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Vizerektor Arthur Mettinger begrüßte die Gäste zur Antrittsvorlesung von Stephan Procházka, ...


Dekan Franz Römer hielt die einleitenden Worte.


Im Publikum unter anderem Prochazkas Ehefrau Gisela Procházka-Eisl, Ao. Professorin am Institut für Orientalistik (rechts außen), Maria Seissl (Leiterin Bibliotheks- und Archivwesen) und der Sprachwissen- schafter Manfred Kienpointner. Im Hintergrund: Papyrologe Bernhard Palme, der vor genau einem Jahr seine Antrittsvorlesung hielt.


Anschließend hielt der Neo-Professor einen sehr interessanten Vortrag ...


über die Erforschung arabischer Dialekte, ...


... der das Publikum begeisterte, wie der anhaltende Applaus bestätigte.


Familienbande: Procházka umringt von seiner Schwester, seiner Ehefrau und seinem Neffen. Fotos: AF/ Öffentlichkeitsarbeit


Lebenslauf und Forschungstätigkeit von Stephan Procházka Institut für Orientalistikder Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät

Lesen Sie auch: Von Sprachinseln, arabischen Dialekten und Dschinnen
Geringgeschätzt und doch in aller Munde - arabische Dialekte und ihre Erforschung
Antrittsvorlesungen
Gastbeitrag von Stephan Procházka am  5. Mai 2006

200 Millionen Menschen sprechen arabische Dialekte als ihre Muttersprache, und doch ist arabische Dialektologie eine Disziplin, die fast ausschließlich in Europa - und seit mehr als 200 Jahren in Wien - betrieben wird. Aus welchen Gründen arabische Dialekte geringgeschätzt werden, erfahren Sie in der Zusammenfassung der Antrittsvorlesung von Stephan Procházka vom 4. Mai 2006.

In alten und neuen Werken arabischer PhilologInnen wird häufig behauptet, dass Arabisch unter den Sprachen der Welt eine einzigartige Position einnehme, da es eine durch Gott ausgezeichnete Sprache sei und bereits von Adam und Eva gesprochen wurde. Besondere Ehre erhielt Arabisch durch den Propheten Muhammad, welcher der Menschheit "in klarer arabischer Sprache" (Sure 16) den Koran verkündete. Durch die enge Verbindung mit dem heiligen Buch des Islam erlangte die arabische Sprache eine Ausnahmestellung, was dazu führte, dass ihre Regeln seit über tausend Jahren unverändert geblieben sind: allerdings nur die bis heute allen arabischen Staaten gemeinsame Schriftsprache, denn im Laufe der Jahrhunderte bildeten sich fast unzählige lokale Dialekte heraus, welche die eigentliche Muttersprache aller Araber und Araberinnen vom Oman bis nach Mauretanien darstellen. Diese Dialekte werden in jeglicher mündlicher Kommunikation unabhängig von Bildung und sozialer Schicht gebraucht. Die strukturellen Unterschiede zwischen Hochsprache und Dialekt sind teilweise beachtlich. Unter anderem haben die Dialekte das Kasussystem aufgegeben und zeigen in vielerlei Hinsicht Tendenzen zu einem analytischen Sprachtypus. In einer großen Zahl von Dialekten ist es darüber hinaus zu weit reichenden phonologischen Veränderungen gekommen.

Kluft zwischen Hochsprache und Dialekt...


Die in der Arabistik "Diglossie" genannte tiefe Kluft zwischen Hochsprache und Dialekt dürfte schon sehr weit in die Sprachgeschichte zurückreichen, wobei eine der zentralen Fragen jene ist, ob zur Zeit Muhammads im Alltag bereits eine Sprache gesprochen wurde, die sich signifikant von jener der Poesie und des Korans unterschieden hat. Während arabische Werke den Sprachwandel meist auf die sozialen Umbrüche im Zuge der großen Eroberungen des 7. und 8. Jahrhunderts zurückführen, geht man in der modernen Arabistik davon aus, dass Stämme an der Peripherie als erste eine Art "Neuarabisch" sprachen, und dass sich dieser Sprachtyp dann entlang der Karawanenwege langsam ausbreitete.

...hat enorme Auswirkungen auf das moderne Arabisch


Das Festhalten an Normen, die in das 7. und 8. Jahrhundert zurückreichen, hat für das moderne Arabisch enorme Auswirkungen. Die Hochsprache muss in der Schule fast wie eine Fremdsprache gelernt werden und ist für Ungebildete nur mit Einschränkungen verständlich, was zur Verschärfung sozialer Gegensätze beiträgt. Jeder Versuch, die linguistische Realität anzuerkennen und damit den Dialekten mehr Raum zu geben, wird als Verrat an der arabischen Kultur gesehen. So wird auch Maltesisch, der einzige arabische Dialekt, der es zu einer Schriftsprache geschafft hat, außerhalb der arabischen Welt gesprochen.

Zerstörung der arabischen Einheit durch Dialektologie?


Im Gegensatz zu ihrem hohen Prestige ist die praktische Anwendung der Hochsprache eher die Ausnahme, und in der Schule ist Arabisch das am wenigsten gemochte Fach. Der Dialekt ist also das Medium, in dem man sich sprachlich zu Hause fühlt und in dem man sich meist besser ausdrücken kann. Trotzdem ist arabische Dialektologie eine Disziplin, die fast ausschließlich im Westen betrieben wird. In der arabischen Welt wird sie sogar nicht selten als Versuch der Zerstörung der arabischen Einheit angesehen.

Arabische Dialekte: größter lebende Zweig semitischer Sprachen


Die Frage nach der Sinnhaftigkeit arabischer Dialektstudien ist aus wissenschaftlicher Perspektive relativ schnell beantwortet, wenn man bedenkt, dass die Dialekte die eigentliche Muttersprache von fast 200 Millionen Menschen sind und damit den größten lebenden Zweig der semitischen Sprachen darstellen. Aber auch in der westlichen Orientalistik wurde das erst relativ spät erkannt und meist beschäftigte man sich nur dann mit Dialekten, wenn man gezwungen war, mit lebenden arabischen Individuen zu kommunizieren. So etwa in der Ära des Kolonialismus oder auch in jüngster Zeit, wo nach dem kommunikativen Desaster im Irak das Studium arabischer Dialekte ganz oben auf der Liste amerikanischer Militärs stehen soll.

Erwähnenswert ist auf jeden Fall, dass die erste wissenschaftliche Beschreibung eines arabischen Dialekts die vom österreichischen Diplomaten Franz von Dombay im Jahr 1800 publizierte Grammatik des Marokkanischen war. Die arabische Dialektologie hat somit in Wien eine über 200-jährige Tradition!

Parallelen zur europäischen Dialektlandschaft


Heute sind wir in der Lage, ein relativ klares Bild der arabischen Dialektlandschaft zu geben. Deren schärfste Grenze verläuft zwischen den Dialekten des Maghreb und jenen des Ostens, auf einer Linie vom westlichen Nildelta bis zum Tschadsee. Interdialektale Kommunikation zwischen diesen beiden Gruppen ist mühsam bzw. unmöglich. Was die Gliederung betrifft, so finden wir natürlich viele Parallelen zu Europa: Gebirgsregionen sind stärker fragmentiert als Ebenen oder Hügelland, wo sich ähnliche Dialekte oft über relativ große Gebiete erstrecken. Insbesondere entlang von wichtigen Handelswegen sowie im Umkreis großer Städte begegnen wir Phänomenen wie Nivellierung und Ausbreitung von Prestigeformen. Neben Parallelen zur europäischen Dialektlandschaft gibt es jedoch auch einige, vor allem außersprachliche Faktoren, die eine gewisse Vorsicht bei der Anwendung von in Europa entstandener Methodik erfordern. Der wichtigste solche Faktor ist Migration, vor allem jene durch Wanderungen der Beduinen hervorgerufene. Die kulturelle Dichotomie Nomaden - Seßhafte hat starke Spuren in der Dialektlandschaft hinterlassen, und so findet man neben der scharfen Grenze zwischen Westen und Osten auch eine fast nicht minder scharfe zwischen Beduinen- und Ansässigendialekten.

Grundsätzlich soll noch festgehalten werden, dass die Beschäftigung mit den arabischen Dialekten auch für andere Wissenschaftsdisziplinen von Interesse ist. Genannt seien hier etwa vergleichende Semitistik, Soziolinguistik, Ethnologie und Sozialanthropologie oder Gender-Forschung. Also überall dort, wo man Einblicke in das Alltagsleben oder die sozialen Strukturen des Nahen Ostens und Nordafrikas bekommen will.


Die Antrittsvorlesung "Geringgeschätzt und doch in aller Munde. Über die arabischen Dialekte und ihre Erforschung" fand am Donnerstag, 4. Mai 2006, um 17 Uhr im Kleinen Festsaal der Universität Wien statt.

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