhard", hat), habe ich im Vortrag mit der ersten Vision des Straßburger Gottesfreundes Rulman Merswin illustriert. Auf die Vereinsamung folgt die mystische unio, darauf eine große Verlusterfahrung des paradoxerweise ja immer noch präsenten Ichs, die nur durch größere Einsamkeit und die Hoffnung auf eine Erneuerung der unio-Erfahrung ausgeglichen werden kann.
Anders als Mystiker, die in ihrer aktiv betriebenen Vereinsamung sehr erfolgreich sind, steht es mit den Eremiten. Wie die prototypische altenglische und lateinische Vita des Heiligen Guthlac zeigt, scheitern sie mit ihren Versuchen, Einsamkeit zu erreichen, auf andere Weise: Sie werden die Gründungsväter neuer Gemeinschaften, wie die auf dem Grab des Heiligen Guthlac gegründete Abtei Crowland Abbey zeigt. Doch bleibt das Mittelalter (wenn solche generalisierenden Aussagen zulässig sind) eher bei einer ambivalenten Haltung der Einsamkeit gegenüber, wie auch "Der Renner", ein zentraler didaktischer Text um 1300, beweist: Swer sich sent, der fliehe einoete, / daz er vor leide sich selber iht toete: / Einoete beide guot und übel lêrt, / Einoete hât manige magt entêrt, / Einoete betrüebet frîen muot, / Einoete ist heiligen liuten guot, / Einoete brennet, roubet, stilt, / Einoete beide guot und übel hilt. Aber: Ist das anders als moderne Positionen zum Thema - und erweist sich hier nicht eher die Romantik als mögliche Ausnahme?
Wo sucht man die Einsamkeit?
Die Antwort der literarischen wie der realen Beispiele lautet: in der Natur. Dort liegen die Minnegrotte des Tristanromans ebenso wie die literarischen und realen Eremitagen; auch Rulman Merswin hat seine Gotteserlebnisse nicht in der Kirche, sondern zunächst in seinem eigenen Garten. Literarisch ist der Garten im Mittelalter ein Ort für Zwiegespräche und Stelldicheins. Erst sehr viel später wird er zu einem der literarischen Orte gesuchter, positiv besetzter Einsamkeit. Die realen Gärten etwa der Medici in Italien sind es da bereits längst - wie schon eine vermutlich eigenhändige Skizze der transalpina solitudo mea iocundissima, die Petrarcha 1341 in einer Handschrift hinterlässt, zeigt. Von da aus ist es vielleicht nur ein kurzer Schritt zu Kuriosa wie dem "paradise of one", das Andrew Marvell in seinem Gedicht "The Garden" als literarische Utopie sucht, die sogar die Schöpfung Evas wieder rückgängig machen will.
Univ.-Prof. Dr. Matthias Meyer, M.A., ist seit August 2007 Professor für Ältere deutsche Literatur an der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät. Am 5. Juni 2008 hielt er seine Antrittsvorlesung im Kleinen Festsaal. |