Gero Vogl: Die Physik als Spiel |
| Jahr der Physik |
| Roland Dreger (Redaktion) am 13. Januar 2005 |
2005 begeht die Welt das "Internationale Jahr der Physik". Anlass ist Albert Einsteins "annus mirabilis" vor genau 100 Jahren. Ein Interview dazu mit o. Prof. Dr. Gero Vogl, Vizedekan der Fakultät für Physik der Universität Wien und bis Jänner 2005 der Vorsitzende der Österreichischen Physikalischen Gesellschaft (ÖPG). |
Redaktion: Herr Prof. Vogl, Sie engagieren sich stark für die Steigerung der public awareness der Physik in Österreich. Was kann ein "Jahr der Physik" dabei bewirken? Gero Vogl: Ein zentrales Anliegen ist es, dass wir Physik und Chemie wieder in ihrer Bedeutung für unseren Wohlstand und unsere Gesundheit zeigen. Und wir wollen auch zeigen, dass das ein sehr befriedigendes Studium und ein befriedigender Beruf sein kann. Mir ist schon bewusst, dass die Studierendenzahlen an den österreichischen Universitäten nach dem Jahr der Physik nicht um den Faktor zwei in die Höhe schnellen werden. Aber es wäre schon etwas, wenn die jüngeren und ganz jungen Menschen, die noch weit vor der Matura stehen, und vielleicht auch deren Eltern sagen: "Na ja, so schlecht ist das gar nicht, die Physiker machen interessante Sachen." Redaktion: Besteht ein Mangel an PhysikerInnen in Österreich? Vogl: Wir produzieren auf jeden Fall zu wenig Abgänger, und damit gibt es nicht nur zu wenige für die Wirtschaft, sondern letztlich auch zu wenig Physiklehrer. Ein Teil der Physikstunden an den Schulen wird momentan von Nicht-PhysikerInnen gehalten. Und wenn Schüler keinen guten Physikunterricht haben, werden sie nicht animiert, Physik oder Chemie zu studieren. Das ist ein Circulus vitiosus. Wenn es uns nicht gelingt, die Naturwissenschaften attraktiv darzustellen, dann wird es früher oder später natürlich Einfluss auf unsere Wirtschaft haben. Das ist jedoch nicht nur ein österreichisches, das ist ein weltweites Phänomen. Redaktion: Ist den Menschen denn immer bewusst, dass die Physik in so viele Bereiche ihres täglichen Lebens eingreift? Vogl: Das beste Beispiel ist, wenn Sie zum Arzt gehen, zu einem Spezialisten. Dieser hat praktisch kein Gerät, das nicht mit Hilfe von Physik entwickelt worden ist. Das älteste ist das Röntgengerät, dann geht es weiter mit Magnetresonanz, Ultraschall usw. Wenn man das jemandem so sagt, wird auch jeder zustimmen. Aber wenn man dann junge Leute fragt: Wollen Sie das studieren?, kommt oft die Antwort: "Nein. Viel zu schwierig. Soviel Mathematik, haben wir nicht etwas Leichteres?" Offenbar haben die Leute eine zu hehre Vorstellung von den Anforderungen der Physik. Im Grunde ist es ein Spiel. Man muss Motivation haben und interessiert sein. Redaktion: Eine gewisse Scheu vor der Physik? Vogl: Diese Scheu ist zweifellos vorhanden, und die wollen wir versuchen abzubauen. Und vielleicht wäre das auch ein Anliegen an die Schule, dass man viel mehr mit Experimenten 'spielt'. Reine Kreidephysik ist sicherlich abschreckend. Redaktion: Wie wollen Sie dem im Jahr der Physik entgegenwirken? Vogl: Unsere Herbstveranstaltung haben wir bewusst "spiel.raum.physik" genannt. Mit zahlreichen Experimenten, die den Zuschauern Spaß machen, soll auch das Spielerische der Physik gezeigt werden. Zudem konnte ich drei prominente Personen als Redner gewinnen, die von ganz anderen Gebieten kommen, um zu zeigen, wie physikalische Denkmodelle auch in anderen Bereichen anwendbar sind und wie die Physik Ideen und Impulse für andere Gebiete liefert ? von der Archäologie, der Biologie sowie der Genetik über das Finanzwesen bis hin zur Soziologie. Redaktion: Welche Vortragenden werden das sein? Vogl: Der zentrale Redner wird Luigi Cavalli-Sforza sein, ein berühmter Genetiker. Er wird unter anderem über die Verwendung eines Ausbreitungsmodells sprechen, das aus der Physik stammt und mit dem die Ausbreitung der Ackerbaukultur in der Jungsteinzeit untersucht wurde. Professor Frank Schweitzer von der ETH Zürich spricht über die Brownsche Bewegung mit Blick auf die Ausbreitung sozialer Phänomene. Und Professor Walter Schachermayer von der TU Wien befasst sich mit der Brownschen Bewegung und der Bewegung von Börsenkursen. Diese Brownsche Bewegung war ja Thema eines der drei großen Papiere, die Einstein vor hundert Jahren geschrieben hat. Dann wird natürlich auch die Quantenphysik behandelt. Astrophysiker werden über Schwarze Löcher und Galaxien sprechen. Das wird aber alles allgemein verständlich sein, und wir hoffen, dass es uns gelingt, damit eine breitere Öffentlichkeit anzusprechen. (ro) |

