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Zeithistorikerin Margit Reiter


Generation und Gedächtnis: Die "Kinder der Täter" in Österreich
Familiengedächtnis und kollektives Gedenken in Österreich
1945-55
Eszter Bokor (Redaktion) am 16. Februar 2005

Das kollektive Gedächtnis wird maßgeblich von privaten Diskursen geformt. Es wird nicht zuletzt von Erzählungen gebildet, die im privaten Umfeld weitergegeben werden. Dr. Margit Reiter vom Institut für Zeitgeschichte untersucht den Zusammenhang zwischen den für die Nachkriegsgeneration prägenden Narrativen über Krieg sowie NS-Herrschaft in der Familie und der offiziellen Darstellung österreichischer Geschichte.

Was und wie haben österreichische NationalsozialistInnen ihren Kindern über Krieg und NS-Herrschaft erzählt? Welche Narrative haben diese Kinder, die heute 50 bis 60 Jahre alt sind, übernommen? Wie haben diese Erzählungen im privaten Umfeld die offizielle Erinnerungspolitik des heutigen Österreichs beeinflusst? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Dr. Margit Reiter seit Mai 2002 in ihrer Habilitationsschrift "Generation und Gedächtnis: Tradierung und Verarbeitung des Nationalsozialismus bei den 'Kindern der Täter' in Österreich". Selbstdefinition zwischen Opfermythos und Heldentum "Im Zentrum der meisten Familiennarrative stand die eigene Opferschaft nach 1945. Soziale Deklassierung und materielle Verluste nach dem Krieg prägten das Selbstverständnis, das eigene Leiden wurde tendenziell stark vergrößert und so tradiert", erklärt Dr. Margit Reiter. Schwer belastete Väter ? manchmal auch Mütter ? wurden 1945 zum Teil in alliierten Lagern (z.B. Glasenbach bei Salzburg) interniert oder hatten Berufsverbot. Diese Erfahrungen verdichteten sich zu einem Opfernarrativ, das von den Kindern oft übernommen wurde. Neben diesem Opfernarrativ nach außen existierte im engen Ehemaligen-Milieu ein anderes nach innen: der Heldenmythos. Besonders Männer prahlten in der Familie oder am Wirtshaustisch mit Kriegsgeschichten, in manchen Fällen sogar mit Verbrechen, die sie begangen hatten. Viele Frauen gaben ein besonders positives Bild ihrer im Krieg verstorbenen Männer an die Kinder weiter. Der Heldenmythos konnte jedoch nur für die Kriegsjahre aufrechterhalten werden, die eigene Opferrolle nach 1945 prägte sich deutlich stärker in das Familiengedächtnis ein. "Auffallend ist, dass die Familienerzählungen fast immer mit dem Kriegsende beginnen, die Zeit davor wird systematisch ausgeblendet", fasst Dr. Reiter ein Ergebnis ihrer Interviews mit den "Kindern der Täter", den Nachkommen von ehemaligen NationalsozialistInnen unterschiedlichen Grades, zusammen. Umgang mit der Familiengeschichte In Bezug auf die Familiengeschichte zeigen sich drei Verhaltensmuster der Nachkommen, wie Reiter im Zuge ihrer Interviews und Analysen feststellen konnte: "Viele setzen sich überhaupt nicht damit auseinander. Es ist symptomatisch für Österreich, dass viele gar nicht auf die Idee kommt zu fragen, was ihre Eltern damals getan haben. In Deutschland ist es fast unmöglich, das nicht zu reflektieren", meint Reiter. Andere übernehmen das Narrativ der Eltern und verteidigen sie, häufig auf der emotionalen Ebene: Der Vater sei ein liebender Familienmensch gewesen, er könne kein Mörder sein. Und dann gibt es noch eine dritte Gruppe, jene, die kritisch sind und sich von den Positionen der Eltern distanzieren. Doch auch bei diesen Personen zeigen sich starke Ambivalenzen zwischen der kognitiven und der emotionalen Ebene, so Reiter. Täterschaft ist männlich Aus den Interviews wird außerdem deutlich, dass der Täterbegriff immer über Männer abgeleitet wird, während Frauen per se als unpolitische Objekte und nicht als handelnde Subjekte der Geschichte wahrgenommen werden. Obwohl häufig die Mütter noch überzeugtere Nationalsozialistinnen waren, erfolgt die Eigendefinition als "Täterkind" ausschließlich über die Väter. "Wirkliche Täterschaft oder Mittäterschaft der Mutter kommt im Bewusstsein der Kinder gar nicht vor. Ein Ergebnis der bisherigen Untersuchungen ist, dass die Kinder erst jetzt realisieren, dass die Mütter ideologisch ebenfalls stark belastet waren. Damit beschäftigen sie sich erst heute, nachdem sie sich jahrzehntelang mit dem Vater auseinandergesetzt hatten", resümiert die Historikerin. Der Vater war nur bei der Wehrmacht ? Da die Bezeichnung "Kinder der Täter" Nachkommen von NationalsozialistInnen unterschiedlichen Grades umfasst, ist aus ihren Erzählungen kaum ersichtlich, welche Art von Täter der Vater tatsächlich war. "Diese Menschen wissen eigentlich sehr wenig über die reale Involvierung ihres Vaters. Dadurch entsteht ein breites Feld für Deutungen, Entlastungen oder auch Belastungen", erklärt die Wissenschaftlerin. Symptomatisch sei, dass die Vorstellung von Täterschaft immer bei den extremsten Formen, allen voran dem Holocaust, ansetzt. "Partielle Täterschaften wie Denunziation, Arisierung, Zusehen bei 'Straßenwaschaktionen' kommen den Nachkommen offensichtlich gar nicht ins Bewusstsein", stellt Dr. Reiter fest. Indem alle Taten an den extremsten Verbrechen gemessen werden, erscheint die Beteiligung der eigenen Eltern als harmlos. Besonders problematisch sei, dass nach solcher Täterschaft gar nicht gefragt wird. Das Private ist politisch: "Gedankenjahr 2005" So wie die Opferrolle in den familiären Narrativen lebendig ist, so ist sie das auch in der offiziellen Gedenkpolitik der Gegenwart, zieht Margit Reiter eine Verbindung zum "Jubiläenjahr 2005". "Das offizielle Gedenken setzt ebenso in der Nachkriegszeit an, betont das Leiden der Bevölkerung und stellt kaum eine Verbindung zur Vorgeschichte und den Ursachen von alliierten Bombardements und der Besatzung nach 1945 her", fasst sie zusammen. Die offizielle Darstellung als ein Konglomerat aus Besatzungszeit, Hunger und "Trümmerfrauen" beurteilt Margit Reiter als Fortschreibung des Opfermythos. Diese Übereinstimmung von politisch-gesellschaftlichen und familiären Diskursen sei ein spezifisch österreichisches Phänomen; in Deutschland gab es verstärkt normative Vorgaben von offizieller Seite, sich zur TäterInnenschaft zu bekennen. "Bei dieser patriotischen Inszenierung von Geschichte treffen sich die Narrative der NationalsozialistInnen bzw. deren  Nachkommen mit dem Geschichtsbild der konservativen Regierung und zum Teil auch der SPÖ. So zeigt sich, wie familiäre Prägungen mit gesellschaftlichen Diskursen zusammenspielen", zieht die Zeithistorikerin Bilanz. (eb) Dr. Margit Reiter, Zeithistorikerin in Wien, Lektorin am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien, arbeitet derzeit an der Fertigstellung ihrer Habilitation "Generation und Gedächtnis: Tradierung und Verarbeitung des Nationalsozialismus bei den 'Kindern der Täter' in Österreich". Sie forscht und lehrt u.a. zu den Themen Nationalsozialismus, Beziehungen Österreich ? Israel, Frauen- und Geschlechtergeschichte, Familiengedächtnis und Erinnerungspolitik. Lehrveranstaltung im Sommersemester 2005: Lektüre historiographischer Texte: Zeitgeschichte als Streitgeschichte. Begründung, Entwicklung und Spannungsfelder der Zeitgeschichte in Deutschland und Österreich  

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