Geschäfte und Lokale sperren aus Angst vor Vandalismus zu, zusätzliche PolizistInnen und private Sicherheitskräfte werden aus Österreichs Nachbarländern "importiert", und Schlagzeilen wie "Plünderungen befürchtet" lassen die Frage aufkommen: Wird die Fußball-Europameisterschaft 2008 "gefährlich"?
"Ich verwehre mich immer gegen die Verbindung von Adjektiven wie 'gefährlich', 'gewalttätig' oder gar 'kriegsähnlich' mit der EM oder anderen Fußballveranstaltungen", sagt Ass. Dr. Ireen Christine Friedrich vom Institut für Strafrecht und Kriminologie, die sich seit mehreren Jahren mit Kriminalprävention im Sport beschäftigt: "Die Europameisterschaft ist ein sportlicher Wettbewerb, ein Fußballfest. Natürlich laufen Massenveranstaltungen, bei denen u.a. auch Alkohol konsumiert wird, selten gänzlich ohne Reibereien ab - hier ist beispielsweise auch das Wiener Donauinselfest keine Ausnahme."
Mehr Optimismus braucht das Land
Sogenannte "Problemfans" und gewaltsuchende "Hooligans" stellen aber eine verschwindend geringe Minderheit innerhalb der Fangemeinden dar. Aktionen wie das Schließen von Supermärkten und Geschäften, etwa aus Angst vor Plünderungen oder Sachbeschädigungen während der EM, findet Ireen Friedrich nicht nur übertrieben, sondern wirtschaftlich betrachtet sogar absolut unverständlich: "Statistisch gesehen ist es viel wahrscheinlicher, dass die EURO 2008 nicht nur ein großes, sondern auch ein friedliches Fest wird - und ein erfolgreiches dazu: für Fußballfans und TouristInnen ebenso wie für Kaufleute und Lokalbesitzer."
Fußballumfrage: "Den Fan" studieren
Mit einer groß angelegten Online-Umfrage zum Thema "Fußball und Sicherheit", die noch bis Ende Juni 2008 läuft, sowie einer Reihe von ExpertInnen- und qualitativen Interviews mit ZuschauerInnen bei den Spielen der österreichischen Fußball-Bundesliga, versucht Ireen Friedrich gemeinsam mit ihrem Kollegen Bernhard Klob sowie einem zehnköpfigen Team aus KollegInnen und Studierenden herauszufinden, was sich "der Fan" selbst in Bezug auf Sicherheit wünscht. Denn oft sind es banal erscheinende Präventivmaßnahmen, die den ordnungsgemäßen Ablauf einer Großveranstaltung, aber auch die Stimmung vor, während und nach den Spielen positiv beeinflussen.
Fans willkommen heißen
Dass eine Fußballmeisterschaft friedlich ablaufen kann, hat Österreichs Nachbar Deutschland bei der WM 2006 vorgeführt. Das Geheimrezept der Deutschen: den Fan willkommen heißen. Aus kriminalpräventiver Perspektive ist auch die Kommunikation zwischen Behörden, Sicherheitskräften, FanbetreuerInnen und Fans zentral.
"In Deutschland haben sich beispielsweise die PolizistInnen mit Fähnchen und Schminke im Gesicht öffentlich mit den Fans identifiziert - das kam sehr gut an", erzählt die fußballbegeisterte Juristin: "Für die britischen Fans waren englische 'Bobbies' als AnsprechpartnerInnen unter den ZuschauerInnen. Auch bei der EM 2008 in Österreich und der Schweiz werden sich speziell für den Umgang mit Fans ausgebildete Sicherheitskräfte unter die Menschenmengen mischen."
Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser?
Fahnen, Choreographien und Pyrotechnik gehören für viele Fans zum Fußball dazu. "Es ist die Aufgabe des Veranstalters, Kompromisse und Lösungen dafür zu finden", sagt Friedrich. Denn der reibungslose Ablauf beim Einlass zu den Spielen ist ebenso wichtig wie die Kommunikation mit den Fans: "Hier wird es wesentlich darauf ankommen, wie zügig man die ZuschauerInnen ins Stadion bringt. Sicherheitskontrollen, die zu lange dauern, aufgeregte Fans, die stundenlang in der Schlange stehen müssen und immer nervöser werden - das macht das beste Sicherheitskonzept zunichte."
Auch eine zu hohe Präsenz bzw. Sichtbarkeit schlagstockbewehrter Sondereinsatzkommandos der Polizei erhöht das Aggressionspotenzial einer wartenden Menschenmasse wahrscheinlich eher, als dass sie ein Gefühl von Sicherheit suggeriert. Hierzu soll die Fußballumfrage aufschlussreiche Informationen liefern.
In Prävention investieren
"In Ostdeutschland, wo es zurzeit massive Probleme mit gewaltsuchenden Fans gibt, werden neuerdings Überwachungsdrohnen eingesetzt - unbemannte Flugkörper, die im Stadion über den Köpfen der ZuschauerInnen kreisen und strafrechtlich relevantes Verhalten per Videokamera dokumentieren", erzählt Friedrich: "Diese Art der Überwachung führt allerdings zu Protesten in den Fanreihen und schafft eine negative Atmosphäre. Die 300.000 Euro, die allein das deutsche Bundesland Sachsen für diese neue Überwachungstechnik bei Fußballspielen ausgibt, hätte man alternativ sinnvoller für die Fanbetreuung und Kriminalprävention verwenden können."
Die perfekte Kontrolle gibt es nicht
Wer die Fankultur nicht versteht, kann keine erfolgreichen Sicherheitsmaßnahmen treffen, meint Ireen Friedrich: "Das fängt schon beim Stadionbau an. Probleme wie die in Ostdeutschland hatte England schon vor 15 Jahren: Dort wurde aber massiv in die Fanbetreuung investiert, und es hat sich gezeigt, dass man mit wenig Aufwand viel erreichen kann, etwa durch die Vorverlegung der Spiele auf den frühen Nachmittag oder die Abschaffung von Stehplatzbereichen im Stadion. Letzteres ist mittlerweile internationaler Standard."
Neben der Online-Fanbefragung vergleicht die Expertin auch die Sicherheitsmaßnahmen und ihren Erfolg in Ländern, die bereits einmal eine Fußballmeisterschaft ausgetragen haben. "Das Ziel der Studie, die im August 2008 abgeschlossen werden soll, ist es, erfolgreiche Präventionsmaßnahmen im Fußball international publik zu machen", so Friedrich: "Eines ist jedoch sicher: Die perfekte Sicherheitskontrolle gibt es nicht." (br) |