Verbreitung und Biologie
Die Gattung Victoria besteht aus zwei Arten V. amazonica (= V. regia) und V. cruziana (= V. trickeri) und gehört zur Familie der Seerosengewächse (Nympheaceae). Die Riesenseerosen, wie die Arten der Gattung auch bezeichnet werden, sind in ihrer Verbreitung auf die Sümpfe und Stillwässer an den großen nährstoffreichen "Weißwasser"-Strömen des tropischen Südamerikas beschränkt.
Ihre Entwicklung ist dem jahreszeitlichen Rhythmus der tropischen Gewässer angepasst. Am Amazonas steigt der Wasserstand von Dezember bis zum Juni im Mittellauf um etwa zehn bis zwölf Meter und fällt dann in der zweiten Jahreshälfte wieder auf seinen Tiefstand zurück. Die Blätter der Victoria beginnen sich bei tiefem Wasserstand zu entwickeln: Zuerst klein und flach, bilden die folgenden mit steigendem Wasserstand immer längere Blattstiele und schließlich riesige, am Rande aufgebogene Blätter, deren Durchmesser ca. zwei bis vier Meter beträgt. Ihre Schwimmfähigkeit ist durch ein kompliziert vernetztes, an der Unterseite stark vorspringendes, luftführendes Adersystem gewährleistet. Bis zu 75 Kilogramm kann ein solches Blatt tragen! Seine Struktur hat als Vorbild für technische Gerüstkonstruktionen gedient. Einschnitte am Blattrand und eine Perforation der Blattfläche (die durch Absterben von Zellpartien entsteht) gewährleisten, dass bei starken Regenfällen das Wasser abfließen kann und keine Überbelastung entsteht. Die starke Bestachelung der Blattunterseite, Blatt- und Blütenstiele schützt vor pflanzenfressenden Wassertieren.
Von weiß zu purpurrot
Allgemein erfolgt die Aussaat im Februar bei 30 bis 35 Grad Celsius. Bei der Weiterkultur sind Wassertemperaturen von mindestens 35 Grad Celsius und Lufttemperaturen von mindestens 20 Grad Celsius notwendig. Die Pflanzen benötigen ein sehr nährstoffhaltiges Substrat, um im gleichen Jahr zur Blüte zu gelangen und möglichst große Blätter zu entwickeln. Die Blüten der Victoria erscheinen in Abständen von wenigen Tagen. Die Knospen öffnen sich bei Sonnenuntergang und schließen sich im Laufe des folgenden Vormittags. Dieser Vorgang kann sich an ein bis zwei aufeinanderfolgenden Tagen wiederholen; die Farbe der Kronblätter verändert sich dabei von weiß zu purpurrot.
Mit fortschreitend sinkendem Wasserstand in der zweiten Jahreshälfte sterben die Schwimmblätter der Victoria völlig ab und verschwinden. Die weitere Entwicklung von der bestäubten Blüte zur reifen Frucht erfolgt unter der Wasseroberfläche. Schließlich fallen die etwa erbsengroßen Samen aus und beginnen sich im nährstoffreichen Schlamm am Grunde der Gewässer und mit dem um die Jahreswende allmählich wieder steigenden Wasserstand, zu neuen Pflanzen zu entwickeln. Die Pflanzen sind am Naturstandort mehrjährig. Von den Indianern werden die Samen und die Wurzel verzehrt und aus den Samen ein Mehl gewonnen. Auf Grund dieser Verwendung bezeichnen die Einheimischen die Pflanzen als Wassermais.
Entdeckung und Einführung nach Europa
Vom ersten Naturforscher, der auf diese Pflanze traf, ist uns kein schriftlicher Bericht erhalten, wohl deshalb, weil er nicht mehr in seine Heimat - Österreich - zurückkehren konnte. Es war dies Thaddäus Haenke (1761 in Kreibitz, Böhmen, geboren), der im Jahre 1789 im Auftrage der spanischen Regierung nach Südamerika reiste - Kaiser Josef II schlug zuvor die Unterstützung für seine Reise mit dem Bemerkung "Österreich sei zu arm an solchen Wissenschaftlern, als dass man sie in eine derart ungewisse Zukunft schicken könne" aus. Und wie recht hatte er damit: Thaddäus Haenke starb 56jährig, von Europa vergessen, im Jahre 1817 in Bolivien.
Dass er der Entdecker der "Königin der Wasserrosen" ist, haben wir nur auf Umwegen erfahren. Ein französischer Forscher, Victor Dessalines d'Orbigny, traf 1832 im Gebiet der Guarayos (Bolivien) den spanischen Missionar Pater La Cueva, und dieser erzählte ihm, dass er zusammen mit Haenke im Jahre 1801 "eine Wasserrose von unvorstellbarer Größe" im Rio Mamoré, einem Nebenfluß des Rio Madeira gesehen habe. Victoria in Wien
Obwohl schon 1819 Victoria-Samen nach Paris gelangten, öffnete erst am 8. November 1849 in Chatsworth, dem Sitz des Herzogs von Devonshire, eine Victoria erstmals ihre Blüte auf europäischem Boden. Ein Jahr später gelang dann auch in den Kew Gardens die Kultur, und im selben Jahr noch wurde in Gent durch van Houtte das erste einer Victoria allein gewidmete Gewächshaus errichtet. 1851 finden wir die Pflanze in Herrenhausen bei Hannover, ebenso in Hamburg, in Berlin und Ermandingen bei Konstanz, aber nur in den ersten beiden Städten hat sie auch geblüht. 1852 war sie auch in Tübingen, Leipzig, Dresden, Bonn, Stuttgart, Karlsruhe und Konstanz zu sehen. In Wien wurde die Victoria erstmals 1852 und dann vielleicht noch einige Male in Schönbrunn kultiviert. 1890 begann man die Pflanze in Schönbrunn regelmäßig heranzuziehen. Es wird berichtet, dass das damals erbaute Victoria-Haus in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg, zu Ehren Kaiser Franz Joseph I. alljährlich erst am 18. August dem Publikum geöffnet wurde; man wartete also den Geburtstag des Kaisers ab, obwohl die Pflanze meist schon früher blühte. Eine längere Unterbrechung der Kultur brachte der erste Weltkrieg; auch während des zweiten Weltkriegs und in der Nachkriegszeit gab es keine Victoria in Wien und erst 1950 konnte man sie wieder zeigen. Seit dem Abbruch des alten Reservegartens in Schönbrunn (Mitte der 1950er Jahre) und der Übergabe dieser Grundstücke an den Tiergarten war längere Zeit keine Möglichkeit gegeben, die Königliche Wasserrose in einer öffentlichen Gartenanlage in Wien zu sehen.
Haus mit Heizung für Victoria
Seit 1974/75 ist dies im Botanischen Garten der Universität Wien wieder möglich. Dazu wurde ein Jahr zuvor von den Gärtnern und mit materieller Unterstützung einer Baufirma ein eigenes kleines Haus mit Heizung erbaut. Die sogenannten Victoriahäuser anderer Botanischer Gärten sind meist rund und im victorianischen Stil errichtet. Oft dienen sie gleichzeitig auch als Überwinterungshäuser für Kalthauspflanzen, weshalb eine mehrjährige Kultur der Pflanzen selten ist. Erst in neuerer Zeit versuchen einige Botanische Gärten eine mehrjährige Kultur.
Da unser Botanischer Garten über keine ausreichenden Anzuchtmöglichkeiten verfügt, werden Jungpflanzen im Mai aus dem Botanischen Garten München via den Botanischen Garten Linz bezogen und direkt in unser aus in den 1970er Jahren stammenden "Victoriahaus" ausgepflanzt. Bis heute bietet dieses Haus und Schönbrunn als einzige in Wien die Möglichkeit die imposanten Riesenpflanzen in Wien in natura zu sehen.
Ao. Univ.-Prof. Dr. Michael Kiehn ist der Leiter des Botanischen Gartens und des Departments für Biogeographie, Ing. Frank Schumacher ist der stv. Leiter des Botanischen Gartens und des Departments für Biogeographie. |