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Gedächtnis und Gewissen der Universität
Orte der Universität Wien
Roland Dreger (Redaktion) am  9. Juli 2003

Etwa fünf bis sechs NutzerInnen zählt man täglich in der Postgasse 9, im Archiv der Universität Wien. Aufbewahrungsort all jener Materialien, die sich im Laufe der Jahre an den Instituten und in der Verwaltung angehäuft haben, deren Bestand aber ihre Aktualität bereits überdauert hat. Hier werden sie für die "Ewigkeit" aufbereitet.



Würde man alle Regale des Archivs aneinanderreihen, käme man auf etwa neun Kilometer Länge, veranschaulicht der Leiter des Universitätsarchivs, Hofrat Dr. Kurt Mühlberger, den umfangreichen Archivbestand, den er mit nur sieben MitarbeiterInnen betreut. Seit das Archiv 1980 in die Postgasse übersiedelte, lagert hier, aufgeteilt auf vier Tiefgeschosse und rund 3400 Quadratmeter Fläche, die gesamte Geschichte und, wie der Historiker konstatiert, auch die Zukunft der Universität: "Das Archiv versteht sich als das Gedächtnis und Gewissen der Universität.

 
 

Die Postgasse 9, bis 1884 Standort der alten Universitätsbibliothek und seit 1980 neue Adresse des Archivs der Universität Wien.

Alles, was in Zukunft wesentlich sein könnte, über die Universität zu erforschen, soll hier dokumentiert werden."

Einzigartige Dokumente

 

Wo bis 1884 die Bibliothek der Universität beheimatet war, finden sich heute so einzigartige Dokumente wie etwa die Gründungsurkunde der Universität Wien, an die 80.000 Bände der Archivbibliothek, Nachlässe von Professoren, Akten, Protokolle, Gemälde, Fakultätsarchive und eine riesige, nur zum Teil erschlossene Fotosammlung.

Deutscher Stiftbrief der Universität Wien aus dem Jahre 1365, ausgestellt von den Herzögen Rudolf IV., Albrecht III. und Leopold III.

 

Und nicht ohne Stolz spricht man im Archiv über die nahezu lückenlose Dokumentation der MitarbeiterInnen und StudentInnen der Universität Wien vom Beginn der Matrikelführung im Jahre 1377 bis zur elektronischen Erfassung ab 1968. Einzig an der Juridischen Fakultät wurde durch einen Bombentreffer 1945 ein Großteil der damals dort lagernden Aufzeichnungen und Dokumente vernichtet.

Brückenbauer zur Forschung

Seit mehr als einem Jahr ist man damit beschäftigt, den gesamten Bestand elektronisch zu erfassen. Trotz der Fülle an Materialien und des immensen Arbeitsaufwandes ist man zuversichtlich, dass die Daten in ein paar Jahren sogar über das Internet abrufbar und somit den BenützerInnen und der Forschung noch besseren zugänglich sein werden. Denn neben der Sicherstellung, Konservierung und Erschließung wird die Bereitstellung der archivierten Materialien für die Forschung als eine der Hauptaufgaben gesehen. Das Archiv ist eine Serviceeinrichtung und keine Verwahranstalt, so Kurt Mühlberger, und "der Archivar gewissermaßen ein Brückenbauer zur Forschung."

Regale als Kletterwand

Die BenützerInnen, die aus dem In- und Ausland hierher kommen, sind so auch nie als Problem angesehen worden. Nur einmal, erinnert sich der Historiker, musste er einen Benützer des Archivs verweisen, und dies aus einem durchaus triftigem Grund. Dieser, ein süddeutscher Bergsteiger in voller Montur, war tatsächlich nicht davon abzubringen, die Regale des Archivs als Kletterwand zu missbrauchen.

 
 

Dr. Kurt Mühlberger im neu renovierten Depot des Archivs.

Wie Mühlberger schmunzelnd ergänzt, brachte der "Vertriebene" seinen Unmut darüber dann in Form eines bitterbösen Eintrags ins Benützerbuch zum Ausdruck, in dem er sich beschwerte, dass es ihm verwehrt sei, auf die Regale zu klettern.

Ein eigenes Universitätsmuseum?

 

2001 wurde das Depot in den Untergeschossen bis auf einige wenige Bereiche völlig neu ausgestattet und renoviert. Eine vollständige Renovierung, insbesondere der überirdischen Gebäudeteile, ist aufgrund fehlender Finanzmittel derzeit nicht in Sicht. So hofft man aber, dass bis zum Herbst diesen Jahres wenigstens die Neuadaptierung des Lesesaals abgeschlossen sein wird, welcher derzeit noch provisorisch in der Schausammlung untergebracht ist. Seinen Traum vom eigenen Universitätsmuseum im Archiv will Mühlberger aber trotz aller Schwierigkeiten auch in Zukunft weiter verfolgen: "Die Idee wäre, hier ein Museum einzurichten, in dem man das Historische mit dem Gegenwärtigen verbindet, neben den musealen Schaustücken könnten auch aktuelle Aktivitäten präsentiert werden." (ro)

Am tiefsten Punkt des Depots, im vierten Untergeschoss, befindet sich die umfassende Fotosammlung.

 

 

Buchtipp: Kurt Mühlberger, Thomas Maisel: Rundgang durch die Geschichte der Universität Wien. Eigenverlag der Universität Wien: Wien 1999 ( 2., verb. u. erweiterte Auflage); S. 88.

Archiv der Universität Wien Publikationsliste des Archivs

 

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