Das Fragment als solches gibt es nicht. Es braucht eine Umgebung. Für die deutschen Romantiker war diese Umgebung das Chaos der Wirklichkeit, Gott oder die Unendlichkeit, eben das Totale, das nur anhand von Teilen, Fragmenten kurzfristig sichtbar wird. In der deutschen Frühromantik begreift Friedrich Schlegel das Fragment in seinem Athenäum-Fragment 206 als ein Kunstwerk, das zwar isoliert gesehen werden muss, aber selbst keine Totalität sei. Die Brücke zwischen Endlichem und Unendlichem sollen bekanntlich die Ironie, die Allegorie und der Witz schlagen. Denn nur die Bescheidenheit des uneigentlichen Sprechens gestattet die Öffnung zum Unendlichen, zur Wirklichkeit und zu Gott. Und der war ja in der Aufklärung und der Französischen Revolution abhanden gekommen.
Freiheit des Lesers
Bereits das sprachliche Zeichen beruht auf der Architektur, dass hinter ihm "etwas steckt". So gesehen sind Sprache und Texte immer fragmentarisch, da sie nicht alles sagen. Unter diesem Vorzeichen konnte sich in der 1960er Jahren eine Rezeptionsästhetik entwickeln. Der Nouveau Roman war eine Antwort auf die Herausforderung, dem Leser maximale Freiheit von metaphysischen Doktrinen zu lassen. Doch gibt es einen Beweis für diese Freiheit? Und bleiben diese Texte nicht völlig bedeutungsleer, wenn es ihnen - wie es nicht geschehen ist - gelungen wäre, ohne Geschichtsbezug ihr Unterfangen vollständig umzusetzen? Die Selbstreflexion soll ein für alle Mal vorführen, erlebbar machen, dass der Tod des Autors und die offenen Erzählstrukturen die totale Freiheit des Lesers ermöglichen. So eine Behauptung ist selbstwidersprüchlich. Denn diese Freiheit wird zur Pflicht und ist als solche Unfreiheit.
Gegenbuch
Der Argentinier Jorge Luis Borges hat dieses Paradox in den Mittelpunkt seines Denkens gestellt. Er meint, ein Buch sei nur vollständig, wenn es sein Gegenbuch enthalte. Vollständigkeit heißt hier Selbstwiderspruch. Borges bestreitet den sakralen Kern von Literatur, die Metaphysik, er ist Nihilist. Ein Buch bedeutet immer auch sein Gegenteil. Der französische Regisseur Jacques Rivette hat während der Nouvelle Vague in seinem Erstlingsfilm "Paris nous appartient" - "Paris gehört uns" - von 1959 Borges verarbeitet. Am Anfang blendet er den Filmtitel ein, danach die Worte "Paris n'appartient à personne" - "Paris gehört niemand".
Das spanische Barock hat in seinen literarischen Texten die Interpretation von Texten als eine ständige Annäherung an die Wahrheit beschrieben, die das Dunkel der letzten Erkenntnis unangetastet lassen. Es gibt aber diese Wahrheit noch, sie geht allerdings bei ihrer Behauptung verloren und wird im "Handorakel" von Baltasar Gracián aus dem Jahr 1647 zu "in Licht gehüllter Finsternis".
"Sel noir", "Schwarzes Salz", nannte Edouard Glissant bezeichnenderweise eine seiner frühen Gedichtsammlungen von 1960. Der Autor stammt aus der Karibik, aus Martinique. Glissants Werk ist in Beziehung zur Deutschen Romantik gelesen worden. Dunkelheit, Chaos und Undurchsichtigkeit sind Kernbegriffe in Glissants Vorstellung von einer "identité-relation", einer fragmentierten Identität, die sich nicht aus sich selbst heraus definieren kann, sondern nur in Beziehungen zu anderen, wie die Inseln der Karibik erst durch Beziehungen in einem Archipel ein Ganzes werden.
Aposiopese
Eine rhetorische Figur interessiert in all diesen Zusammenhängen ganz besonders: die Aposiopese, der Satz, der an der entscheidenden Stelle abbricht. Es handelt sich um eine phatische Ellipse, in der der Kontakt zum Zuhörer aufrechterhalten werden soll. Man würde heute von einem Cliffhanger sprechen, bei dem der Held an einer Kante über einem Abgrund schwebt. Tod und Leben stehen zur Wahl, Spannung entsteht durch die Verzögerung der Entscheidung. Der Raum verengt sich durch die Annäherung der Gegensätze, die Zeit dehnt sich durch die vorenthaltene Lösung.
Zappen und klicken
Diese Art der Ellipse, diese paradigmatische Überhöhung des Augenblicks in einem Stillstand der Erzählung, bestimmt jüngere Formen der Textfragmentierung vom Zeitungsroman, über die Filmmontage und die Fernsehserie bis zum Internet. Guy Debord, ein später Avantgardist und Situationist, der 1967 den Begriff der Société du Spectacle prägte, hat in seinen Filmen Fragmente fremder Filme benutzt, ohne sie zu kennzeichnen, ohne zu einem Ende zu kommen. Wir selbst können als freie Bilderleser mit der Fernbedienung das Fernsehprogramm umschalten, mit der Computermaus die Internetseiten wechseln. Wir haben hier eine große Freiheit, uns asymptotisch an ein befriedigendes Angebot anzunähern, das wir dennoch meist nicht finden.
Der Bamberger Soziologie Richard Münch hat vor kurzem behauptet, die Geisteswissenschaften gingen nicht an ihrer Marginalisierung, sondern an ihrem Erfolg zugrunde. Durch die Ausweitung auf die Kulturwissenschaften seien sie ihres "sakralen Kerns" beraubt worden. Schaut man sich die oben genannten Beispiele an, dann steht die Textexegese im Dilthey'schen Sinn nach wie vor im Mittelpunkt der Literaturwissenschaft, nur dass nun die Suche nach dem Sinn zu einem neuartigen Umgang mit den Angeboten in offenen Texten und in den neueren Medien geworden ist, den die Literaturwissenschaft wiederum zu beschreiben hat.
Jörg Türschmann ist seit September 2007 Professor für französische und spanische Literaturwissenschaft mit dem Schwerpunkt Frankophonie im Bereich der Französistik am Institut für Romanistik der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät. |