Erklär mir, Liebe |
| Liebe |
| Michaela Hafner (Redaktion) am 17. Mai 2005 |
Frühlingszeit, Liebeszeit: In den nächsten Tagen wollen wir uns dem Phänomen Liebe aus der Sicht unterschiedlicher Disziplinen nähern. |
"An Rheumatismus und an wahre Liebe glaubt man erst, wenn man davon befallen ist." (Marie von Ebner-Eschenbach) Liebe ? nicht steuerbar, nicht kontrollierbar, nicht erklärbar. Das größte Gefühl von allen, von vielen ersehnt, manchmal verflucht, doch keinen lässt sie kalt. Von den vielen Arten der Liebe ? Nächstenliebe, Liebe zu Gott, Tierliebe, Mutterliebe, kindliche, freundschaftliche, romantische oder sexuelle Liebe, Selbstliebe, Partnerliebe, Geschwisterliebe, Freiheitsliebe etc. ? steht im Rahmen dieses Schwerpunkts die Liebe zwischen erwachsenen Personen im Mittelpunkt. Auch wenn Liebe stets als "natürlich" daherkommt, ist sie, das hat die geistes- und kulturwissenschaftliche Forschung der letzten Jahre gezeigt, sozial und kulturell konstruiert, von den jeweiligen gesellschaftlichen und zeitlichen Verhältnissen abhängig und mit Herrschaft und Macht verbunden. Wer bestimmt, welche Liebe (ab welchem Alter) erlaubt ist, welche verfolgt oder bestraft wird, welche favorisiert und staatlich legitimiert und welche ignoriert wird? Liebe in der Krise? In einer Zeit steigender Ehescheidungs- und abnehmender Heiratszahlen, dem Trend zu Patchwork-Familien und LebensabschnittspartnerInnen, der Zunahme an AlleinerzieherInnen, Einpersonenhaushalten und Singles unter 45 Jahren scheint die Liebe in die Krise gekommen zu sein. Einerseits. Andererseits haben Liebe und Familie bei Jugendlichen einen hohen Stellenwert, zeigen aktuelle Studien. Auf eine Welt des Umbruchs, der subjektiv erlebten Bedrohung und Vereinzelung reagieren viele Menschen häufig mit einer Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit. Und beobachtet man das Angebot an TV-Shows ("Nur die Liebe zählt" etc.), dann ist SIE immer noch DAS bestimmende Thema. Allerdings muss Liebe nicht mehr ausschließlich in der Ehe stattfinden ? das Konzept von Liebe in der Ehe ist ohnehin erst rund 200 Jahre alt: Lebensgemeinschaften ohne Trauschein sind gang und gäbe, gleichgeschlechtliche Paare müssen sich zumindest in Großstädten nicht mehr verstecken, obwohl ihre rechtliche Absicherung und Anerkennung in Österreich alles andere als zufrieden stellend ist. Wissenschaft erforscht Liebe Doch nicht nur im Alltag, in Büchern, Filmen und Songs dreht sich (fast) alles um die Liebe ? auch die Wissenschaft nimmt sich ihrer vermehrt an und versucht zu ergründen, warum wir uns verlieben, warum unsere Gefühle ver-rückt spielen, welche Hormone ausgeschüttet werden, ob es Regeln bei der Partnerwahl oder gar die "Liebe auf den ersten Blick" gibt, welchen Einfluss die Evolution hat usw. Liebe zwischen Mann und Frau ? das Thema in der Literatur Ist Liebe ein "symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium", wie die Literaturwissenschafterin Dr. Barbara Schaff in Bezug auf Niklas Luhmann meint? Die Käthe-Leichter-Gastprofessorin beschäftigt sich in ihrer Lehrveranstaltung "Liebe und Begehren in der Literatur" unter anderem mit den großen Ehebruchsromanen des 19. Jahrhunderts ? denn seit der Forderung der Romantik, leidenschaftliche Liebe müsse auch in der Ehe vorhanden sein, scheiterten die Menschen immer wieder an diesem idealen Anspruch. Vor 1800 wurde eine Ehe im Wesentlichen aufgrund von wirtschaftlichen und finanziellen Überlegungen eingegangen ? die 'romantische Liebe', insbesondere das In-eins-Setzen von Liebe und Opferbringen durch Frauen, wurde von den Feministinnen des 20. Jahrhunderts kritisch analysiert, berichtet die Historikerin Univ.-Prof. Dr. Edith Saurer. Die Ethnologin Dr. Jana Salat vergleicht, ob dieses westliche Konzept der romantischen Liebe auch in indigenen Kulturen existiert. Verliebtsein hingegen ist ? anders als das soziale Konstrukt Liebe ? universell, so ihr Befund. Ich bin nichts ? ohne dich Auch wenn Liebe und Zuneigung immer wieder enttäuscht werden, so wird das Bedürfnis danach kaum gelöscht werden können. Körperliche, sinnlich-erotische und geistige (platonische) Liebe ? in einer idealen PartnerInnenschaft sollen alle drei Arten der Liebe ausgewogen vorhanden sein. Und doch ist die große Liebe, die auf der frühkindlichen Unfähigkeit, sich von seiner Bezugsperson zu unterscheiden, beruht, nahezu unerreichbar. Oder ermöglicht erst die Verbindung von Sexualität und Intimität Liebe, wie der Philosoph Univ.-Prof. Dr. Josef Rhemann meint? Das Verhältnis von Sexualität und Liebe ist ebenfalls Gegenstand wissenschaftlicher Aufmerksamkeit. Sie sind zwar eng miteinander verbunden, bedingen einander aber nicht zwingend. The greatest love of all Judentum, Islam, Buddhismus, Hinduismus und Christentum ? sind die Weltreligionen auch noch so verschieden, sie können auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner gebracht werden: Das Wesen der Religion ist die Liebe (zu Gott). Doch welchen Stellenwert nimmt aus Sicht der Religionswissenschaften die Liebe zwischen Mann und Frau ein ? jene Liebe, die das Abendland gerne als die romantische bezeichnet? Wo und wodurch wird diese Stellung im Schrifttum begründet? Und was bedeutet das für das Zusammenleben der Geschlechter und die Gesellschaft, die sich oft auf dieses Zusammenleben stützt? S/Elektion Auch in der Psychologie und Neurobiologie beschäftigen sich WissenschafterInnen mit den zahlreichen Spielarten der Liebe und des Liebesentzuges. Welche Gründe für die Partnerwahl es gibt, untersucht beispielsweise der Neurobiologe Prof. Dr. John Dittami; über die Vorzüge des Durchschnittsgesichts weiß der Psychologe Univ.-Prof. Dipl.-Psych. Dr. Helmut Leder Bescheid. Marmorstein und Eisen bricht ? und auch die Liebe Wenn aus einer ursprünglich gegenseitigen Liebe nach einer erfolgten Trennung eine einseitige wird, dann leiden viele Menschen am Broken-Heart-Syndrom. Bisher existieren erst wenige Studien über die Auswirkungen von Liebesschmerz, der folgt, wenn die Liebe verschmäht wird. Dass Liebeskummer für den Körper eine massive Stress-Situation darstellt, die Immunfunktion herabsetzt und Auslöser von Krankheiten oder Depression sein kann, weiß die Anthropologin und Humanbiologin ao. Univ.-Prof. MMag. Dr. Sylvia Kirchengast. (mh) |




