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Forschungsschwerpunkt Ethik & Wissenschaft
Ethik und Biomedizin
Michaela Hafner (Redaktion) am 20. Januar 2003

dieUniversitaet.at beginnt heute eine Schwerpunktwoche zum Thema Ethik in der Wissenschaft. Mit diesem Schwerpunkt wollen wir einen Beitrag zu der breit geführten öffentlichen Debatte um Klonen, Embryonenforschung und Reproduktionstechnologien leisten und das Thema aus theologischer, historischer, philosophischer, rechtlicher, feministischer, medizinischer und naturwissenschaftlicher Sicht darstellen.

Lesen Sie im Laufe der Woche Beiträge von Matthias Beck (Institut für Ethik und Recht in der Medizin), Johannes Huber (Univ.-Klinik für Frauenheilkunde), Ulrich Körtner (Institut für Systematische Theologie), Gerhard Luf (Institut für Rechtsphilosophie und Rechtstheorie), der feministischen Biologin Britta Cacioppo und der Schriftstellerin Barbara Neuwirth. Im Rahmen von Interviews kommen zu Wort: Peter Kampits (Institut für Philosophie), Marianne Popp (Institut für Ökologie und Naturschutz) und Franz Wuketits (Institut für Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsforschung).

Unaufhaltsamer Fortschritt

Das 20. Jahrhundert kann wohl als das fortschrittlichste in der Forschung bezeichnet werden. An der Wende zum 21. Jahrhundert scheint Stillstand der Wissenschaft ein Fremdwort zu sein. Die rasante Entwicklung ermöglicht Eingriffe, die einerseits Hoffnung, andererseits aber auch Erschrecken auslösen. Welche Risken und Chancen bietet der Fortschritt in der Wissenschaft? Welche Argumente gibt es für und welche gegen diesen Fortschritt? Während in früheren Jahren ethische Fragen in der Wissenschaft v.a. die Physik (Kernspaltung) betrafen, sind es heute die Fortschritte in Medizin, Genetik und die Biotechnologie, die neue gesellschaftlich relevante und moralische Fragen aufwerfen und nach Antworten unter ethischen Gesichtspunkten suchen.

Vom Penicillin bis zum Klonbaby

Der medizinische Fortschritt besaß im vergangenen Jahrhundert sowohl Licht- als auch Schattenseiten. Die Entdeckung von Insulin, Antibiotika und Penicillin ermöglichten die Rettung unzähliger Menschenleben. All diese Ereignisse haben das Ansehen der Medizin und der medizinischen Forschung gefördert. Die Verbrechen der Nationalsozialisten in den 1930/40er Jahren erschütterten das Vertrauen in Medizin und Forschung durch Schlagworte wie "Volksgesundheit", "Eugenik", "lebensunwertes Leben" oder "Rassenhygiene". Ein bekanntes Beispiel für medizinische Rück- und Fehlschläge ist auch die Contergan-Katastrophe von 1959-1962. Fast 10.000 Neugeborene weltweit kamen mit schwersten Extremitätenmissbildungen zur Welt. Hochaktuell sind die angeblichen Geburten zweier Klonbabys durch die ominöse UFO-Sekte "Raelianer" bzw. die Firma Clonaid. Auch der italienische Arzt Severino Antinori (bekannt durch die künstliche Befruchtung von post-klimakterischen Frauen) sowie der US-Mediziner Panos Zavos arbeiten an Klonbabys.

Machbarkeit des Körpers

Sowohl in Boulevard- als auch in wissenschaftlichen Medien lesen und hören wir, wie weit die medizinischen Fortschritte voraussichtlich in 50 Jahren sein werden. Die Machbarkeit des Körpers bzw. des Menschen löst vielschichtige Ängste aus, wenn sie auch zugleich durch das Versprechen der Unsterblichkeit die elementare Angst des Menschen vor dem Tod zu nehmen scheint. Technische Erfindungen stehen in Zusammenhang mit dem als Mängelwesen geborenen Mensch und tragen den Wunsch nach Vervollkommnung und Vervollständigung in sich. Die Menschheit hat sich immer schon verschiedenster Mittel bedient, um ihre Körper zu "verlängern". Doch mittlerweile greifen geradezu dilettantische Ausbesserungen wie Holzbein oder Kontaktlinse zu kurz: Nun geht es um prä-existentielle Eingriffe in Embryos und in den Baukasten Erbsubstanz. Herkömmliche Geburt und Fortpflanzung als bisher nicht gänzlich kontrollierbarer Prozess mit der unberechenbaren Gefahr von Vererbungsfehlern könnten ersetzt werden durch die fehlerfreie Geburt aus der Retorte. Auch die Herstellung eines potenziellen menschlichen Ersatzteillagers durch das Züchten genetisch veränderter Schweine zum Zweck der Xenotransplantation (Verpflanzung von tierischen Organen in den Menschen) wird nicht lange auf sich warten lassen. Wenig bekannt ist, dass auch schon an Chimären geforscht wird, an Wesen, für die Mensch und Tier gekreuzt werden. Klonmenschen sind, wie es scheint, nur der Anfang einer kommenden gentechnischen Revolution. Ethische Debatten werden noch lange in der Öffentlichkeit zu führen sein.

Anforderungen an die Politik und Gesellschaft

Mit der Zunahme der Interessen für bzw. des Bedarfs nach (Medizinischer) Ethik wuchs in den vergangenen Jahrzehnten auch der Informationsbedarf in der Gesellschaft. Für die Forschung am Menschen wurden besondere Schutzregelungen nötig. Heute gibt es in allen Ländern aufgrund der Pluralität der Weltanschauungen in den Gesellschaften betreffend Ethik unterschiedliche Einstellungen und Richtlinien. Wird es in absehbarer Zeit zumindest in Europa im Rahmen der EU eine einheitliche Linie für die einzelnen Mitgliedstaaten geben? Jedes biomedizinische Forschungsvorhaben am Menschen soll von einem unabhängigen Ausschuss beraten werden: Es wurden sog. "Ethikkommssionen" eingeführt, die es inzwischen in fast allen Staaten Europas gibt. Sie beschäftigen sich mit einer breiten Themenpalette: mit Embryonenforschung, "therapeutischem" und "reproduktivem" Klonen, moderner Fortpflanzungsmedizin (z.B. In-vitro-Fertilisation), der Forschung an humanen embryonalen Stammzellen, Prädiktiver Medizin (Vorhersage der Krankheitsgeschichte eines Menschen mittels Pränataldiagnose, Präimplantationsdiagnostik) und der Problematik der Tierversuche. Die wesentlichsten Aufgaben dieser Kommissionen sind die Bündelung der vielfältigen Meinungen, der Schutz der PatientInnen, Information der Bevölkerung und die Gewährleistung der Qualität in der Forschung. Auch in Österreich gibt es eine Reihe von hochrangig besetzten Beiräten. Internationaler Konsens herrscht momentan in der Ansicht, dass die Forschung an adulten Stammzellen förderungswürdig ist. Das Klonen wird wegen des unterschiedlich aufgefassten ontologischen, moralischen und rechtlichen Status des Embryos auch unterschiedlich bewertet. So sind sich vorerst alle seriösen WissenschaflerInnen einig, das Klonen zu reproduktiven Zwecken noch nicht durchzuführen. Gegen ein Verbot des therapeutischen Klonens (mit dem Ziel, PatientInnen zu helfen) sprechen sich hingegen zwei Drittel der Länder aus.

Ethik an der Universität Wien

Wer an der Universität Wien sein Interesse an ethischen Fragen vertiefen will, kann das Lehrangebot an den Instituten für Philosophie sowie Sozialethik, dem Institut für Ethik und Recht in der Medizin, den beiden Theologischen sowie der Medizinischen Fakultät nützen. Die "Forschungsstelle für Ethik und Wissenschaft im Dialog" des Instituts für Philosophie informiert auf einer eigenen Homepage über aktuelle ethische Themen. Der Fokus liegt auf dem Aufbau eines "Internet Ethik-Lexikons" sowie der Koordinierung des seit dem WS 2000/01 angebotenen interdisziplinären, viersemestrigen Ausbildungslehrganges "Ethik", der vorrangig der Ausbildung für das vorgesehene Unterrichtsfach "Ethik" an AHS und BHS dienen soll.

Wir wollen uns an dieser Stelle bei den Personen, die Gastbeiträge verfasst und sich für Interviews zur Verfügung gestellt haben, herzlich für die hervorragende Zusammenarbeit bedanken. (du/mh)

Links zu Instituten der Universität Wien Institut für Philosophie Institut für Sozialethik Institut für Ethik und Recht in der Medizin

Bioethikkommissionen Bioethikkommission beim Kanzleramt Bioethikkommission FÜR die österreichische Bundesregierung Forschungsstelle für Ethik und Wissenschaft im Dialog am Institut für Philosophie Ethik-Kommission der Medizinischen Fakultät der Universität Wien und des AKH "BürgerInnenkonferenz - Genetische Daten" der Kommunikationsstrategie www.innovatives-oesterreich.at

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