"Theorie aus dem Westen, Praxis aus dem Osten": Das ist nur eines der inhaltlichen Stereotype, mit denen sich das österreichisch-rumänische Projekteam rund um Susanne Hochreiter und Ruxandra Theodorescu im zweijährigen Kooperationsprojekt auseinandersetzt. Die acht WissenschafterInnen - vier vom Institut für Germanistik der Universität Wien, vier von der Faculty of Foreign Languages der Spiru Haret Universität in Bukarest - untersuchen anhand von literarischen und medialen Quellen unterschiedliche Aspekte von Geschlechterpolitik und Genderforschung in Österreich und Rumänien. Dabei werden die ForscherInnen mitunter auch mit den eigenen Voreingenommenheiten konfrontiert.
Zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit
Das Themenspektrum reicht von Androgynität in österreichischen und rumänischen Romanen, Gender und Nation in rumänischer und österreichischer Literatur nach 1989 bis hin zur Rolle der Frau in der rumänischen Literatur des 19. Jahrhunderts. "Ein Teamkollege beschäftigt sich zum Beispiel unter dem Titel 'Sex and the Airport' mit Werbebroschüren, die in Bukarest und in Wien am Flughafen aufliegen und speziell der Zielgruppe der Business-Reisenden bezahlten Sex anbieten", veranschaulicht die Projektleiterin die inhaltliche Bandbreite: "Eine andere Kollegin arbeitet zum Bild der 'fremden Frau' in der rumänischen Literatur." Mit im PhilologInnenteam ist auch eine Mediensoziologin, die zur Darstellung von Weiblichkeit in Modemagazinen forscht.
Vorurteile über Bord werfen
Die Ziele, die die österreichischen und rumänischen GenderforscherInnen gemeinsam verfolgen, sind bescheiden und idealistisch zugleich: über den eigenen Tellerrand blicken, neue Perspektiven gewinnen, dem westlichen Imperialismus in der akademischen Welt entgegenwirken.
Susanne Hochreiter selbst hat schon nach wenigen Monaten Projektarbeit - offizieller Start war im Jänner 2009 - sämtliche Bilder, die sie von Rumänien hatte, über Bord geworfen. Den TeamkollegInnen geht es ähnlich: "Wir reden bei unseren Treffen auch über unsere eigenen Lebensgeschichten beziehungsweise darüber, wie wir uns als Frauen oder Männer definieren und wie Gender in unseren jeweiligen Umgebungen verhandelt wird", so die Wissenschafterin, der beim ersten gemeinsamen Projekt-Workshop im März 2009 klar geworden ist, wie viele - bewusste und unbewusste - Barrieren erst durch den persönlichen Kontakt aufbrechen: "Eine rumänische Kollegin hat erzählt, sie sei immer der Meinung gewesen, die Leute im Westen seien einfach kalt - bis sie uns beim Workshop als ebenso offene und gastfreundliche Menschen kennengelernt habe."
"Ost-Tussen-Look" oder emanzipatorisches Ideal?
Der Austausch von Biographien, Alltagserfahrungen und Befindlichkeiten, aber auch das Offenlegen der jeweiligen theoretischen und methodischen Zugänge ist nicht nur für die Zusammenarbeit und Kommunikation zwischen den beiden "Länderteams" unerlässlich, sondern auch aus wissenschaftlicher Perspektive fruchtbar. Im Mai 2009 beispielsweise gestaltete das Projektteam ein Gender-Panel auf der jährlichen Tagung der Partnerfakultät in Bukarest. Dabei kam es zu einer heftigen Debatte um die Frage, warum es rumänischen Frauen so viele Jahre nach Ende des Kommunismus immer noch wichtig ist, sich stark über ihre körperliche Weiblichkeit zu definieren.
"Dieses Phänomen wird hier oft voreilig als 'Ost-Tussen-Look' ohne emanzipatorisches Ideal abgestempelt. Durch dieses gegenseitige Zuhören im Rahmen des Projekts haben wir jedoch erfahren, dass die Gestaltung der eigenen Weiblichkeit für die Frauen in Rumänien sehr wohl emanzipatorisch wichtig und notwendig ist, und da ganz viel Genuss dahintersteckt", erzählt Hochreiter: "Für uns ist das ungewohnt, da wir das Gefühl haben, ständig gegen den Kapitalismus aufbegehren zu müssen, während dieser dort aufgrund der sehr unterschiedlichen historischen Entwicklungen von vielen durchaus begrüßt wird und Konsum auch identitätsstiftend wirkt."
Ost und West auch in der Wissenschaft vereinen
Sehr unterschiedlich ist auch die Geschichte der emanzipatorischen Bewegungen und des Status der Gender Studies an den beteiligten Universitäten. "Aber es geht uns im Projekt nicht darum, den jeweiligen Stand der Genderforschung zu bewerten", betont Hochreiter: "Vielmehr wollen wir fragen: Wo und in welchem Zusammenhang ist ein theoretisches Konzept entstanden? Kann man es auf einen anderen politischen, kulturellen, sozialen oder historischen Kontext übertragen?" Dabei ist es der Germanistin ein Anliegen, die Rezeption der vielen spannenden theoretischen Beiträge rumänischer FrauenforscherInnen, die im US-amerikanisch dominierten Literaturkanon der Gender Studies bisher weitestgehend ignoriert wurden, zu verstärken. (br)
Das zweijährige Kooperationsprojekt Österreich-Rumänien zum Thema "Geschlechterrollen und Genderforschung in Österreich und Rumänien. Eine kontrastive Untersuchung literarischer und medialer Quellen" wird von Univ.-Ass. Mag. Dr. Susanne Hochreiter vom Institut für Germanistik der Universität Wien und Doz. Dr. Ruxandra Theodorescu von der Faculty of Foreign Languages der Spiru Haret Universität in Bukarest geleitet. Das Projekt startete im Jänner 2009 und wird im Programm WTZ (Wissenschaftlich-Technische Zusammenarbeit) des ÖAD (Österreichischer Austauschdienst) finanziert. |