Eines der wichtigsten Entwicklungsgebiete Europas ist Zentraleuropa. Dem begegnet die Universität Wien mit ihrem zentralen Standort einerseits mit dem universitären Forschungsschwerpunkt "Europäische Integration und südöstliches/östliches Europa" und andererseits mit dem neuen Initiativkolleg "Kulturen der Differenz: Transformationsprozesse im zentraleuropäischen Raum. Gegenwärtige Perspektiven, historische Kontexte". Thematischer Ausgangspunkt sind jeweils die radikalen Veränderungen der Region seit 1989.
Interdisziplinarität des Themas,...
"Der Systemwechsel, der 1989 in Zentraleuropa stattfand, hatte signifikante Ausmaße", gibt Univ.-Prof. Dr. Heinz Faßmann, Sprecher des Initiativkollegs und designierter Dekan der Fakultät für Geowissenschaften, Geographie und Astronomie, zu bedenken. Dementsprechend erfassten die folgenden Transformationsprozesse alle Schichten des gesellschaftlichen Lebens. "Transformationsprozesse betreffen die Geographie genauso wie die Literatur oder das soziale Leben", schildert Heinz Faßmann die interdisziplinäre Annäherung an das Thema. "Durch die kulturelle Wende in vielen human- und sozialwissenschaftlichen Fächern wird diese Inter- bzw. Transdisziplinarität bedeutend erleichtert, weil hier ein gemeinsamer Fokus vorliegt, der in allen beteiligten Fächern von Belang ist. Gerade die Veränderungen in Zentraleuropa machen die Bedeutung kultureller Faktoren für gesellschaftliche Veränderungen sichtbar", meint der stellvertretende Sprecher des Kollegs, der Germanist und Kulturtheoretiker Univ.-Doz. Dr. Wolfgang Müller-Funk.
... der Träger und der DoktorandInnen
Die Interdisziplinarität spiegelt sich in der Zusammensetzung der Träger des Initiativkollegs (IK) wider: Beteiligt sind das Institut für Europäische und Vergleichende Sprach- und Literaturwissenschaft, das Institut für Geographie und Regionalforschung, das Institut für Germanistik, das Institut für Zeitgeschichte sowie das Institut für Politikwissenschaft. Aus all diesen Bereichen kommen auch die zwölf JungwissenschafterInnen, die ab Oktober im Rahmen des Kollegs an ihrer Doktorarbeit arbeiten und als KollegialassistentInnen an der Universität angestellt sind. Der enge Kontakt mit den KollegInnen im Rahmen des IK soll nicht nur Motivation, sondern außerdem fachliche Vorteile gegenüber dem individuellen Doktoratsstudium mit sich bringen. Für eine/n DoktorandIn aus beispielsweise der Politikwissenschaft kann es interessant sein zu hören, wie sich Transformationsprozesse im östlichen Europa in der Literatur niedergeschlagen haben oder was die Geographie damit zu tun hat. "Wir hoffen auf eine gegenseitige Vernetzung und Befruchtung", so Heinz Faßmann.
Großer Andrang
Der Andrang für das innovative, dreijährige Doktorratsprogramm war dementsprechend groß. 110 Bewerbungen gingen aufgrund der Ausschreibung für die zwölf Stellen ein. "Auf der einen Seite war ich erfreut, dass das Kolleg auf so großes Interesse stößt. Auf der anderen Seite hat es mich bedenklich gestimmt, weil es offensichtlich ein unglaubliches Potenzial interessierter DoktorandInnen gibt", sagt Heinz Faßmann. Grundlage der Auswahl der zwölf NachwuchswissenschafterInnen waren die Originalität des eingereichen Exposés der geplanten Doktorarbeit und der Lebenslauf der/des KandidatIn.
Erfolgreiche KandidatInnen
Unter den erfolgreichen KandidatInnen sind sieben Frauen. Aufgrund von Sprachbarrieren konnten sich weniger BewerberInnen aus dem osteuropäischen Raum durchsetzen als gewünscht. Die nördlichste Teilnehmerin kommt aus Estland. Die Dissertationsthemen reichen von den Veränderungen der kulturellen Vorstellungen über Besiedlungsstruktur und Wohnbau in ländlichen Regionen Zentraleuropas und imaginäre Vergangenheitsaufarbeitung in Jugoslawien bis hin zum tschechoslowakischen Trickfilm als Spiegel gesellschaftlicher und politischer Prozesse.
Große Züge der Entwicklung
Alle Themen beziehen sich auf den thematischen Ausgangspunkt des Initiativkollegs - die radikalen Veränderungen Zentraleuropas nach dem Systemwechsel 1989. Mit dem Zerfall der kommunistischen Staatenwelt wurde ein historisch beispielloser Transformationsprozess ausgelöst. Trotz der Heterogenität der Region gibt es Gemeinsamkeiten in der Entwicklung. Beispielsweise sind Formen wachsender sozialer Ungleichheit mit der Hinwendung zum liberalen Markt eine beobachtbare Komponente. "Die Schere zwischen Arm und Reich geht mit Sicherheit auseinander, aber auch der Unterschied zwischen Zentrum und Peripherie wächst", resümiert Fassmann. Politisch stehen die neuen Nationalstaaten vor der Herausforderung, eben gewonnene Verantwortlichkeiten auf supranationale Ebene wieder abzugeben. Im Initiativkolleg wird man versuchen, die großen Entwicklungszüge aus den unterschiedlichen Bereichen herauszuarbeiten.
ExpertInnen der Universität Wien und außeruniversitäre Expertise
Eine Lehrveranstaltung in Form einer Ringvorlesung gibt es eigens für das Kolleg. Ansonsten wird auf die bestehenden Curricula zurückgegriffen. Während anfangs in erster Linie die am IK beteiligten Institute die Vorlesungsreihe bestreiten, gibt es später die Möglichkeit, GastforscherInnen einzuladen. Wer das sein wird, soll gemeinsam ausgewählt werden: "Das hängt ganz vom Interesse der KollegialassistentInnen ab. Sie haben hier eine gewisse Freiheit, sich bestimmte WissenschafterInnen zu wünschen." (hh) |