Es dämmert, der Morgen bricht an. Wir werden durch eine Fülle von Geräuschen aus dem Schlaf gerissen: hohles Pfeifen von Fröschen, schrilles Gezirpe vieler Insekten, Vogelgezwitscher, nervöses Schwirren von Kolibris ... Beinahe wachsen die knallroten Helikonien durchs Fenster ins Zimmer, Orchideen, Bananenstauden und bunte Stauden und Sträucher versperren die Sicht. Bald hebt sich der Morgennebel, und die noch schemenhaften Silhouetten riesiger Tropenbäume nehmen im Glanz der aufgehenden Sonne konkrete Gestalt an. In der Ferne hört man zänkisches Geschrei von baumbewohnenden Affen, die ihr Territorium verteidigen.
Sind wir im Paradies? Natürlich nicht, aber wir sind eben auf der "Tropenstation La Gamba" im feucht-tropischen Süden von Costa Rica, im "Regenwald der Österreicher", erwacht. "Wir", das ist eine Gruppe von Studierenden und Professoren der Biologie an der Fakultät für Lebenswissenschaften, die zurzeit ein Projektpraktikum an der Tropenstation absolvieren.
Früchte und Bohnen zum Frühstück
Gleich nach dem stärkenden Frühstück mit tropischen Früchten, köstlichem costaricanischen Kaffee und dem typischen "Pinto" - ein einfaches Bohnengericht mit Reis und allerlei Gewürzen - beginnt die tägliche Arbeit. Die Gerätschaften für die Feldarbeit werden eingepackt: Bodenbohrer, Plastiksäcke, Klimamessgeräte, Feldstecher, diverse Sammelgefäße, die bis zu zehn Meter aus einzelnen Alu-Rohren zusammensteckbare Baumschere zum Sammeln von Zweigproben höherer Bäume und vieles mehr. Nicht zu vergessen die Foto- und Filmkameras zur Dokumentation unserer Arbeit. Dann geht's los. Schon nach zehn Minuten erreichen wir "unseren" Regenwald, ein Stück völlig unberührter Natur, das zur Tropenstation La Gamba gehört. Bei 27 Grad Celsius und 90 Prozent Luftfeuchtigkeit rinnt schon nach der ersten Steigung im dampfenden Urwald der Schweiß in Strömen.
Bodenproben, Tier-Pflanzen-Interaktion, Biodiversität
Die Gruppen verteilen sich im Wald, der von uns regelrecht "vermessen" wird - im Großen wie im Kleinen: Eine Gruppe unter der Leitung von Andreas Richter und Wolfgang Wanek widmet sich dem Nährstoff- und Kohlenstoffhaushalt des Waldes. Eine zweite Gruppe von Studierenden unter der Leitung von Veronika Mayer und Franz Hadacek ist den vielfältigen Interaktionen zwischen Pflanzen und Tieren auf der Spur. Schließlich versucht eine dritte Gruppe unter der Leitung von Werner Huber, einem der wissenschaftlichen Koordinatoren der Tropenstation, und Roland Albert, die komplexe Vegetationsstruktur und die hohe pflanzliche Biodiversität innerhalb abgesteckter "plots" von zehn mal zehn Metern zu erfassen.
Neues Laborhaus
Zu Mittag geht es wieder zurück zur Station, im "Comedor", dem kleinen Stationsrestaurant, erwartet uns schon ein Gemüseeintopf mit Salat und kühlenden Getränken. Viel Zeit zur Erholung bleibt jedoch nicht, da die Proben am Nachmittag bearbeitet werden müssen. Dazu steht uns ein funkelnagelneues klimatisiertes Laborhaus zur Verfügung! Dank der Unterstützung durch die Fakultät für Lebenswissenschaften und des Rektorats der Universität Wien konnte eine Grundausstattung zum Betrieb unseres neuen, vielseitig verwendbaren Labors angeschafft werden. Mit Feuereifer gehen die Studierenden ans Werk. Die wichtigen Nährstoffe Stickstoff und Phosphor werden in den mitgebrachten Blatt- und Bodenproben sowie in den pflanzlichen Bestandsabfällen analysiert; die Bodenatmung und die Aktivität der Mikroorganismen im Boden werden gemessen. Aus all diesen Daten können Rückschlüsse auf den Nährstoffhaushalt des komplexen Regenwald-Ökosystems gezogen werden.
Die "Tier-Pflanzen-Interaktionsgruppe" setzt Experimente an, die demonstrieren sollen, ob Schmetterlingsraupen jene Blätter fressen, auf denen sie gefunden wurden. Und helfen Ameisen, die durch "extraflorale" Nektarien dieser Blätter angelockt werden, tatsächlich vor den tierischen "Fressmaschinen", sprich Raupen - eine sehr spannende, aber auch "bissige" Beschäftigung, wenn man nicht aufpasst und den Ameisen zu nahe kommt!
Die Biodiversitäts-Gruppe kämpft sich tapfer durch die Vielfalt an unbekannten Pflanzen, aber mit Hilfe des von Mitarbeitern der Universität Wien verfassten "Field guide to the flowering plants of the Golfo Dulce rainforest" und des Vergleichsherbars an der Station kann die Mehrzahl der aufgesammelten Pflanzen auch identifiziert werden. Durch die sehr gute mikroskopische Ausstattung können auch Einblicke gewonnen werden, wie sehr sich die Blattmerkmale von Pflanzen der unterschiedlichen Lebensformen (Bäume, Epiphyten, Lianen usw.) unterscheiden.
Fast zu früh neigt sich der tropische Tag zu Ende, jeden Tag ab sechs Uhr abends ist es schon dunkel. Nach unserer Labung im Restaurant Comedor wird dieses rasch in eine "Seminarterrasse" verwandelt, die Leinwand wird heruntergekurbelt, Laptop und Beamer werden aufgebaut und Referate der Studierenden zu den bearbeiteten Themen lassen den langen Arbeitstag ausklingen.
Neue Möglichkeiten für wissenschaftliche Bearbeitung
Dass "unsere" Tropenstation La Gamba sich zu einem wichtigen Fokus für Lehre und Forschung an der Universität Wien entwickelt hat, verdanken wir dem synergistischen Zusammenwirken von drei Kräften: einmal der Privatinitiative von Michael Schnitzler, der im Rahmen des Freikauf-Projekts "Regenwald der Österreicher" nicht nur den "Esquinas"-Regenwald um La Gamba gerettet, sondern auch die Tropenstation La Gamba begründet und der Universität Wien zur Verfügung gestellt hat. Zweitens ist dem Wissenschaftsministerium zu danken, das unser Projekt "Tropenstation La Gamba" über eine Basissubvention unterstützt.
Und natürlich danken wir der Universität Wien selbst, die den Neubau des klimatisierten Labors ermöglichte und neben dem "Verein zur Förderung der Tropenstation La Gamba" als Trägerorganisation der Tropenstation die beiden wissenschaftlichen Koordinatoren, Werner Huber und Anton Weissenhofer, maßgeblich mitfinanziert. Mit dem nun im Rahmen des Projektpraktikums "eingeweihten" Labor stehen der Tropenstation La Gamba fantastische neue Möglichkeiten zur wissenschaftlichen Bearbeitung der vielen noch offenen tropenbiologischen und tropenökologischen Fragestellungen zur Verfügung!
Ao. Univ.-Prof. Dr. Roland Albert ist am Department für Chemische Ökologie und Ökosystemforschung der Fakultät für Lebenswissenschaften tätig. |