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Erfolgreiches Symposium "Österreich und der Nationalsozialismus"
Wissenschaft und Nationalsozialismus
Dieter N. Unrath (Redaktion) am 10. Juni 2003

Letzte Woche fand das Symposium "Österreich und der Nationalsozialismus - die Folgen für die wissenschaftliche und humanistische Bildung" statt. Trotz drückender Hitze ließen es sich zahlreiche Interessierte nicht nehmen, am Symposium teilzunehmen. Der Kleine Festsaal der Universität Wien war beinahe zum Bersten voll.

Der Medienrummel war groß, in fast allen wichtigen Zeitungen und elektronischen Medien wurde über die Veranstaltung ausführlich berichtet. Kein Wunder, zahlreiche Top-WissenschafterInnen aus den USA, Großbritannien, Deutschland, der Schweiz, Ungarn und Österreich nahmen daran teil, u.a. die beiden Nobelpreisträger Walter Kohn (Chemie 1998) und Eric Kandel (Medizin 2000), der renommierte Wissenschaftshistoriker und Physiker Gerald Holton, die Historiker Fritz Stern und Peter Pulzer, die Germanistin Ruth Klüger sowie der Physiker Harry Lustig. Alle haben das gleiche Schicksal: Sie wurden mit ihren Familien vertrieben und machten in den USA Karriere. Am Symposium nahmen auch zahlreiche WissenschafterInnen der Universität Wien teil wie Friedrich Stadler, Mitchell Ash, Johanna Gehmacher, Michael Hubenstorf, Oliver Rathkolb, Wolfgang Reiter, Gerald Stourzh, Ruth Wodak und Karl Sigmund, der eine Ausstellung im Arkadenhof organisierte, die sich mit dem Exodus der Mathematik, darunter die Spitze der Wiener Versicherungsmathematiker, beschäftigte. DieUniversitaet.at fasst die Vorträge von Holton, Kohn und Kandel zusammen.

Gerald Holton - Project "Second Wave"

Einen Vergleich von Wissenschaftskulturen stellte der in Wien geborene renommierte Wissenschaftshistoriker und Physiker Gerald Holton aus Harvard an, indem er zeigt, dass viele der heute Weltberühmten noch als Kinder in die USA kamen und dort den Bildungsweg durchliefen. Holten untersucht in seiner Studie "The Second Wave", was mit den vielen Kindern, die in die USA emigrieren mussten, passiert ist, welche Karrieren sie gemacht haben und wie es ihnen nach ihrer Vertreibung ging. Holton stellte fest, das rund 26.000 Kinder und Jugendliche zwischen 1937 und 1945 aus Österreich in die USA gekommen sind. Sie konnten fast kein Wort Englisch, hatten kein Geld und keine abgeschlossene Ausbildung. Trotz dieser ungünstigen Umständen haben zahlreiche Flüchtlinge Karriere gemacht. Zwei Jahren lief das Forschungsprojekt, wobei 6.000 EmigrantInnen mittels Fragebögen befragt und rund 100 Interviews gemacht wurden. Untersucht wurde der Bildungsstand, die Einkommenshöhe und die berufliche Position bis zum Jahr 1970. Die Antworten der als Kinder aus Österreich Vertriebenen wurden mit einer Kontrollgruppe von US-Bürgern verglichen. Dabei zeigt sich ein interessantes Ergebnis: 15 Prozent der befragten Amerikaner haben einen College-Abschluss und acht Prozent einen Universitätsabschluss. Bei den ursprünglich aus Österreich stammenden Befragten hingegen hatten 51 Prozent ein College-Abschluss und 36 Prozent einen Hochschulabschluss. Dafür mussten die Flüchtlinge den Preis der verlorenen Kindheit bezahlen.

Walter Kohn: "Mein verehrter Wiener Lehrer, Prof. Dr. Emil Nohel"

Prof. Walter Kohn, Nobelpreisträger für Chemie und Physiker an der Harvard University, hielt einen Vortrag mit dem Titel "Mein verehrter Wiener Lehrer, Professor Doktor Emil Nohel". Schließlich weckte sein ehemaliger Lehrer sein Interesse für die Naturwissenschaften: "Er führte mich zur Physik und damit auch zum Nobelpreis", so Kohn. Kohn wurde 1923 in Wien geboren und besuchte das Akademische Gymnasium, das er nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten verlassen musste, um ans jüdische Chajes Gymnasium zu wechseln. Dort war Emil Nohel sein Physik- und später auch Lateinlehrer, als der Vorgänger von der Gestapo verhaftet wurde. Vor seiner Tätigkeit als Lehrer war er Assistent von Albert Einstein in Prag. Emil Nohel wurde gemeinsam mit seiner Schwester in Auschwitz ermordet. Nicht nur über seinen Lehrer, auch über das Schicksal ehemaliger KlassenkollegInnen am Jüdischen Chajes Gymnasium in Wien erzählte Kohn einiges. So wurden zumindest vier der Schüler seiner Klasse Professoren der Mathematik oder der Physik im Ausland. Walter Kohn konnte Österreich verlassen und machte als Physiker in den USA Karriere. Kohn erklärte über seine Flucht: "Wir betrachteten uns immer als Flüchtlinge, nicht als Emigranten."

Eric Kandel: "Der Einfluss Wiens auf mein Leben in den Vereinigten Staaten"

Der Neurobiologe und Medizinnobelpreisträger Eric Kandel war zehn Jahre alt, als er mit seinen Eltern 1939 in die USA flüchten musste. Seine Ankunft in den USA bezeichnete der Laureat als befreiende Erfahrung. "Doch aufgrund meiner Wiener Herkunft schlägt mein Herz gelegentlich immer noch im Dreiviertel-Takt, und ich bleibe fasziniert von der europäischen und besonders der Wiener Kultur und Geschichte", so Kandel. In Harvard studierte er zunächst zeitgenössische europäische Geschichte und Literatur und verfasste eine Dissertation über die Haltung der deutschen Schriftsteller Carl Zuckmayer, Hans Carossa und Ernst Jünger zum Nationalsozialismus. Während seiner Studienzeit in Harvard lernte er verschiedene Personen kennen, deren Eltern Mitglieder des Freud'schen Kreises in Wien waren. Diese beeinflussten seinen Interessenwechsel von Geschichte zur Untersuchung des menschlichen Geistes. Kandel studierte Medizin und promovierte 1956 an der New York University School of Medicine. Während seiner Tätigkeit am Labor für Neurophysiologie der weltberühmten nationalen US-Gesundheitsbehörde im Bundesstaat Maryland deckte er organische Veränderungen im Rahmen von Signalübermittlungen und Gedächtnisbildung auf. Im Jahr 2000 erhielt er den Nobelpreis für Medizin. Kandel ist nach wie vor Universitätsprofessor an der Columbia University und Seniorwissenschafter des Howard Hughes Medical Institute. 1994 erhielt er das Ehrendoktorat der Universität Wien. (du)

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