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Im April 2006 betrug die Arbeitslosenrate in Österreich nach EU-Berechnung 5 Prozent. In der gesamten EU liegt sie bei 8,5 Prozent; im Februar waren 18,4 Millionen Menschen EU-weit arbeitslos. 2005 wurde ein Höchstwert der von Arbeitslosigkeit betroffenen Personen in Österreich erreicht: 801.521. 84 Prozent aller arbeitslosen ÖsterreicherInnen haben maximal einen Pflichtschulabschluss.


Institut für Philosophieder Fakultät für Bildungswissenschaft und Philosophie Grundeinkommen          
Ein fixes Grundeinkommen für alle?
Schöne neue Arbeitswelt, Wissenschaft
Thomas Mündle (Redaktion) am 18. Mai 2006

Europa hat ein Problem: Eine junge und gebildete Generation findet nur schwer Arbeit. Fehlt es den jungen Leuten vielleicht an relevantem Wissen? Doch: Was heißt "relevantes Wissen" überhaupt? Der Philosoph Manfred Füllsack erklärt, warum Wissen allein keine Jobgarantie und eine durchgängige Berufsbiografie bedeutet. Eine Idee in diesem Zusammenhang ist, die Möglichkeit eines Grundeinkommens zu diskutieren.

In seinem neuen Buch "Zuviel Wissen?" geht der Philosoph Dr. Manfred Füllsack der Frage nach, was relevantes Wissen überhaupt ist, warum sich dies heute nicht mehr so ohne weiteres beantworten lässt - und warum Wissen noch keine Jobgarantie bedeutet. In seinem zweiten neuen Buch "Globale soziale Sicherheit. Grundeinkommen - weltweit?" diskutiert er, nicht zuletzt auch im Hinblick darauf, mit einer Reihe internationaler Experten die Möglichkeiten eines Grundeinkommens für alle.

Redaktion: Herr Füllsack, was ist relevantes Wissen?
Manfred Füllsack: Gute Frage. Wenn sie etwa Philosophen danach fragen, werden sie ganz unterschiedliche Antworten hören: Dabei ist diese Vielfalt an Stimmen aber nicht allein typisch für die Philosophie. Auch Physiker verstehen heute nicht immer, was gerade im Labor nebenan geschieht. Jeder hält aber sein Spezialgebiet natürlich für wichtig und versucht, dessen Relevanz entsprechend zu belegen. Dies gehört zu den Existenzbedingungen der Wissensarbeit in unserer Zeit.

Redaktion: Wer "macht" nun das relevante Wissen?
Füllsack: Traditionellerweise wird zum Beispiel die Universität als Hort relevanten Wissens angesehen. Aus klassischer Sicht wäre es so, dass mich die Universität als Lehrenden anstellt, weil ich über relevantes Wissen verfüge. Nicht zu übersehen ist allerdings heute, wie viel Aufwand Universitäten - etwa mit Hilfe von PR-Abteilungen, Nobelpreisträgerlisten, Internetauftritten etc. - betreiben müssen, um das in ihrem Rahmen angebotene Wissen als relevant erscheinen zu lassen. Es stellt sich damit die Frage, ob ich an der Universität lehre, weil ich über relevantes Wissen verfüge, oder ob es nicht so ist, dass mein Wissen dadurch, dass es mit der Universität assoziiert ist, erst Relevanz erhält.

Redaktion: Heißt das, dass die Studierenden nur scheinbar relevantes Wissen erhalten?
Füllsack: Natürlich wollen sich gerade die Studierenden darauf verlassen können, dass sie relevantes Wissen bekommen. Ein Studium beginnt man in der Regel in der Hoffnung auf bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Diese stellen sich allerdings aktuell in der Dynamik der Wissensstände zunehmend in Frage.

Redaktion: Sind die Universitäten lediglich zu starr organisiert, um relevantes Wissen liefern zu können?
Füllsack: Vielleicht auch ein wenig. Eines der Probleme liegt darin, dass selbst bei größter Marktbezogenheit beständig Verwerfungen entstehen, die dafür sorgen, dass Angebot und Nachfrage nicht zusammenpassen. Ein Beispiel: Zu Ende der 1980er hat man Informatik als aussichtsreiches Studium angepriesen. Es hieß, damit seien leicht Jobs zu finden. Als Mitte der 1990er die meisten Studierenden fertig waren, gab es ein Überangebot an Informatikern und es waren keine Jobs mehr zu haben. Daraufhin sind die Mittel für Informatik an den Universitäten gekürzt worden. Aber nur wenige Jahre später ist der Internetboom ausgebrochen, und an Informatikern hat großer Mangel geherrscht. Folglich hat man wieder mehr Gelder für neue Lehrgänge bereitgestellt, doch bis die neuen Studierenden fertig waren, war die New-Economy-Blase schon wieder geplatzt.

Redaktion: Da Sie hier ein Beispiel aus dem letzten Jahrzehnt genannt haben, scheint diese Schnelligkeit im Wandel ein relativ junges Phänomen zu sein?
Füllsack: Die Schnelligkeit an sich, also etwa die Halbwertszeit des Wissens, hat sich vielleicht gar nicht verändert. Aber die Differenzierung und Spezialisierung des Wissens und vor allem die Vielfalt der gleichzeitig ungleichzeitig ablaufenden Dynamiken, denen es unterliegt, machen es heute, da Wissen als primärer Produktionsfaktor angesehen wird, nahezu unmöglich, noch einigermaßen sicher vorauszusagen, welches Wissen in Zukunft relevant sein wird und welches nicht. Jobgarantien kann es deshalb heute keine mehr geben.

Redaktion: Und Ihre Schlussfolgerung aus dieser Situation ist es nun, die Möglichkeit eines Grundeinkommens für alle zu untersuchen. Ist diese Idee nicht ein wenig weit hergeholt? Wie viel Geld soll man denn für das Nichtstun jeden Monat bekommen?
Füllsack: Die von den verschiedenen VertreterInnen dieser Position diskutierte Höhe des Grundeinkommens bewegt sich, in unseren Breiten, so um die 800 Euro pro Monat. Das Grundeinkommen würde dabei an wirklich alle gehen - also auch an jene, die ein klassisches Erwerbseinkommen beziehen. Die Personen mit zusätzlichem Einkommen müssten aber entsprechend besteuert werden. Dabei bin ich überzeugt, dass das nicht dazu führen würde, dass die Menschen einfach nichts mehr tun würden. Im Gegenteil, es würde sehr viel kreative Energie frei gesetzt. Natürlich handelt es sich bei dieser Lösung um keine philosophische (logische) Schlussfolgerung (im streng philosophischen Sinne), sondern um einen pragmatischen Vorschlag, in den noch zahlreiche andere Gedanken mit hineinspielen.

Redaktion: Wie etwa?
Füllsack: Beispielsweise, dass die klassische Erwerbsarbeit - der Nine-to-five-Job - ein Auslaufmodell ist. In Zukunft wird es vermehrt Patchwork-Biografien geben. Lebensläufe werden eine bunte Mischung aus Arbeits- und Fortbildungszeiten und anderen Aktivitäten wie Pflege- oder Erziehungsarbeit darstellen. Gerade diese anderen Aktivitäten, die oft unbezahlt sind, könnten durch ein garantiertes Grundeinkommen eine Aufwertung erfahren. Bisher sind sie ja kaum als richtige Arbeiten wahrgenommen worden, obwohl sie das natürlich sind und unserer Gesellschaft auch zugute kommen. Auch würden für kreative Tätigkeiten - seien diese nun künstlerischer, wissenschaftlicher oder unternehmerischer Natur - mehr Freiräume geschaffen. Speziell für junge Leute, die ja oft gute Geschäftsideen haben, aber vor den damit verbundenen Risiken zurückschrecken, könnte das Grundeinkommen als sichere Experimentierbasis dienen. Schließlich könnte man sich auch teure ExpertInnen-Diskussionen, wie zuletzt jene über die Schwerarbeit, teilweise ersparen. Arbeitslose müssten nicht mehr in jedem Fall unbedingt in Umschulungen geschickt, betreut und aufwändig kontrolliert werden. Der große Verwaltungsapparat, den das Problem Arbeitslosigkeit mitproduziert hat, könnte entsprechend gestrafft werden.

Redaktion: Jetzt haben Sie ja beinahe wie ein Ökonom geklungen. Wie reagieren Wirtschaftsleute auf Ihre Ideen?
Füllsack: Bei klassischen Wirtschaftstreibenden existiert natürlich eine gewisse Hemmschwelle. Aber ich bin immer wieder überrascht, wer sich alles für diese Idee interessiert. Aktuell steigt jedenfalls das Interesse unter PolitikerInnen wie auch bei den Medien deutlich. (tm)


Dr. Manfred Füllsack ist Sozialphilosoph und lehrt am Institut für Philosophie sowie am Institut für Osteuropäische Geschichte.

Lesetipps:
>> Manfred Füllsack: Zuviel Wissen? Zur Wertschätzung von Arbeit und Wissen in der Moderne. Berlin: Avinus Verlag 2006.
>> Manfred Füllsack (Hg.): Globale soziale Sicherheit. Grundeinkommen - weltweit? Berlin: Avinus Verlag 2006.
>> Manfred Füllsack: Leben ohne zu arbeiten? Zur Sozialtheorie des Grundeinkommens. Berlin: Avinus Verlag 2002.

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