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Susanne Kimm und Birgit Sauer untersuchen Kampagnen zu Frauenrechten im Rahmen der EURO 2008. Foto: T. Dirtl


Jürgen Nautz und Birgit Sauer (Hg.): "Frauenhandel. Diskurse und Praktiken. Transkulturelle Perspektiven".


Institut für Politikwissenschaft, Fakultät für Sozialwissenschaften Kampagne "SexarbeiterInnen haben Lust... auf ihre Rechte!" "LEFÖ" ? Beratung, Bildung und Begleitung für Migrantinnen "MAIZ" ? Autonomes Integrationszentrum von & für Migrantinnen
Fußballsport und Sexarbeit
EURO 2008
Theresa Dirtl (Redaktion) am  4. Juni 2008

Die WM 2006 in Deutschland nahmen NGOs zum Anlass, Frauenhandel und Zwangsprostitution zu thematisieren. Doch diese Kampagnen gingen teilweise nach hinten los, und Sexarbeiterinnen wurden daraufhin pauschal stigmatisiert. Diese "Kriminalisierung von Sexarbeiterinnen" soll bei der EURO 2008 vermieden werden. Wie dies die österreichischen NGOs im Vergleich zu Deutschland angehen, darüber sprechen die Politikwissenschafterinnen und Frauenrechtsexpertinnen Birgit Sauer und Susanne Kimm am 10. Juni im Rahmen der Ringvorlesung "Fußball - Zur Phänomenologie eines Spektakels".

Schon im Vorfeld der WM 2006 hatten sowohl deutsche PolitikerInnen als auch Frauenorganisationen die große Sorge, dass es im Rahmen des Fußballevents zu einer drastischen Erhöhung von Zwangsprostitution kommen würde. Aus diesem Anlass wurden gleich mehrere Kampagnen ins Leben gerufen, darunter "abpfiff" des Deutschen Frauenrates, finanziert aus Bundesmitteln, "Stoppt Zwangsprostitution" der NGO "Frauenrecht ist Menschenrecht" (FiM) oder die Kampagne einer katholischen Beratungsstelle "Rote Karte für sexuelle Ausbeutung und Zwangsprostitution".

Für Univ.-Prof. Dr. Birgit Sauer gingen diesen Kampagnen von zwei falschen Ansätzen aus, die auch dazu führten, dass sie politisch und medial ambivalent diskutiert wurden: "Erstens arbeiteten fast alle beteiligten Organisationen mit dem Konnex 'Fußball ist gleich männlich ist gleich gekaufter Sex' ? ein Konnex, der auch im Hinblick auf eine stetig steigende weibliche Fanschaft grundsätzlich zu hinterfragen ist. Zweitens thematisierten die Kampagnen ausschließlich Zwangsprostitution und Menschenhandel, was dazu führte, dass diese beiden Bereiche von den Medien mit legaler Prostitution vermischt wurden und letztere dadurch wiederum ins illegale Eck gedrängt wurde."

In Deutschland dachte die bayrische CDU zum ersten Mal sogar laut darüber nach, die Freier zu bestrafen, sprich gekauften Sex generell wieder zu kriminalisieren ? in Schweden seit 1999 Gesetz. "Hier wurde explizit mit dem Bild 'männlicher Fußballfan/Hooligan ist gleich Freier' gearbeitet", so Sauer.

Sittenwidrige Prostitution


Dass Zwangsprostitution und Menschenhandel zu verurteilen und zu bekämpfen sind, darin sind sich alle einig. In Deutschland nahmen aber besonders die Konservativen, wie etwa die bayrische CDU, die Diskussionen rund um die Kampagnen zum Anlass, allgemein gegen die ihrer Ansicht nach zu liberalen Gesetze in punkto Prostitution zu wettern. Hier ist auch der große Unterschied zwischen Deutschland und Österreich: Deutschland hat 2002 mit seinem Prostitutionsgesetz die Sittenwidrigkeit abgeschafft und damit Verträge für sexuelle Dienstleistungen ermöglicht. Hierzulande gilt die Prostitution noch immer als sittenwidrig und ist daher arbeits- und sozialrechtlich gar nicht bzw. schwach geregelt.

Lust auf Rechte

Österreichische NGOs haben aus den Erfahrungen der Organisationen in Deutschland gelernt und sich daher gegen eine große, einheitliche Kampagne während der EM entschieden: um die EURO 2008 bewusst nicht in Verbindung mit Zwangsprostitution und Menschenhandel zu bringen und um keiner "Law-and-Order" bzw. Anti-Migrantinnen-Politik unwillentlich Nährstoff zu bieten, wie dies im Nachbarland passiert ist.

Trotzdem erschien ein genereller Kampagnenverzicht einigen NGOs nicht zielführend: So gibt es eine Initiative, die Sexarbeit generell thematisiert. Die Kampagne nennt sich "SexarbeiterInnen haben Lust?auf ihre Rechte!" und wird vom Verein "LEFÖ" (Beratung, Bildung und Begleitung für Migrantinnen) organisiert und von "MAIZ" (Autonomes Integrationszentrum von & für Migrantinnen) unterstützt. Den Vereinen geht es darum, generell auf die prekäre Situation von Sexarbeiterinnen in Österreich hinzuweisen, die praktisch rechtlos und ohne Anspruch auf Sozialleistungen ihrem Beruf nachgehen. Konkret werden die Abschaffung der Sittenwidrigkeit gefordert, die Anerkennung von Prostitution als Arbeit sowie Schutz vor Gewalt, Sexismus und Rassismus.

Familienfest und Party

Prognosen im Vorfeld der WM 2006 gingen von rund 40.000 zusätzlichen Sexarbeiterinnen aus. Anschließende Studien belegten, dass diese Schätzungen viel zu hoch angesetzt wurden und auf falschen Kurzschlüssen basierten: "Fußball mit einem rein männlichen Feld gleichzusetzen, greift zu kurz. Gerade solche Großevents haben ja auch den Charakter von Familienfesten und großen Partys mit FreundInnen", erklärt Mag. Susanne Kimm: "Und die Inanspruchnahme von sexuellen Dienstleistungen ist eben nicht explizit mit Fußball verbunden, die gibt es bei jedem Großevent." So hat die WM 2006 zwar mancherorts eine gewisse Nachfrage an Sexarbeiterinnen produziert, ebenso wird dies für die EURO 2008 gelten. Aber die Gleichung 'Fußballfan ist Freier' ist nicht richtig. (td)


Vortrag: Fußball und Sex. Wessen Vergnügen? Wessen Arbeit?
im Rahmen der Ringvorlesung "Fußball - Zur Phänomenologie eines Spektakels"
Dienstag 10. Juni 2008 von 9 bis 11 Uhr
Hauptgebäude der Universität Wien, Auditorium Maximum
Dr. Karl-Lueger-Ring 1, 1010 Wien
Nähere Informationen zur Ringvorlesung


Buchtipp:
Jürgen Nautz und Birgit Sauer (Hg.), "Frauenhandel. Diskurse und Praktiken. Transkulturelle Perspektiven", (2008, V&R unipress)

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