Die Liebens: Glanz und Untergang einer Familie |
| Lieben-Projekt |
| Simone Kremsberger (Redaktion) am 11. November 2004 |
Sie waren Bankiers und Mäzene, Forscher und Erfinder, in Kunst und Wissenschaft zu Hause. Die Ausstellung "Die Liebens. 150 Jahre Geschichte einer Wiener Familie" im Jüdischen Museum Wien anlässlich des Lieben-Projekts 2004 dokumentiert Aufstieg, Blütezeit und Vertreibung einer außergewöhnlichen Familie im Spiegel der österreichischen Geschichte. |
Den Anfang machte Ignaz Lieben (1805 ? 1862), der 1833 von Prag nach Wien übersiedelte, um die Großhändlerstochter Elise Lewinger zu heiraten. Aufgrund des beschränkten Wohnrechts für Juden musste er um die "Toleranz für Wien" ansuchen. Mit der Gründung der Firma Lieben & Co., zu der später ein privates Bankhaus hinzukam, schuf er das ökonomische Fundament für seine Familie. Deren wissenschaftlich, ökonomisch und kreativ begabte Mitglieder sollten über Generationen hinweg im Wiener Geistes- und Kulturleben eine wichtige Rolle spielen, wie die Ausstellung im Jüdischen Museum Wien belegt. Zu Gast bei den Liebens Dort sind die BesucherInnen "zu Gast bei der Familie Lieben", erläutert Evi Fuks, die mit Gabriele Kohlbauer-Fritz die Schau kuratiert hat. Zu Beginn werden die Personen in Standbildern, Fotos und Gemälden vorgestellt. Die weiteren Ausstellungsräume sind wie Salons aufgebaut. An den Wänden finden sich Dokumente und Bilder zur "äußeren Familiengeschichte", in Vitrinentischen sind sorgfältig ausgewählte persönliche Briefe, Tagebücher und Fotos ausgestellt, die man in Ruhe auf Salonstühlen sitzend betrachten kann. Darunter Schätze wie das Revolutionstagebuch aus den Jahren 1848/49 des damals vierzehnjährigen Sohnes von Ignaz, Leopold Lieben, das von seiner frühen Reife und liberalen Gesinnung zeugt. Wissenschaft, Kunst und Mäzenatentum Die Familie brachte vielseitig begabte Sprösse hervor: Ignaz Liebens Sohn Adolf (1836 - 1914), einem Chemiker, war eine Universitätslaufbahn in Österreich erst verschlossen. Nach der bürgerlichen Gleichstellung der Juden im Jahr 1867 wurde er erst an die Universität Prag und 1875 als Professor für Chemie an die Universität Wien berufen. Er sorgte dafür, dass die vom Vater gestifteten Förderungsgelder den Naturwissenschaften zugute kamen: Der Ignaz-Lieben-Preis galt von 1863 bis 1937 als eine der wichtigsten Auszeichnungen für NaturwissenschafterInnen in Österreich. Adolfs Bruder Richard (1842 - 1919) verfasste mit seinem Cousin und Schwager Rudolf Auspitz die noch heute anerkannte Schrift "Über die Technik des Preises". Daneben war Richard wie andere Familienmitglieder als Kunstsammler tätig: In der Schau ist eine Auswahl seiner Sammlung japanischer Holzschnitte zu sehen, die er dem MAK vermacht hat. Beide Brüder setzten die Tradition des Vaters fort und unterstützten in zahlreichen Stiftungen wohltätige Organisationen. Ignaz Liebens Enkel Robert (1878 - 1913) schließlich gilt mit der Erfindung der "Liebenröhre", ebenfalls in der Schau präsent, als Pionier der Radiogeschichte. Die Lieben-Frauen Die weiblichen Liebens fielen durch künstlerische Ambitionen auf. Etwa Ignaz' Tochter Helene Lieben (1838 - 1896), deren Porträt von Franz Grillparzer in der Ausstellung zu sehen ist. ? Der Dichter bedankte sich mit einem Eintrag in ihr Poesiealbum. Doch die Rollen der bourgeoisen Gesellschaftsdame und der Künstlerin vertrugen sich schlecht: Helene wurde wegen einer Geisteskrankheit in ein Sanatorium abgeschoben. Einen ähnlichen Konflikt erlebte auch Leopolds Frau Anna (geb. Todesco), deren Gedichte sich in der Ausstellung finden. Anna Lieben ging als Freud-Patientin ?Cäcilie M.? in die Geschichte der Psychoanalyse ein. Die größte künstlerische Karriere machte wohl Marie-Louise von Motesiczky (1906 - 1996), eine Urenkelin von Ignaz Lieben. Einige ihrer Arbeiten sind in der Schau vertreten. Widerstand, Exil und Mord Jäh unterbrochen wurde die ruhmreiche Familiengeschichte durch das Jahr 1938, das Verfolgung, Flucht und Exil für die Liebens bedeute ? auch für jene Familienmitglieder, die längst getauft waren. Manchen gelang die Flucht: Marie-Louise von Motesiczky ging mit ihrer Mutter Henriette nach England. Ihr Bruder Karl von Motesiczky hingegen blieb in Österreich und betätigte sich als Widerstandskämpfer, bevor er verraten, nach Auschwitz deportiert und 1943 ermordet wurde. Heute leben nur noch wenige Familienmitglieder in Wien. Die Nachkommen der Liebens, deren Fotos im letzten Ausstellungsraum hängen, sind von Amerika bis Australien verstreut. (sk) Die Liebens. 150 Jahre Geschichte einer Wiener Familie 11. November 2004 bis 3. April 2005 Jüdisches Museum Wien Zur Ausstellung ist im Böhlau Verlag eine gleichnamige Publikation erschienen. Veranstaltungshinweis: In der Reihe "Sonntag bei Liebens" spricht Dr. Rudolf Werner Soukup, Lektor am Institut für Organische Chemie der Universität Wien, im Jüdischen Museum Wien zum Thema "Pioniere der Naturwissenschaften". 12. Dezember 2004, 15 Uhr. |



