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Institut für Staatswissenschaft
Jüdisches Institut für Erwachsenenbildung
Familiengeschichte Nationalsozialismus
1945-55
Tamara Ehs (Redaktion) am 17. Februar 2005

Im von Patriotismus gesättigten Jubiläumsjahr 2005 feiert das offizielle Österreich auch seine Vergangenheitsbewältigung. Ist bereits dieser politische Prozess von Verdrängung geprägt, finden sich in den ganz persönlichen Familiengeschichten der ÖsterreicherInnen noch größere Auslassungen in der Erinnerung, wie ein Gespräch mit Mag. Claudia Brunner, der Großnichte von Alois Brunner, offenbart.

Alois Brunner wurde 1912 als Sohn eines Bauern in Rohrbrunn im südlichen Burgenland geboren. In die Geschichte aber ging er ein als "Eichmanns rechte Hand", als jener Mensch, der für die Deportation und Ermordung von 130.000 Juden und Jüdinnen aus Wien, Frankreich, Griechenland und der Slowakei verantwortlich ist. Damit prägte er auch die Geschichte seiner eigenen Familie, als Sohn, Bruder, Onkel und Großonkel. Plötzlich wieder im Familiengedächtnis ? Claudia Brunner, die am Institut für Politikwissenschaften lehrt und zurzeit an ihrer Dissertation arbeitet, ist Alois Brunners Großnichte. Das war ihr aber nicht immer bewusst: "Ich war 13 Jahre alt, als ich zufällig erfuhr, dass es Alois Brunner gibt. Bis dahin war er in meiner Familie einfach kein Thema ? für niemanden in meiner Familie", berichtet sie. Über die Verbrechen ihres Großonkels las Brunner erstmals 1985 in der Zeitung, als ein deutscher Journalist den seit Jahren in Syrien untergetauchten ehemaligen Eichmann-Mitarbeiter interviewte. Damals begann für sie eine persönliche Spurensuche nach Fakten, nach Konfrontation, an deren Anfang die Frage stand: "Wie geht es mir mit der Tatsache, diesen Nazi in der Familie zu haben?" Familienphantom Mittlerweile liegt diese Auseinandersetzung in Buchform vor, worin Brunner ihre familiäre Situation, ihre Schuldgefühle und den Umgang mit dem "Familienphantom" Onkel Alois schildert. Sie ist die einzige in ihrer Familie, die sich derart explizit mit der Familiengeschichte beschäftigt und das Gebot umgeht, "nicht sagen zu dürfen, dass man mit Alois Brunner verwandt ist." Jene Aufarbeitung brachte ihr aber von der Öffentlichkeit auch die Kritik ein, sich selbst als Opfer zu gerieren, gar Schuldumkehr zu betreiben, indem sie ihre persönliche Belastung durch dieses Verwandtschaftsverhältnis darstellt. Claudia Brunner hingegen wollte mit der Niederschrift ihrer Geschichte lediglich "jeden Menschen erreichen, der sich dieselben Gedanken macht: 'Was war zu jener Zeit in der eigenen Familie los?'". Auflösung der Distanzierung Nach wie vor mangelt es vielen Familien am Willen zur Konfrontation mit der NS-Vergangenheit ihrer Vorfahren. Zwar ist Schuld nicht vererbbar, doch bedeutet das Schweigen und Verdrängen eine fortwährende Verhöhnung der Geschichte. Claudia Brunner plädiert daher dafür, diese Distanzierung zur Geschichte auf einer persönlichen Reflexionsebene aufzuheben: "Der Nationalsozialismus ist ja nicht etwas, das einfach über Österreich hereingebrochen wäre, sondern er war in vielen Familien verwurzelt und wurde auch praktiziert. Menschen haben an diesem Regime teilgenommen und das ihre dazu beigetragen, in welcher Intensität auch immer." Auslassungen Es gibt unzählige Auslassungen auf politischer Ebene zu beklagen: Seit 1945 hat sich Österreich nicht durch übergroßen Eifer bei der Verfolgung von NS-VerbrecherInnen hervorgetan. Viele Nazis konnten nach dem Weltkrieg unbehelligt in Österreich leben und sogar Karriere machen, wie der kürzlich veröffentlichte Report zur Rolle des Bundes Sozialdemokratischer Akademiker (BSA) bei der gesellschaftlichen Reintegration ehemaliger Nationalsozialisten erneut verdeutlichte. Und während bis heute der Mehrzahl der Wehrmachtsdeserteure staatliche Opferfürsorge verwehrt wird, erhielt Alois Brunners Ehefrau als Hinterbliebene eines "Vermissten" (!) jahrelang eine Witwenrente. 1947 erging zwar ein Haftbefehl gegen Alois Brunner, das Verfahren wurde jedoch 1962 formal abgebrochen, obwohl der österreichischen Justiz Damaskus als Aufenthaltsort des Kriegsverbrechers längst bekannt war. Selbst nach 1985, als Claudia Brunners Vater fünf Jahre lang ? mit Wissen des österreichischen Staates ? in Briefkontakt mit seinem Onkel stand, wurde die Strafverfolgung in skandalöser Weise verschleppt. Die politischen Interessen dahinter sind wohl ebenso berechnend und vielfältig wie das familiäre Schweigen. Es liegt daher auch an jeder/m einzelnen, aus der Sprachlosigkeit der Familiengeheimnisse herauszutreten. (te) Literaturtipp: Claudia Brunner, Uwe von Seltmann: Schweigen die Täter, reden die Enkel. Frankfurt am Main: edition Büchergilde 2004 Veranstaltungshinweis: "'Schweigen die Täter ? reden die Enkel'? Familiengeheimnis Nationalsozialismus zwischen persönlicher Spurensuche und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen? Mag. Claudia Brunner und ao. Univ.-Prof. Dr. Walter Manoschek (Institut für Staatswissenschaft) 2. März 2005, 18.30 Uhr Jüdisches Institut für Erwachsenenbildung, 1020 Wien, Praterstern 1      

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