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Vizerektor Johann Jurenitsch, Dekan Rudolf Richter und Soziologe Sighard Neckel im Gespräch vor der Antrittsvorlesung. Fotos: A. Frey


Johann Jurenitsch und der Dekan der Fakultät für Sozialwissen- schaften, Rudolf Richter, hielten einführende Worte.


Sighard Neckel sprach über den Wandel der sozialen Selbsteinschätzung.


Mit über 220 Personen war der Kleine Festsaal fast bis auf den letzten Platz besetzt.


Institut für Soziologie der Fakultät für Sozialwissenschaften Homepage von Sighard Neckel    
Die gefühlte Unterschicht
Antrittsvorlesungen, Personalia
Gastbeitrag von Sighard Neckel am 17. Januar 2008

Sighard Neckel ist seit September 2007 Professor für "Allgemeine Soziologie und Analyse der Gegenwartsgesellschaft" an der Fakultät für Sozialwissenschaften. In seiner Antrittsvorlesung am 16. Jänner 2008 referierte er zum Wandel der sozialen Selbsteinschätzung. Lesen Sie hier eine Zusammenfassung seines Vortrags.

Zu den Eigenheiten der Moderne gehört, dass die Wissenschaft erheblich zur gesellschaftlichen Selbstbeschreibung beiträgt, nicht zuletzt die Soziologie. Wann immer soziale Kategorien zur Debatte stehen, an denen sich die gesellschaftliche Selbstidentifizierung orientiert, wächst der Soziologie eine besonders starke symbolische Macht zu. Deshalb ist für die soziologische Forschung in besonderem Maße Selbstreflexivität gefordert, will sie sich mit ihren eigenen Klassifizierungen nicht blind in die symbolischen Rangordnungskonflikte gesellschaftlicher Gruppen verstricken. Dies gilt auch für die Sozialkategorie der "neuen Unterschicht", die im Herbst 2006 in deutschsprachigen Medien nach Veröffentlichung einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung Einzug hielt.

Die neue Unterschicht

Die Ergebnisse der Ebert-Studie sprachen davon, dass mittlerweile acht Prozent der Bevölkerung in Deutschland zu jener untersten Sozialkategorie des "abgehängten Prekariats" gehörten, dessen Lebensschicksal vor allem durch eine grundlegende Existenzunsicherheit gekennzeichnet sei. Charakteristisch für dieses Sozialmilieu ist eine bedrückende Kumulation von Lebensproblemen. Zweidrittel aus dieser Gruppe, die zumeist aus schlecht ausgebildeten und mehrheitlich in ländlichen Räumen ansässigen Männern besteht, sind arbeitslos. Sie leben in schwierigen Wohnverhältnissen, haben häufig familiäre Probleme, sind nicht selten verschuldet oder chronisch krank und zu beruflicher Mobilität weder fähig noch bereit. Vor allem jedoch sind sie davon überzeugt, sich aus eigener Kraft aus ihrer Situation nicht mehr befreien zu können, so dass Resignation bis zur völligen persönlichen Aufgabe vorherrschend ist.

Gefühlslagen der Exklusion

Diese resignative Grundstimmung, von der zahlreiche empirische Studien der letzten Zeit sprechen, beschränkt sich aber nicht auf das Milieu der "modernen Unterschicht", sondern ist in den unterschiedlichsten Sozialgruppen verbreitet. Das Gefühl, ausgeschlossen zu sein und zu den sozialen "Verlierern" zu zählen, ist daher nicht einfach nur Ausdruck einer schlechten sozialen Lage, sondern als ein eigenständiger Faktor sozialer Ungleichheit zu betrachten.

Wie sich soziale Gruppen in ihrem Verhältnis zur Gesellschaft selbst identifizieren und welche Gefühle und Stimmungen diese Selbstidentifikationen begleiten, bestimmt nicht unwesentlich mit, an welcher Stelle im Gesellschaftsaufbau diese Gruppen sich jeweils verorten und zu welcher Selbsteinschätzung über die eigene soziale Lage sie gelangen. Die Aktualität von Exklusionsgefühlen, von der zeitgenössische Untersuchungen berichten, ist mithin von dem jeweiligen Gesellschaftsbild abhängig, das in den Schichten und Klassen vorherrschend ist.

Flucht in die Mittelschicht

Die "bipolare" Wahrnehmung der Gegenwart, von der heute aktuelle Studien wie jene der Friedrich-Ebert-Stiftung berichten, ist durch ein "Schrumpfen der Mitte" und durch eine zunehmende Kluft zwischen "oben" und "unten" charakterisiert. Sie erinnert an ein "dichotomisches" Gesellschaftsbild, das für "Klassengesellschaften" typisch ist und das daher seit einigen Jahrzehnten in den europäischen Wohlfahrtsstaaten als überwunden galt. So sahen bis weit in die 1980er Jahre hinein nur knapp fünf Prozent der westdeutschen Bevölkerung das Gefüge sozialer Ungleichheit als eine Zweiteilung an, während bald achtzig Prozent ein Drei-Schichten-Modell mit einer breiten Mittelschicht für realistisch hielten.

Die Wahrnehmungsunterschiede zwischen den Klassen waren minimal geworden. Allgemein herrschte die Überzeugung vor, eine Einebnung sozialer Ungleichheit zu erleben. Die langen Jahrzehnte einer kollektiven Wohlstandssteigerung schlugen sich erkennbar auch in der sozialen Selbsteinschätzung und dem Gesellschaftsbild nieder. Allgemein setzte in den unteren Schichten eine Flucht vor der öffentlichen Selbstcharakterisierung als "Arbeiterschaft" ein. Zumindest die "untere Mittelschicht" sollte es sein.

Die Wiederkehr der Gegensätze

Die symbolische Flucht aus der Arbeiterschaft in die Mittelschichten endete im mittlerweile vereinigten Deutschland im Verlauf der 1990er Jahre. Seither nimmt die Identifikation statusniedriger Bevölkerungsgruppen mit der Mittelschicht kontinuierlich ab, zugunsten einer zunehmenden Selbstzurechnung zur Arbeiterschaft und zu den unteren Schichten - ein Phänomen, das als declining middle auch in anderen westlichen Ländern festgestellt wird.

Genau dieses Gefühl einer sozialen Degradierung scheint es zu sein, welches dafür sorgt, dass sich heute so zahlreiche Gruppen selbst der Unterschicht zurechnen oder sich als "Verlierer" identifizieren. Begleitet wird dies von einer Schrumpfung der Mittellagen im allgemeinen Bewusstsein sowie von der Wiederkehr eines dichotomischen Gesellschaftsbildes, das als eines seiner zentralen Elemente eine wachsende Unterschicht ausweist.

Und tatsächlich treten Gewinne und Verluste in der Verteilung von Gütern und Lebenschancen zunehmend auseinander. Vom Wachstum des gesellschaftlichen Reichtums profitieren heute fast ausschließlich Selbständige, Vermögensbesitzer, wohlhabende Pensionäre und berufliche Führungsgruppen, während gering Qualifizierte, einfache Angestellte und die Industriearbeiterschaft durch Jobmangel, Prekarität und die Entwertung ihrer Arbeitsleistungen erheblich an Lebenschancen eingebüßt haben. Da zugleich die soziale Verwundbarkeit mittlerer Schichten wächst, rücken auch die Abstände zwischen Armut und den Zonen eines "prekären Wohlstandes" enger zusammen. Zumindest in der sozialen Wahrnehmung schieben sich die Realitäten einer Unterschicht, der Arbeiterschaft und mancher Mittelschichtsgruppen immer mehr ineinander.

Auf diese Weise aktualisiert sich das althergebrachte dichotome Gesellschaftsbild von oben und unten heute als eine allgegenwärtige Unterscheidung von Gewinnern und Verlierern, welche sich zum Deutungsmuster schlechthin der gesellschaftlichen Statusordnung verwandelt hat. Aus dem kollektiven Empfinden gesellschaftlicher Benachteiligung ist eine gefühlte Abwertung geworden, welche die Individuen hauptsächlich für sich allein zu bewältigen haben. Und ausgerechnet Meinungsumfragen, Armutsberichte und medial aufbereitete soziologische Milieustudien sind es, in denen sich diese Gefühle der Resignation heute als Schwundstufen ihrer Gesellschaftlichkeit öffentlich noch repräsentieren.

Univ.-Prof. Dipl.-Soz. Dr. Sighard Neckel hielt am 16. Jänner 2008 seine Antrittsvorlesung mit dem Titel "Die gefühlte Unterschicht. Vom Wandel der sozialen Selbsteinschätzung".

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