Rund ums runde Leder ranken sich verschiedenste wirtschaftliche Interessen. Da die Marktstrategien, die dem umsatzstarken Geschäft mit dem Fußballkult zugrunde liegen, viel durchsichtiger sind als in anderen wirtschaftlichen Bereichen, eignet sich dieser Sport besonders gut, um globale ökonomische Prozesse zu veranschaulichen. Der Wirtschaftshistoriker Gerald Hödl ist Experte für die Ökonomie des Fußballs und den Fußballarbeitsmarkt. |
Fußball ist kein isoliertes Phänomen, sondern in eine ganze Reihe wirtschaftlicher Aktivitäten eingeflochten. Am Kult ums runde Leder verdienen u.a. Sport- und Fanartikelindustrie, Tourismus und andere Dienstleistungsbrachen. Von Großereignissen wie der EURO profitiert vor allem die Bauindustrie: etwa durch Stadienneubauten oder den Ausbau städtischer Infrastruktur. "Zu den wirtschaftlichen Profiteuren zählen weiters auch die Fernsehanstalten: Vor allem private Sender verdanken ihre dominante Marktposition der Symbiose mit dem Fußball", sagt der Wirtschaftshistoriker Mag. Dr. Gerald Hödl vom Institut für Afrikawissenschaften.
Fußball ist gleich Weltwirtschaft ...
Diese und andere Akteure der Fußballökonomie handeln nach marktwirtschaftlichen Prinzipien und reproduzieren dieselben ökonomischen Ungleichheiten wie andere Bereiche der Weltwirtschaft: "So wird zum Beispiel das Gros der für den europäischen Fußballmarkt konzipierten Produkte in Billiglohnländern hergestellt", erklärt Hödl.
Nicht nur deshalb eignet sich Fußball - als "Spiegel" der Weltwirtschaft - für die Analyse globaler Wirtschaftsprozesse: Durch die intensive mediale Berichterstattung sind die Mechanismen und Interessen im Hintergrund des Fußballsports zudem transparenter als in anderen Branchen.
... und doch auch wieder nicht
So ganz ins kapitalistische Konzept scheint Fußball dann aber doch nicht zu passen. "Zum Beispiel sind Szenarien wie im Lebensmittelgroßhandel, wo zwei, drei große Akteure die Konkurrenz ausschalten und den Markt komplett unter sich aufteilen, im Fußball undenkbar", veranschaulicht Hödl die Besonderheiten des Fußballmarkts, der nach wie vor von der Konkurrenz lebt.
Allerdings gibt es auch im europäischen Klub-Fußball Bestrebungen, eine geschlossene Elite-Liga nach US-amerikanischem Vorbild zu installieren, in der die großen europäischen Klubs jährlich gegeneinander antreten - völlig ohne Abstiegsgefahr.
"Das würde natürlich die ökonomischen Risiken reduzieren", sagt Hödl, baut aber darauf, dass die starke, europäische Fußballtradition solche "Experimente" von vornherein zum Scheitern verurteilt: "Klar bedeutet Konkurrenz Unsicherheit. Aber letztlich ist es gerade dieses Überraschungspotenzial, das die Fans bei der Stange hält."
Das Geschäft mit dem Talent
Neben der internationalen Fußballökonomie beschäftigt sich Gerald Hödl auch mit der Globalisierung des Fußballarbeitsmarktes: "Allerdings ist der Begriff Globalisierung in diesem Zusammenhang mit Vorsicht zu genießen: Nicht die ganze Welt, sondern nur bestimmte Regionen sind in den Handel mit den Spielern - den 'Rohstoffen' im Fußballbusiness - eingebunden."
Auch der Spielerhandel funktioniert nach den Regeln der Marktwirtschaft: In sogenannten Fußballakademien in Ländern Osteuropas, Afrikas und Lateinamerikas werden gezielt junge Talente aufgebaut. Spezielle Talentscouts, die direkt für europäische Vereine arbeiten, sind damit beauftragt, die besten Kicker zu finden, so billig wie möglich einzukaufen und nach Europa zu bringen.
Vom "Rohstoff" zur "Fußballarbeitskraft"
"Die Neuentdeckungen werden oft zunächst in kleinen, europäischen Vereinen 'geparkt' und dort quasi 'weiterverarbeitet'. Ist die 'Weiterverarbeitung' erfolgreich, landen sie irgendwann in den großen Ligen", beschreibt Hödl die Warenkette "Fußballarbeitskraft". Die diversen "Zwischenhändler und -verarbeiter" können mit satten Gewinnen rechnen, während in den Herkunftsländern der Spieler nur ein Bruchteil des Geldes landet.
Protektionismus vs. Freihandel
In diesem Zusammenhang interessiert den Wissenschafter auch die Debatte zwischen "protektionistischer" und "liberaler" Politik am Fußballarbeitsmarkt. "Zum einen ist da die Forderung vieler Länder nach mehr inländischen Spielern, die teilweise mit unverhüllt xenophoben Untertönen ausgestattet ist, andererseits aber das Bedürfnis nach einer lokalen oder regionalen Verankerung der Fußballvereine ausdrückt", erklärt Hödl weitere Parallelen zwischen Fußballuniversum und "echter Welt": "Dem steht das kapitalistische Interesse vieler profitorientierter Vereine entgegen, die sich frei und flexibel am internationalen Spielermarkt bedienen wollen."
EM in Österreich: Viel Prestige, wenig Profit
Zurück vom internationalen Fußballmarkt zur EM in Österreich: Diese wird sich dem Wirtschaftsexperten zufolge ökonomisch nicht rechnen: "Es gibt natürlich immer bestimmte Branchen und Firmen, die an einer solchen Großveranstaltung verdienen, aber der Eindruck, dass die Gesamtwirtschaft davon erheblich profitiert, ist falsch." Sportliche Großereignisse folgen also nicht nur einer streng utilitaristischen ökonomischen Logik - und das ist, meint Gerald Hödl, eigentlich auch gut so. (br) |