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Ein Stück Medizingeschichte
Orte der Universität Wien
Dieter N. Unrath (Redaktion) am 17. Juli 2003

Im Rahmen der Serie "Orte der Universität Wien" stellt DieUniversitaet.at diesmal die Bibliothek des Josephinums vor. Sie ist Teil des Instituts für Geschichte der Medizin, das Gebäude befindet sich auf der Währingerstraße in Wien-Alsergrund.



Das Josephinum wurde 1785 von Joseph II. zur Heranbildung von Militärärzten gegründet und wurde von Isidor Canevale im Stil des Klassizismus erbaut. Die Institutsbibliothek ist die Abteilungsbibliothek der 1994 gegründeten Österreichischen Zentralbibliothek für Medizin und die einzige medizinhistorische Fachbibliothek Österreichs.

Das Josephinum in Wien-Alsergrund (Foto: du)

Der Gesamtbestand beträgt 95.000 Bände mit einer umfangreichen medizinhistorischen Sekundärliteratur. Noch heute erhält die Bibliothek auch zusätzlich Bestände durch den Eingang zahlreicher privater Ärztebibliotheken. Alle Werke ab 1990 sind im Online-Katalog integriert.

Das Prunkstück: Die Josephinische Bibliothek

In der Josephinischen Bibliothek befinden sich die ältesten Bücher im Haus. "Diese Bibliothek ist eine Abteilungsbibliothek des Instituts für Geschichte der Medizin. Das ist sozusagen der alte Kern der Bibliothek. Ursprünglich wurden diese Bücher für die Akademie der Wissenschaften angeschafft, die zur Ausbildung der Militärchirurgen dienten", erklärt Dr. Brigitte Kranz, Abteilungsleiterin der Bibliothek. Zur Josephinischen Bibliothek zählen auch kaiserliche Erlässe, amtliche Zirkulare und militärärztliche Rundschreiben.

Die Bibliotheka Josephina des Instituts für Geschichte der Medizin im Josephinum (Fotos: Institut für Geschichte der Medizin)

"Nach und nach sind durch Schenkungen auch andere Bücher hinzugekommen, so dass wir jetzt ca. 6000 Signaturen in der Josephinischen Bibliothek haben. Für viele Bücher ist aber kein Platz mehr", beklagt Kranz. Sehr viele Werke werden daher im alten Garnisonsspital und im Keller des Instituts für Kardiologie gelagert. Das älteste Werk ist ein Buch über die Pest aus dem Jahre 1478. Weiters gibt es 20 Inkunabeln und Frühdrucke vor 1520. Das Schwergewicht bilden aber Bücher des 17. und 18. Jahrhunderts, die ja Grundlage des Unterrichtsum 1780 waren. Nicht nur medizinische Bücher sind vorhanden, sondern auch Werke aus den Bereichen Botanik, Zoologie, Mineralogie, Veterinärmedizin (bes. Pferdeheilkunde), Meteorologie, Astrologie, Geomantie und Magie. Eine Kuriosität ist eine Rede über antike medizinische Philosophie, wie sie der Neuen Welt angepasst werden möge. Der Verfasser, Jean Francois Coste, war Franzose, der Druck erfolgte zu Leiden in Holland, abgefasst war die Rede in lateinischer Sprache, gehalten 1782 in Williamsburg, Virginia, und ihre Widmung ging an George Washington.

Einzigartig: Die Bibliothek für Ethnomedizin

Eine eigene Abteilung bildet die Ethnomedizin, die sich nicht nur mit der Beschreibung "exotischer" Heilweisen beschäftigt, sondern auch ganz konkrete Hilfestellungen im klinischen Alltag bietet. Am 23. April 1993 wurde die Abteilung gegründet und damit erstmals im deutschen Sprachraum als Fachgebiet institutionalisiert. Somit wurde ein kleiner Schritt in Richtung der angelsächsischen und frankophonen Universitäten gesetzt, in denen die "Medical Anthropology" schon seit Jahrzehnten ein anerkanntes und wichtiges Fachgebiet darstellt. Die Bibliothek ist einzigartig: "So eine ethnomedizinische Sammlung gibt es in Österreich sonst nicht.Wir sind die Anlaufstelle für die Fernleihe aus dem ganzen Land. Es werden fleißig Bücher bestellt, und zwar viel mehr als vom anderen Bestand", so Brigitte Kranz.

Ein Buch aus der Josephinischen Bibliothek, Titelblatt mit Text  und gemalten Blumen

StudentInnen, pensionierte ÄrztInnen und Forschungsreisende

   

Die Bibliotheken werden von einem gemischtem Publikum besucht. Die Studierenden interessieren sich vor allem für die ethnomedizinische Sammlung, StudentInnen der Geschichte besonders für Sozialgeschichte und Sozialhygiene. "Dann gibt's die Touristen als ‚Forschungsreisende', die im Sommer vorbeischauen, in den Archiven stöbern, sehr viel kopieren und sich vor allem auch für ältere Literatur interessieren", so Kranz.

Der Lesesaal des Josephinums zur Währingerstraße hin; in der  Mitte die Büste Kaiser Josephs II

 

MedizinstudentInnen hingegen benutzen die Bibliothek relativ wenig, weil die Geschichte der Medizin kein Pflichtfach ist. Die Medizingeschichte wendet sich eher ÄrztInnen zu, die nicht mehr direkt im hektischen Berufsleben stehen oder bereits pensioniert sind.  Die Bibliothek ist auf jeden Fall durch den großen Altbestand bei (Medizin-)HistorikerInnen sehr bekannt, außerdem ist der Lesesaal eine Attraktion, den man auch für Veranstaltungen mieten kann. (du)

Literaturtipp:   Helmut Wyklicky, Das Josephinum. Biographie eines Hauses. Wien 1985

Institut für Geschichte der Medizin
Österreichische Zentralbibliothek für Medizin

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