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Diskursive (Re-)Konstruktion europäischer Identitäten
EU-Erweiterung
Eszter Bokor (Redaktion) am  3. Mai 2004

Am Institut für Sprachwissenschaft läuft unter der Leitung von o. Prof. Dr. Ruth Wodak ein vom Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank gefördertes Projekt, das die Konstruktion europäischer Identitäten im Zuge der Konventsdebatte über die EU-Verfassung untersucht.

Die Debatte um eine gemeinsame europäische Verfassung dreht sich nicht nur um die Frage nach der konstitutionellen Form der EU, sondern auch um die Frage nach Identitäten: jener der Mitgliedsstaaten und jener Europas. Der Verlauf der Debatte zeigt, wie unterschiedlich die Auffassungen der jeweiligen Länder sind. Das Forschungsprojekt versucht anhand von empirischen Daten aufzuzeigen, welche Identitäten im Zuge der Konventsdebatte von den einzelnen Ländern eingefordert wurden und wie letztendlich "Konsensus" erreicht werden konnte. Die Projektmitarbeiter Mag. Michal Krzyzanowski und Dr. Florian Oberhuber gehen der Frage nach, welches Europa für welche Akteure legitim erscheint und wie deren Selbstverständnis auf europäischer politischer Ebene transformiert wird. Europakonzepte und Identität Gegenstand des Projekts ist der Konvent selbst als Institution, in der konkurrierende Europakonzepte und die ihnen zugrunde liegenden - kulturellen, religiösen, linguistischen, nationalen - Identitäten aufeinander treffen. Das Forschungsprojekt ist interdisziplinär angelegt: Der Neuverhandlungsprozess Europas soll mit Methoden der linguistischen Diskursanalyse und der politischen Soziologie anhand empirischer Daten (Interviews, Reden, Medienanalyse) in mehreren Sprachen (Deutsch, Englisch, Französisch und Polnisch) untersucht werden. Die gegenwärtige Forschung stützt sich auf Ergebnisse vorangegangener Forschungsprojekte, die kollektive - nationale, supranationale, kulturelle etc.- Identitäten untersucht hatten. "Unser Ziel ist eine innovative Weiterentwicklung der Forschung zum Thema europäische Identität sowie ein Beitrag zur Erklärung des notorischen Demokratiedefizits der EU", fasst Mag. Krzyzanowski zusammen. Es geht dabei um die Frage, welchen Beitrag empirische Forschung zur Debatte über das so genannte Demokratiedefizit leisten kann. EU-Erweiterung als diskursiver Prozess Ein Schwerpunkt des Projekts ist die Frage, wie die EU-Erweiterung als diskursiver Prozess im Konvent stattfindet. Analysiert wird auch der - institutionelle, politische, rechtliche - Kontext, in dem diese diskursiven Prozesse im Konvent ablaufen. Auch der "Entwurf für den Vertrag über eine Verfassung für Europa" soll genauer untersucht werden. Es geht bei dem Projekt darum, den Fokus einer traditionellen politikwissenschaftlichen Untersuchung von strukturellen Aspekten auf den kommunikativen Rahmen der Entscheidungsfindung zu erweitern. Das Ziel war nicht die Entwicklung eines ausgereiften Modells der europäischen Integration, sondern die präzise Beschreibung der Vorgänge im Konvent. Die so genannte diskurshistorische Methode, auf die sich das Projekt stützt, wurde von Prof. Ruth Wodak entwickelt, sie verbindet historische, soziologische und politische Analyse und Theorien mit exakten linguistischen Methoden der Textanalyse. "Wir möchten mit unserem Projekt einen Beitrag zur wissenschaftlichen Debatte über europäische Identität bzw. europäische Identitäten leisten. Uns interessieren besonders das Zusammenwirken dreier Bereiche: kollektive Identitätskonstruktionen, demokratische Repräsentation und politische Partizipation der Öffentlichkeit", erklärt Mag. Oberhuber. Medienanalyse und Interviews Zu Beginn des Projekts wurde ein internationaler Workshop veranstaltet, um theoretische und methodologische Fragen zu diskutieren. Zurzeit werden Medientexte zum Konvent sowie zur Regierungskonferenz im Dezember 2003, als die Einigung über den Verfassungsentwurf scheiterte, gesammelt und analysiert. 15 Qualitätszeitungen aus acht europäischen Ländern, darunter Spanien und Polen, die dem Entwurf nicht zugestimmt hatten, werden in die Studie einbezogen. Beim Europäischen Konvent im Dezember 2002 wurden bereits rund 40 Interviews mit Konventsmitgliedern und Mitgliedern anderer zentraler EU-Institutionen geführt. Auch zahlreiche Plenarsitzungen und Treffen verschiedener Arbeitsgruppen wurden untersucht. Im Jänner 2004, nachdem die Kommission ihre Arbeit beendet hatte, wurde noch eine Serie von Interviews mit MitarbeiterInnen des Konventssekretariats geführt, um einen "Blick hinter die Kulissen" werfen zu können. In der jetzigen Projektphase geht es um die Erhebung und Beschreibung der komplexen Vorgänge im Konvent. Die Interpretation der empirischen Daten ist die nächste Phase des Projekts. Für Anfang 2005 ist eine internationale Abschlusskonferenz - voraussichtlich an der University of East Anglia, Norwich - geplant, wo die Ergebnisse des Projekts vorgestellt und diskutiert werden sollen. Die Ergebnisse werden anschließend als Buch publiziert. (eb) Projekt "The Discursive Re-/Construction of European Identities" Forschungsschwerpunkt Diskurs - Politik - Identität Institut für Sprachwissenschaft

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