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Kamingespräch unter Freunden: Robert Rosner, Carl Djerassi, Alfred Bader


Rosner, Djerassi, Alfred und Isabel Bader, Christian Noe


Dekan Noe und Isabel Bader


Alfred Bader und Zeithistoriker Friedrich Stadler


Robert Rosner. (Fotos: mh)


Gemeinsame Erinnerungen von Bader, Rosner und Djerassi
Lieben-Projekt
Michaela Hafner (Redaktion) am  9. November 2004

Am Montagabend, 8. November 2004, trafen sich Alfred und Isabel Bader, Stifter des Ignaz-Lieben-Preises, "Pille"-Erfinder Carl Djerassi und der Chemiker Robert Rosner mit Dekan Christian Noe im Senatssaal zu einem Kamingespräch unter der Leitung des Zeithistorikers Friedrich Stadler. Die Themen: Kindheit in Wien, Emigration, wissenschaftliche Karriere und Mäzenatentum.

"Das ist dein Abend", warf Carl Djerassi seinem Schulfreund Alfred Bader im Laufe des Gesprächs mehrmals zu. Was die drei Herren im Alter von 80 bzw. 81 Jahren nicht nur an diesem Abend verbindet: die gewaltsame Vertreibung aus Wien 1938 und die Arbeit im Bereich der Chemie. Bader: Mäzen und Unternehmer Alfred Bader kam 1949 erstmals wieder nach Wien. 1924 geboren, musste er 1938 mit einem Kindertransport nach Großbritannien flüchten. In Kanada studierte er Chemie, promovierte in Harvard und gründete Anfang der 1950er Jahre die Firma Aldrich Chemical Co., die 1975 mit dem biochemischen Zulieferunternehmen Sigma fusionierte. Bis zu seiner Pensionierung 1991 war er Vorsitzender von Sigma-Aldrich. "Ich wollte meine Schwester und meinen Cousin besuchen, Wien anschauen, meine Wohnung. Ich war froh, Wien wieder verlassen zu können." Niemals hätte er damals gedacht, dass er in Wien Wissenschaft fördern oder etwas stiften würde. In langen Gesprächen hätte er allerdings seine Meinung über Österreich geändert und Freunde gefunden, wie Christian Noe, Dekan der Fakultät für Lebenswissenschaften. Noe war es auch, der an Bader herangetreten war und ihn zur Stiftung des jährlichen Betrags von 18.000 US-Dollar für den Lieben-Preis angeregt hatte. Erstmals seit 1937 konnte somit am Dienstag, den 9. November 2004 die älteste Auszeichnung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften wieder verliehen werden. Der Lieben-Preis selbst sei für ihn aber nur eines von vielen Projekten und habe keine besondere Bedeutung: "Wir versuchen mit unserer Foundation den ärmsten und den tüchtigsten Menschen zu helfen", so Bader. Mäzenatentum Warum wird man Mäzen? Aus Eitelkeit oder Dankbarkeit?, lautete eine Frage an das Ehepaar Bader, das zahlreiche Preise und Stipendien im Bereich Kunst und Chemie stiftet (etwa den Alfred-Bader- oder den Josef-Loschmidt-Preis der Royal Society of Chemistry). "Meine Frau und ich leben sehr einfach. Wir können das Geld nicht mitnehmen, wenn wir sterben", meint Bader nur. Über eine Familienstiftung, die einer seiner beiden Söhne leitet, werden jährlich zehn bis zwölf Millionen Euro für verschiedene Zwecke ausgeschüttet. Darüber hinaus besitzt das Ehepaar Bader eine der bedeutendsten privaten Sammlungen von Arbeiten holländischer Meister aus dem 17. Jahrhundert.  Von der Chemie zur Geschichte "Entdeckt" hatte den lange Jahre vergessenen Lieben-Preis Mitte der 1990er Jahre Robert Rosner. Rosner, ebenfalls Jahrgang 1924, konnte 1938 mit einem Kindertransport nach England flüchten. 1947 kehrte Rosner nach Wien zurück ? undenkbar für Bader, der auch auf Einladung der damaligen Regierung ? hätte es eine gegeben ? nicht nach Österreich zurückgekehrt wäre:  "Ich weiß noch, wie im April 1938 halb Wien auf der Ringstraße war, um den Führer zu begrüßen", erinnert er sich mit Schaudern. "Bobby" Rosner jedenfalls begann an der Universität Wien Chemie zu studieren ? "obwohl ich immer Geschichte studieren wollte, was ich wegen dem fehlendem Latinum nicht konnte". Überhaupt sei sein Schulabschluss in England in Wien der Matura einer Frauenoberschule gleichgestellt worden, erzählt er verschmitzt ? "und damit habe ich begonnen, Chemie zu studieren". Nach seiner Promotion 1955 arbeitete er bei Loba Feinchemie, wo er als Verkaufsleiter des Unternehmens in Kontakt mit Bader kam, woraus sich eine lebenslange Freundschaft entwickelte. Erst in den 1990ern begann Rosner, Politikwissenschaft und Geschichte zu studieren. Im Rahmen der Beschäftigung mit der Geschichte der Chemie stieß er auf den Lieben-Preis. Ursprünglich wollte er bloß eine Ausstellung über die PreisträgerInnen ? ein "Who is Who in Austrian Science", so Rosner ? initiieren, wofür es aber kein Geld gab. Erst Dekan Noe setzte sich dafür ein, die Stiftung wieder ins Leben zu rufen, indem er seinem Freund Bader von diesem Projekt erzählte. Die Familie Lieben selbst konnte den Preis nicht wieder aufnehmen, ihr Vermögen wurde in der NS-Zeit arisiert: Die Stiftung zählt zur langen Liste der Opfer des Nationalsozialismus, gab Friedrich Stadler zu bedenken. Wien und die deutsche Sprache Zum unterentwickelten Mäzenatentum in Europa bemerkte Stadler, dass es in Österreich Teil der Kultur war. Das Radium-Institut beispielsweise wurde in der Zwischenkriegszeit privat finanziert, "aber die Massenvertreibung und -vernichtung ist ein Grund für das Defizit, die geistige Provinz nach 1945", so der Zeithistoriker. Zu Wien hat vor allem Carl Djerassi, Jahrgang 1923, eine besondere Beziehung. "Ich bin ein Wiener ? kein Österreicher. Hier habe ich begonnen zu lesen, in Wien habe ich über Kunst gelernt, hier war ich erstmals im Theater, das prägt." Fast 50 Jahre hatte Djerassi ? er war mit einem Kindertransport über Bulgarien in die USA geflüchtet ? nicht Deutsch gesprochen. Erst als er in den 1980er Jahren begann, sich literarisch zu betätigen und seine Romane und Theaterstücke vom Englischen ins Deutsche übersetzt wurden und er eingeladen wurde, eine Lesung auf Deutsch abzuhalten, hatte er sich wieder mit seiner Muttersprache auseinandergesetzt. Seine wissenschaftlichen Vorträge in deutschsprachigen Ländern hatte er nämlich immer auf Englisch gehalten ? "nur mit Kellnern oder Taxifahrern habe ich mich auf Deutsch verständigt". Djerassi, der seit kurzem auch österreichischer Staatsbürger ist und sich mit seinem Herkunftsland "versöhnt" habe, sagt von sich, er spreche ein "anachronistisches" Deutsch. "Ich finde englische Ausdrücke in der deutschen Sprache wie 'sich outen' oder 'emailen' ganz schrecklich." Für einige Bereiche würden ihm im Deutschen die Worte fehlen ? für die Chemie, aber auch für die Liebe, meint er schmunzelnd. Für Bader war die deutsche Sprache wichtig für den Aufbau seiner Chemie-Firma: Jährlich kam er nach Österreich, Deutschland oder in die Schweiz, um Chemikalien zu kaufen. Bader und Djerassi unterhielten sich bei diesem Kamingespräch übrigens das erste Mal seit ihrer Kindheit und gemeinsamen Schulzeit auf Deutsch und amüsierten sich über ihren Akzent: "Verstehst du mich eh?" ? "Ja, ja, es geht schon ?" (mh)  

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