Mit der gescheiterten Revolution von 1848 hatte die Universität ihr angestammtes Haus am Universitätsplatz (heute: Akademie der Wissenschaften) verloren. Jahrelang hatten sich die akademischen Institutionen daraufhin mit Provisorien abgegeben müssen, der Lehrbetrieb war über die ganze Stadt verteilt. Um so größer die Freude, als nach langen Diskussionen im Herbst 1870 endlich der Bau des neuen Universitätsgebäudes beschlossen wurde - ein Monumentalbau, |  | Der Franzensring mit den in Bau befindlichen Gebäuden des Parlaments, des Rathauses und der Universität; um 1882 (Chr. Brandstätter) |
in dem alle vier Fakultäten untergebracht werden sollten. Als Standort hatten man den ehemaligen Militärparadeplatz vor der Josefstadt bestimmt, der bisher von der Stadterweiterung ausgenommen war und genug Raum bot, neben der Universität auch ein neues Parlamentsgebäude und ein neues, größeres Rathaus zu bauen. Mit der gleichzeitigen Ausführung aller drei Bauten wurde der Architekt Heinrich von Ferstel beauftragt. So müssen Universität, Parlament und Rathaus denn auch als "Gesamtkunstwerk" betrachtet werden: Die Architektur des Hohen Hauses (Altgriechischer Baustil) spielt auf die Demokratie der Antike an, die des Rathauses (Gotischer Baustil) auf das aufstrebende Bürgertum im Mittelalter und die der Alma Mater (Renaissance-Stil) auf die Blüte der humanistischen Wissenschaft. Jedoch: "Kein Auftrag erfüllte Ferstel mit so großer Begeisterung als der Bau der Universität", berichtete später der mit dem Architekten befreundete Kunsthistoriker Rudolf von Eitelberger. Harmonie von Schönheit und Zweck
Voller Elan stürzte sich der Architekt denn auch in die Arbeit. Von einer Italienreise brachte er 1871 dem Professorenkollegium im Universitäts-Baucomité seinen Entwurf mit: Um einen von kleinen Nebenhöfen begleiteten Arkadenhof im Zentrum gruppieren sich an der Frontseite der Festsaalakt und an der Rückseite der Bibliothekstrakt, beide an den Flanken durch Hörsaaltrakte verbunden. Jedem Teil der Organisation war zudem ein fester Platz zugewiesen. Ferstel schätzte die Baukosten auf etwa 8 Millionen Gulden, ein Betrag, der vom Innenministerium sofort auf 6 Millionen gekürzt wurde. Dann leitete man die Pläne zur Begutachtung an die baukünstlerische Autorität schlechthin weiter: Gottfried Semper. | Der übermittelte alsbald sein im wesentlichen positives Urteil. Besonders bemerkenswert erschien ihm die erzielte Harmonie von Schönheit und Zweck. Allerdings forderte er, die Anzahl der Räume zu verringern, um mehr Monumentalität zu erzielen und den Festsaal nicht quer, sondern parallel zur Front anzulegen. Ferstel hielt jedoch an seinem Konzept fest, obwohl ihm die im Juli 1872 erteilte kaiserliche Genehmigung seiner Pläne die "Berücksichtigung der von Semper geforderten Modifikationen" anordnete. | Heinrich Ferstel (Bildarchiv ÖNB) |
Das liebe Geld Im Herbst 1873 konnten dann endlich die Bauarbeiten beginnen. Leider erwies sich das von alten Minengängen durchzogene Terrain des ehemaligen Militärparadeplatzes als denkbar schwieriger Bauplatz. Und auch mit den vom Innenministerium bewilligten 6 Millionen Gulden war kein Auskommen. 7,9 Millionen Gulden ohne Ausstattung und Einrichtung errechnete Ferstel und verwarf gleichzeitig jeden Gedanken an eine dekorative Ausschmückung. Nichtsdestotrotz wurde 1876 das Hochparterre planmäßig fertiggestellt. Und zwei Jahre später konnte mit dem Ausbau der beiden "Lehr"-Flügel begonnen werden. Festsaal- und Bibliothekstrakt sollten erst anschließend fertiggestellt werden, damit der Vorlesungs- und Institutionsbetrieb möglichst bald starten konnte. So kam es auch, dass bei der Eröffnung des Gebäudes am 11. Oktober 1884 durch Kaiser Franz Josef an den Festsälen sowie der Heizungs- und Lüftungsanlage noch einiges zu tun war. Dass das Gebäude im Herbst 1884 überhaupt feierlich eingeweiht werden konnte, ist Karl Köchlin zu verdanken. Nach dem frühen Tod Heinrich von Ferstels am 17. Juli 1883 schien der Baufortschritt zunächst gefährdet. Diese Sorge erwies sich jedoch als unbegründet. Ferstels Schwager und langjähriger Mitarbeiter Köchlin übernahm die Bauleitung und führte sie getreu den Intentionen des Verstorbenen weiter. Ein Universitäts-Palast Entstanden ist: "Ein Palast" - wie schon der zeitgenössische Schriftsteller Carl von Vincent bewundernd feststellte. Die absoluten Ausmaße des Gebäudes tragen zum imposanten Eindruck bei: Mit einer Grundfläche von 161 auf 133 Meter übertrifft die Universität sogar das benachbarte Rathaus flächenmäßig. Trotz der Monumentalität konnte das ursprüngliche Raumkonzept, alle Universitätseinrichtungen in einem zentralen Gebäude unterzubringen, weder damals noch heute erfüllt werden. Es waren und sind neben den repräsentativen Räumen des Rektorats, den beiden Festsälen und der zentralen Verwaltung die vier (ursprünglichen) Dekanate sowie die Universitätsbibliothek, zahlreiche Institute und Hörsäle untergebracht. Ein Großteil der Universitätseinrichtungen musste aber im Laufe der Jahre außerhalb der "Zentrale" angesiedelt werden. Wechselvolle Geschichte Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges verwandele sich das Hauptgebäude in ein Lazarett mit einer Quarantäne-Station, das rund 1000 PatientInnen aufnehmen konnte. Und auch der Zweite Weltkrieg ging nicht spurlos an dem Gebäude vorüber. Im September 1944 wurde die Universität erstmals von Bomben getroffen. Bis Kriegsende waren 30 Prozent des Baubestandes und 65 Prozent der Dacheindeckung zerstört.Als am 10. April 1945 die ersten Soldaten der Roten Armee das Universitätsviertel erreichten, fanden sie nicht mehr vor als eine Ruine. Diese wurde von den sowjetischen Truppen als Verbandsplatz und Pferdestall requiriert. |  | Zerstörte Fassade 1945 (Archiv der Universität Wien) |
Für den Wiederaufbau des Gebäudes nach dem Krieg benötigte man Spenden. Postkarten mit einem Bild der Alma Mater wurden um zwei Schillinge verkauft und der Erlös kam dem Wiederaufbau zugute. (dan)
Buchtipps: Die Universität am Ring. Hg. von Hermann Fillitz. Wien: Edition Brandstätter 1984. Rundgang durch die Geschichte der Universität Wien. Hg. vom Archiv der Universität Wien. Wien 1999. |