Die Lebenserwartung steigt global an: Italien führt mit 24,5 Prozent von über 60-Jährigen die "alternden" Länder an, in Österreich liegt der Anteil der Menschen über 60 bei 21,3 Prozent. Altern wird zur Herausforderung für Politik, Gesellschaft - und für das Individuum. Der Mensch und die Selbsteinschätzung seiner Lebenszufriedenheit im Alter stehen im Mittelpunkt der "European Study of Well-Being" (ESAW), die Teil der "Global Ageing Study" unter der Leitung von Dr. Barbara Hawkins vom gerontologischen Zentrum der Universität Indiana, USA, ist. Im Rahmen der ESAW untersuchte man die letzten drei Jahre in einheitlichem Forschungsdesign in Großbritannien, Italien, Luxemburg, den Niederlanden, Schweden und Österreich das Wohlbefinden älterer Menschen.
Vom Defizitmodell zur "Psychologie über die Lebensspanne hinweg"
"Altern wurde lange als Defizitmodell gesehen - auf der psychologischen, der soziologischen und der physiologischen Ebene. In der Entwicklungspsychologie wurden Menschen über 50 lange nicht berücksichtigt. Auch Sigmund Freud konnte sich eine Psychoanalyse mit über 50-Jährigen nicht vorstellen - einerseits sei die Persönlichkeitsstruktur älterer Menschen so verfestigt, dass sie auch mit psychoanalytischen Techniken nicht mehr behandelbar sei, andererseits würde die restliche Lebenszeit zum Aufarbeiten der Therapie nicht ausreichen", schildert Ao. Univ.-Prof. Dr. Germain Weber vom Institut für Klinische, Biologische und Differentielle Psychologie, der die ESAW in Österreich geleitet hat. In den 1950er Jahren begann man sich mit Gerontopsychologie auseinanderzusetzen und entdeckte, dass Altern nicht Abbau bedeuten muss: "Man unterscheidet bei den kognitiven Leistungen die fluide und die kristallisierte Intelligenz. Fluide Leistungen entsprechen dem Kurzzeitgedächtnis und nehmen mit dem Alter ab. Auf der Ebene der kristallisierten Intelligenz, die sich auf Erfahrungen stützt, sind hingegen auch im Alter hohe Leistungen - etwa in der Problemlösung - zu beobachten und können sogar noch ansteigen." Heute spricht man von einer "Psychologie über die Lebensspanne hinweg", die frühere Lebenserfahrungen berücksichtigt. Am Institut für Entwicklungspsychologie und Psychologische Diagnostik beschäftigt sich Ao. Univ.-Prof. Mag. Dr. Judith Glück mit dieser Thematik, die auch an der ESAW mitgewirkt hat und Daten zum autobiographischen Gedächtnis erhoben hat.
Studierenden-Interviews mit Älteren als ExpertInnen in eigener Sache
Die ESAW stützt sich auf das Konzept einer positiven Psychologie: "Wir fragen die älteren Menschen nicht nur, was sie nicht können, sondern was sie noch können und wie sie ihre Zufriedenheit beschreiben", so Weber. 2262 Männer und Frauen zwischen 50 und 90 Jahren aus allen neun Bundesländern wurden als ExpertInnen in eigener Sache befragt. Zu diesem Zweck wurden Psychologie-Studierende als InterviewerInnen geschult. "Das war zwar mehr Aufwand, als ein Meinungsforschungsinstitut zu beauftragen, aber wir haben auch die Aufgabe, Studierende in Forschungstechniken auszubilden", erläutert der Projektleiter und ergänzt: "Mittlerweile wurden 15 Diplomarbeiten zur ESAW abgeschlossen."
Im Mittelpunkt der Untersuchung stand die Frage, wie persönliche Merkmale, kulturelle Aspekte und fünf ausgewählte Faktoren ? soziale Unterstützung, Lebensaktivitäten, Gesundheit und funktioneller Status, Selbstressourcen sowie materielle Sicherheit - zum allgemeinen Wohlbefinden und der Lebensqualität im Alter beitragen.
Gesundheit in Österreich an erster Stelle
Im Durchschnitt ist in den sechs ESAW-Ländern die materielle Sicherheit am wichtigsten für das Wohlbefinden: "Das erklärt sich aus den niedrigen Pensionen in England und Italien und paradoxerweise aus den hohen Pensionen in Luxemburg, welche die Menschen nicht angegriffen sehen wollen." In Österreich, so Weber, steht die Gesundheit an erster Stelle: "In England etwa scheint Gesundheit keine Rolle zu spielen, der Grund könnte im englischen Gesundheitssystem liegen. Bestimmte Leistungen sind dort mit Alterslimits markiert, eine 80-jährige Frau zum Beispiel bekommt keine Hüftoperation mehr. Die Menschen haben gelernt, dass sie da nicht viel zu erwarten haben. In Österreich hingegen weiß man, dass man die Gesundheit durch Zugang zu den Behandlungseinrichtungen regulieren kann, daher ist Gesundheit auch sehr wichtig." Daneben nennen die ÖsterreicherInnen soziale Unterstützung - wobei Kontakt zur Familie, Aktivitäten in Vereinen und sportliche Unternehmungen in Kleingruppen eine wichtige Rolle spielen ? sowie Bildung als wichtige Faktoren.
Lebenszufriedenheit der Österreicher hoch, Österreicherinnen benachteiligt
Bei der Einschätzung der Lebenszufriedenheit und des Selbstwerts liegt Österreich mit Luxemburg in der Spitzengruppe. Ein überraschendes Ergebnis? Der Psychologe interpretiert: "Der Österreicher gilt ja als Raunzer. Dieses Raunzen könnte ein Regulationsprozess sein: Humor, Lachen über sich selbst, trägt zum Wohlbefinden bei. Vielleicht ist das Raunzen eine Form des Humors, die wir so noch nicht verstanden haben ..."
In Österreich wie auch auf Europaebene zeigt sich allerdings, dass Frauen einen niedrigeren Selbstwert und ein geringeres Wohlbefinden als Männer haben. Die Gründe: "87 Prozent der Pflegeleistungen werden von Frauen erbracht, und auch die materielle Situation der älteren Frauen in Österreich ist erschreckend. Sie haben bis zu 50 Prozent weniger Einkommen als die Männer, das ist eine starke Diskriminierung der älteren Frauen", merkt Weber an.
Kompetenztrainings für ältere Menschen
Insgesamt sind die länderspezifischen Ergebnisse von Kultur und sozialen Rahmenbedingungen stark geprägt. Im Rahmen einer "Cultural Psychology" wären laut Germain Weber Folgeuntersuchungen interessant, um kulturelle Spezifika zu erforschen und herauszufiltern, nach welchen Mustern in den einzelnen Ländern Wohlbefinden generiert wird. Eine Zielgruppe für weitere Untersuchungen wären auch Personengruppen, die trotz ungünstiger Bedingungen eine hohe Lebenszufriedenheit aufweisen - etwa Kranke, die trotz ihrer Leiden Wohlbefinden empfinden, oder Verwitwete und Alleinstehende mit großem sozialen Netz. "Es wäre interessant zu erforschen, welche Kompetenzen ältere Personen haben müssen, um so erfolgreich mit Verlusten umgehen und neue Beziehungen aufbauen zu können", führt Weber an. "Mit diesem Wissen könnte man spezielle Kompetenztrainings für ältere Personen durchführen." (sk)
Literaturtipp: G. Weber, J. Glück, C. Heiss u.a.: ESAW - Europäische Studie zum Wohlbefinden im Alter. Hauptergebnisse unter besonderer Berücksichtigung der Situation in Österreich. WUV 2005 |