Redaktion: Warum haben Sie sich 1996 für den Einsatz neuer, digitaler Techniken und für das eLearning entschlossen? Herbert Hrachovec: Ich habe dies als ein philosophisches Thema betrachtet, im Sinne von austesten und ausprobieren neuer Technologien, die unsere Kommunikations- und Interaktionsformen beeinflussen. Für mich war wichtig: Diese neuen Technologien sind eine Herausforderung für die philosophische Theoriebildung und deswegen probiere ich sie aus. Der Aspekt, dass dies jetzt elektronische Lehre ist, hat sich eher nebenher ergeben. Redaktion: Was ändert sich durch diese neuen Technologien in der Lehre? Hrachovec: Wenn man den experimentellen Umgang mit elektronischen Mitteln in die Lehre und auch als Thema der Lehre mit hinein nimmt, dann ändert sich etwas ganz entscheidend - die philosophische Meditationssituation wird aufgebrochen. In dem Moment, in dem ich eine Maschine dazwischen schalte, wird die klassische Ruhe der Philosophie gestört. Das empfinde ich persönlich auch als eine Anregung, muss aber dazu sagen, dass es mich an manchen Stellen natürlich sehr wohl stört. Und es ist auch eine Zumutung für die Studierenden. Diese erwarten eine gewisse Absehbarkeit. Wenn ich zum Beispiel eine Veranstaltung über Nietzsche mache, erwarten sich die Studierenden Bücher, Artikel und Kommentare zu Nietzsche, und nicht, dass sie eine Technologie für Online-Kommunikation in virtuellen Textwelten lernen müssen, um mittels dieser dann über Nietzsche zu kommunizieren. Redaktion: Und wie reagieren die Studierenden darauf? Hrachovec: Sehr differenziell, manche empfinden es als eine gute, manche als eine schlechte Idee. Mir ist wichtig, die Berechtigung von beiden Meinungen im Auge zu behalten. Wenn die Studierenden das nicht können und auch sehr skeptisch sind, lege ich Wert darauf, dass sie trotzdem bleiben - wenn sie es aushalten - und sich mit dieser Sache konfrontieren. Denn ich will keine Spielwiese für Technikfreaks. Ich möchte beide Kulturen zusammenbringen, was dann dazu führt, dass ich auch Umgebungen schaffe, in denen weit und breit kein Computer vorhanden ist. Redaktion: Sie übertragen Vorlesungen zum Teil live im Internet und bieten diese als mp3-Files in der Audiothek an. Sehen Sie die Gefahr, dass in Zukunft Vorlesungen vor leeren Hörsälen stattfinden? Hrachovec: Nach diesem Prinzip müssten alle Fußballspiele vor leeren Stadien stattfinden. Es ist einfach ein Faktum, dass die Leute gerne dort sind, wo es passiert, auch wenn sie es vollkommen zeitgleich, viel wärmer und bequemer zuhause anschauen können. Dieser Faktor der Berührbarkeit und Körperlichkeit wird so schnell nicht verschwinden, und ich glaube auch nicht, dass es besonders sinnvoll wäre, das einfach umzustellen. Redaktion: Beinhalten diese neuen Techniken auch neue Möglichkeiten, das Lernverhalten der Studierenden zu "überwachen", Stichwort User-Tracking? Hrachovec: Ja, dies hängt aber natürlich vom entsprechenden Softwaresystem ab. Im Moment sehe ich die Überwachung als uninteressant an, denn das pure Registrieren, ob jemand dort und dort hingeklickt hat, wie lange er dort verweilt, bevor er ausloggt, sagt gar nichts über gewisse Lernvorgänge aus. Bevor das Überwachungssystem nicht deutlich dichter wird, würde ich mir da keine großen Sorgen machen. Redaktion: Wo sehen Sie die Zukunft von eLearning an der Universität? Hrachovec: Was mir daran Spaß macht, ist das Moment der Durchmischung von Technik, Inhalt, Reflexion und Selbstbeteiligung - das ist mein Schwerpunkt. So wie das an der Universität Wien im Moment flächendeckend angelegt ist, stellt sich die Frage ganz anders. Es gibt fünf verschiedene Lehrveranstaltungstypen mit 500 verschiedenen pädagogischen Strategien, in noch einmal hunderten unterschiedlichen Studienrichtungen. Ein Konzept des eLearnings drüberzustülpen und die Gleichung zu ziehen, wenn alle Leute automatisch nach dem selben System immatrikulieren können, dann müssen sie auch nach dem selben System elektronisch lernen können, halte ich für verwirrt. Ich würde darum die Zukunft des eLearnings daran hängen, ob es gelingt, diesem Analogieschluss zu widerstehen und so gut es geht unterstützbare Differenzierungen einzuführen. (ro)
Philosophische Audiothek: Gesagt, gedacht Die Philosophische Audiothek ist ein seit mittlerweile drei Jahren laufendes ambitioniertes Projekt mehrerer ProfessorInnen des Instituts für Philosophie der Universität Wien. Tondokumente mit philosophischem Inhalt werden in dieser Internet-Datenbank gesammelt und frei zugänglich gemacht. Regelmäßige Radiobeiträge, die Philosophischen Brocken, bilden dabei den Hauptbestandteil der Sammlung. Vor einem Jahr ist man dazu übergegangen, auch Vorlesungen im Internet live zu übertragen und zudem als mp3-Files in der Audiothek zur Verfügung zu stellen. Die Sendereihe Philosophische Brocken läuft jeweils mittwochs von 13 bis 14 Uhr in 14-tägigem Abstand im Lokalsender Orange 94.0. |
Audiothek Institut für Philosophie
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