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Gen- und Reproduktionstechnologien in Sciencefiction-Texten
Ethik und Biomedizin
Gastbeitrag von Barbara Neuwirth am 24. Januar 2003

Das Genre Sciencefiction (SF) eignet sich zur Erprobung verschiedenster Szenarien: SF spekuliert über mögliche Zukunftsentwürfe und geht dabei von Tendenzen der Gegenwart aus. Das Thema Reproduktionstechnologien wird anhand eines Streifzugs durch Klassiker der Weltliteratur bis zur feministischen SF der letzten Jahrzehnte beleuchtet.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wird die Frau als Lebensspenderin und Mutter nicht mehr wie in der Antike als bloßes Gefäß und Werkzeug gedacht, nein, die wissenschaftliche Forschung zielt darauf, die Frau überflüssig zu machen. Das Klonen und die Gen- und Reproduktionstechniken sind in der letzten Stufe ohne natürliche Gebärmutter erdacht. Handelt es sich bei diesen Bemühungen jedoch ausschließlich um eine Entmachtung der Frauen oder kann man auch über eine Entlastung nachdenken? In der SF-Literatur finden sich seit beinahe 200 Jahren Überlegungen zur Gen- und Reproduktionstechnik, allerdings meist unter allgemeinen politischen Bedenken geschrieben, nicht unter dem Aspekt der Frauenfrage. Dies änderte sich erst in den letzten drei Jahrzehnten, als unter dem Eindruck der feministischen Frauenbewegung mehr Publikationsmöglichkeiten auch für inhaltlich unangepasste Autorinnen entstanden. Eines vorweg: Künstliche Fortpflanzungsmethoden wurden von den LiteratInnen fast durchgängig kritisch und bereits frühzeitig negativ besetzt. Und: Alles, was die menschliche Fortpflanzung betrifft, wird in der SF-Literatur weder häufig, geschweige denn besonders innovativ bearbeitet.

Reproduktion in klassischen SF-Erzählungen

Spätestens mit Aldous Huxleys "Schöne Neue Welt" (1932) wurde einem großen Publikum gezeigt, dass die Entwicklung der Föten in künstlichen Gebärmüttern einen moralischen und emotionalen Untergang der Menschheit begleitet. Huxley schildert, wie Eizellen mittels technischer Verfahren zur Entwicklung angeregt werden. Jedes Ei treibt mehrere Knospen, aus denen sich je ein Fötus entwickelt. Die so entstehenden Dutzendlinge können genetisch manipuliert werden und werden bereits im Brutglas auf eine bestimmte soziale und berufliche Rolle hin fixiert. Die genetische Klassengesellschaft hat zwar die Frauen aus der Rolle der Gebärenden befreit, ethische Ansprüche, die mit Demokratie oder Emanzipation zusammenhängen, haben aber keinen Platz mehr.

Wer wollte, konnte sich durch gruselig beschriebene Experimente schon früher warnen lassen: H. G. Wells publizierte 1896 "The Island of Dr. Moreau". Auf dieser Insel begegnen wir einem verrückten Wissenschafter, der mit undurchsichtigen Experimenten aus Tieren Kreaturen macht, die noch keine Menschen, aber auch keine Tiere mehr sind, sondern haltlose Zwischenwesen. Die Anmaßung des Wissenschafters führt zum Leid der Kreaturen und mündet im Scheitern des Projekts.

Wenn wir noch weiter zurücklesen, landen wir bei einer Autorin. Mary Shelley beschreibt 1817 in "Frankenstein oder Der moderne Prometheus" die Herstellung eines nicht gezeugten und nicht von einer Frau geborenen Wesens. In allen bisher erwähnten Büchern sind es immer Männer, die den Drang verspüren, gottähnlich zu kreieren. Auch Mary Shelley lässt einen von Sehnsucht getriebenen jungen Wissenschafter, Viktor Frankenstein, das "Monster" erschaffen.

In diesen frühen literarischen Darstellungen von künstlicher Fortpflanzung und Genexperimenten wird die Abkoppelung der Schwangerschaft von der Frau mit einer Verschlechterung der menschlichen sozialen Situation und ethischen Problemen verbunden.

Feministische SF seit den 1970er Jahren

Erst mit dem emanzipatorischen Aufbruch der Frauen Ende der 1960er Jahre und ab 1970 verbreitert sich die Sichtweise auf die Problematik. Pamela Sargent legt in "Cloned Lives" von 1976 (dt. "Die Bio-Bombe") die Geschichte der ersten geklonten Menschen an den Beginn unserer Jahrtausendwende. Ein genialer Gentechniker klont seinen verwitweten, hochintelligenten Freund. Die vier Buben und ein Mädchen werden genau in einer kurzen Zeit der Gesetzeslücke geboren, als ein Moratorium zur Verhinderung des Klonens nicht exakt ins nächste greift. Für dreißig Jahre bleiben sie die einzigen ihrer Art. Ihre psychischen Probleme stehen im Mittelpunkt des Buches: Einerseits fühlen sie sich sehr zueinander hingezogen, anderseits suchen sie den Weg in die Individualität. Die geklonte Frau ist diejenige, die sich wieder für die Gen- und Reproduktionstechnologie interessiert und ihre Art weiter etabliert. Im Buch gibt es nie die Frage der Klone nach einer Mutter; der Klongeber wird als verantwortungsvoller Mensch beschrieben, der sich liebevoll, wenngleich selbst voll Zweifel gegenüber diesem Projekt, um seine Nachkommen kümmert. Sargents Buch ist ein Plädoyer für Toleranz. Letztlich ist das Individuum für seine Entwicklung selbst auch zuständig, nicht bloß das genetische Material, scheint Sargents Credo zu sein. Die Problematik der Klone löst sich am Ende des Buches auf, wenn die gesetzlichen Bestimmungen fallen und die Klone zu einer normalen Erscheinung werden.

Mit der Problematik vom Zusammenleben zwischen Klonen und konventionell gezeugten Menschen beschäftigt sich auch Ursula K. LeGuin in ihrer Erzählung "Nine Lives" (1976). Auf einem Bergbau-Planeten, wo nur zwei Menschen leben, werden Klone, die alle von einem einzigen Menschen stammen, zur Arbeit erwartet. Während die Klone in einer sehr innigen Verbindung leben, sind die Menschen von der Schäbigkeit und Verzweiflung ihrer Lage erschöpft. Dann geschieht ein Unfall und nur ein Klon überlebt. Er ist mit der Aufgabe konfrontiert, nun ebenso wie die Menschen als Individuum in dieser Einsamkeit leben zu müssen.

In Fay Weldons Roman "Die Klone der Joanna May" (1989) entscheidet sich Joannas Mann, Kopien von Joanna produzieren zu lassen. Irgendwann nach der Scheidung entdeckt Joanna May diese vier Klone (die, um ein wenig aufs Technische einzugehen, noch von Frauen ausgetragen wurden) und sucht den Kontakt zu ihnen. Es kommt zu einer Art "Frauenpower", die Frauen ergänzen einander in ihren Variationen ausgezeichnet. Weldon lässt das Thema des Klonens in diesem Buch recht ungeschoren, die Interaktion zwischen den Frauen ist für die LeserInnen bedeutend spannender als der futurologische Aspekt.

Die Form der üblichen Schwangerschaft scheint literarisch auch Ende der 1990er Jahre wieder ein Thema zu sein. Für den 1999 vergebenen Lise-Meitner-Literaturpreis wurde eine große Anzahl von Manuskripten eingereicht, die sich mit Schwangerschaft beschäftigen. Obwohl der Preis 1999 zum dritten Mal ausgeschrieben war, hatte sich bislang noch nie ein Motiv so auffällig durchgesetzt. Die Preisträgerin 1999, Silke Rosenbüchler, beschreibt in ihrem Text "Mein Alien" eine Studentin, die trotz Verhütung feststellen muss, schwanger geworden zu sein. Zwar scheint es mehrere Möglichkeiten zur Verhütung zu geben als in unserer Gegenwart, aber die Zuverlässigkeit ist nicht gestiegen. Auch jene der potentiellen Kindsväter nicht - zumindest der Kindsvater im Text entpuppt sich als nicht williger Papa. Was tun? Ein Embryo kann freigegeben werden, und auch Männer können, nach Hormonbehandlungen, die Kinder austragen. Moderne Maschinen sind darauf vorbereitet, den Gencode des Fötus zu überprüfen, da eine Freigabe aus dem Mutterleib in einen Gefäßleib nur bewilligt wird, wenn er gesund ist. In welchem Bauch dann auch immer der Fötus zum Wachsen kommt, technische Entwicklungen ermöglichen es, den Embryo jederzeit zu betrachten. Die sozialen Probleme sind für Rosenbüchlers Heldin dieselben wie jene unserer Gegenwart, die technischen Möglichkeiten präsentieren sich jedoch entwickelt. Aber Technik allein macht eben noch keine neuen Menschen.

Resümee

Die Sciencefiction-Literatur von Frauen vermittelt keinen eindeutigen Standpunkt für die Beurteilung der Gen- und Reproduktionstechnologien. Mary Shelley ließ ihren Dr. Frankenstein 1817 aus genau denselben Motiven ein neues Wesen aus Menschenteilen erschaffen, welche die Ideen der Wissenschaft auch heute bewegen: Die Überwindung des Todes kann auf dem banalen, üblichen Weg der Zeugung erfolgen oder auf dem Weg der immer detaillierteren, kontrollierten Gestaltung bereits vorhandenen Lebens oder seiner biotechnischen Reproduktion. Mit stoischer Selbstverständlichkeit nehmen Schriftstellerinnen an, dass geklont wird. Ihr Thema ist die Sozialisation dieser Klone, nicht ein möglicher Machtverlust der Frauen durch die ausgelagerte Reproduktion. Möglich, dass die schwierigen Bedingungen für Schwangerschaften in vielen Ländern und die daraus resultierende Ablehnung dieser Rolle durch viele Frauen so stark auch auf Schriftstellerinnen einwirkt, dass gewisse Fragen kaum auftauchen. Möglich auch, dass eine weibliche Verantwortung gegenüber dem neuen Leben, also dem Klon, sich stärker den Weg in die Literatur schreibt als die Reflexion der Veränderung der eigenen (angenommenen oder abgelehnten) Rolle. Offensichtlich schreitet die Entwicklung in der Gen- und Reproduktionstechnologie im Patriarchat schneller voran als die literarischen Bearbeitungen darüber, welche Entmachtungen oder Entlastungen sich daraus für die Frauen entwickeln könnten.

Barbara Neuwirth ist Schriftstellerin und Lektorin für Wissenschaftstexte und lebt in Wien.

Dieser Artikel ist die gekürzte Version von Barbara Neuwirth, "mutter:maschinen. Gen- und Reproduktionstechnologien in Sciencefiction-Texten von Autorinnen" in: Karin Giselbrecht/Michaela Hafner: Data Body Sex Machine. Technoscience und Sciencefiction aus feministischer Sicht. Wien: Turia + Kant 2001, S. 147-167. EUR 15,-. ISBN 3-85132-282-7

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