"Im Botanischen Garten der Universität Wien - wie auch generell an der Fakultät für Lebenswissenschaften - gehören Fragen der Evolution der Pflanzenwelt zu den zentralen Themen", erklärt der Direktor des Gartens, Michael Kiehn: "Daher haben wir das Darwin-Jahr zum Anlass genommen, unseren BesucherInnen wichtige wissenschaftliche Informationen, wie zum Beispiel die Grundlagen der Entstehung der Arten, im Rahmen einer Darwin-Ausstellung näher zu bringen."
Begründer der Blütenbiologie
Darwin - selbst kein ausgebildeter Botaniker - gilt u.a. als der Begründer der sogenannten "Blütenbiologie". Ihn faszinierte die Wechselwirkung zwischen Struktur und Funktion von Blüten, insbesondere der komplexe Aufbau der Orchideenblüten. So untersuchte Darwin zum Beispiel eine bestimmte Orchidee (Angraecum sesquipedale) aus Madagaskar, deren Sporn über 30 Zentimeter lang ist. Nachdem der Nektar am unteren Ende des Sporns saß, musste es nach Darwins Überlegungen auch einen Bestäuber, also ein Insekt, mit einem derart langen Rüssel geben. Zu dieser Zeit war dieses Insekt noch unbekannt, es wurde erst einige Jahre danach später entdeckt. "Darwin hat damit nicht nur die Blütenbiologie, sondern auch das Thema der sogenannten Co-Evolution - konkret die Wechselwirkung zwischen Blüten und Bestäubern - sehr deutlich gemacht", so Kiehn.
Faszination Orchideen
Ganz in der Tradition Darwins steht das Orchideenhaus im Botanischen Garten, in dem mehrere hundert Hundert Arten kultiviert werden. "Eines unserer letzten Projekte befasste sich mit der Orchideengattung Bulbophyllum - weltweit die artenreichste Orchideengattung mit geschätzten 3.500 Arten", erklärt Michael Kiehn während eines Rundgangs durch das tropisch feuchte Orchideenhaus: "Gemeinsam mit dem Leiter unseres Gewächshausbereiches, Anton Sieder, haben wir eine Checkliste für die Gattung Bulbophyllum für das Washingtoner Artenschutzübereinkommen (CITES) erstellt und über 6.000 Namen erfasst. Diese Checkliste ist gerade in Druck und wird bei den Royal Botanic Gardens in Kew erscheinen."
Gleichzeitig untersuchen BotanikerInnen rund um Kiehn und seinen ehemaligen Dissertanten Gunter Fischer (jetzt Universität Salzburg) Orchideen, die auf der Insel Madagaskar heimisch sind: "Bulbophyllum umfasst dort über 200 Arten, von denen bis auf zwei oder drei alle auf Madagaskar entstanden sind. Somit sind sie Paradestudienobjekte für die Untersuchung von evolutionären Vorgängen bei der Entstehung von Arten." Derzeit sind im Gewächshaus ca. 800 bis 850 Arten der Gattung Bulbophyllum in Kultur. "Wir haben damit die größte Lebendsammlung dieser Gattung weltweit", erklärt Michael Kiehn stolz. Ein weiterer Schwerpunkt der Orchideenforschung im Botanischen Garten sind die natürlich vorkommenden Arten der Gattung Vanilla in Madagaskar, von denen es ca. acht bis zehn Arten gibt. Auch sie werden im Orchideenhaus des Botanischen Gartens kultiviert.
Gefangenschaft und Zersetzung
Neben seinen Untersuchungen an Orchideen führte Charles Darwin intensive Studien zu sogenannten fleischfressenden Pflanzen durch. "Der Begriff 'fleischfressende Pflanzen' ist etwas irreführend: Eigentlich sind es insektenverdauende Pflanzen, die sich einen Teil der Nährstoffe, die sie für das Wachstum brauchen, durch Zersetzung tierischer Organismen holen", erklärt Kiehn. Pionierarbeit leistete Darwin unter anderem in der Erforschung des Sonnentaus: Er stellte fest, dass sich die Tentakeln bewegen können und der Sonnentau auch Käsestückchen oder rohes Fleisch auf den Blättern verdaut. "Darwin hat auch andere Pflanzen als sogenannte Fleischfresser identifiziert - wie zum Beispiel die Venusfliegenfalle oder den Wasserschlauch - a." All diese Pflanzen sind in einer Vitrine des Botanischen Gartens zu sehen.
"Eine interessante Erkenntnis, an der sich die Departments des Standortes Rennweg auch forschungsmäßig beteiligt haben, ist, - dass einige Vertreter der fleischfressenden Pflanzen, das kleinste bekannte Erbgut bei Pflanzen besitzen", so Botaniker Michael Kiehn: "Untersuchungen dazu laufen im Department für Systematische Botanik und Evolutionsforschung und sind Teil eines groß angelegten Forschungsprojektes zur Biologie der fleischfressenden Pflanzen." (Publikation: "Smallest angiosperm genomes found in lentibulariaceae, with chromosomes of bacterial size". Greilhuber J, Borsch T, Müller K, Worberg A, Porembski S, Barthlott W. Plant Biol [Stuttg]. 2006 Nov;8[6]:770-7)
Nach den fleischfressenden Pflanzen führt der Rundgang weiter zu den Kletterpflanzen und zu den sogenannten "schlafenden Pflanzen". Auch hier können die Arten, über die Charles Darwin - teilweise in seinem eigenen Garten und Gewächshaus - forschte, beobachtet werden.
Abschließend werden Kreationismus und Intelligent Design thematisiert. "Diese beiden Konzepte stellen keine Alternativkonzepte zur Evolution dar", so Kiehn: "Darwin konnte bereits anhand der Hundsgiftgewächse deutlich machen, dass das Konzept der Evolution keine weiteren Konzepte braucht, um die Formenvielfalt zu erklären." (td)
Die Ausstellung "Darwins Garten - Evolution entdecken" (31. Juli - 18. Oktober 2009) ist als gemeinsame Aktivität des Verbands deutschsprachiger Botanischer Gärten entstanden. Sie ist zeitgleich in 35 Botanischen Gärten zu sehen. Die Ausstellung - von der Fakultät für Lebenswissenschaften gefördert - wurde für den Botanischen Garten der Universität Wien von Projektmitarbeiterin Dipl.-Ing. Barbara Knickmann unter der Leitung von Ao. Univ.-Prof. Dr. Michael Kiehn adaptiert.
Ausstellung: "Darwins Garten - Evolution entdecken" 31. Juli - 18. Oktober 2009 Botanischer Garten der Universität Wien Rennweg 14, 1030 Wien Ausstellungsfolder (PDF) |