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Hochschule und Wissenschaften im Nationalsozialismus
Wissenschaft und Nationalsozialismus
Daniela Schuster (Redaktion) am 27. Mai 2003

"Hochschulen und Wissenschaften im Nationalsozialismus" - während dieses Forschungsfeld international dicht besetzt ist, hat man sich in Österreich nur zögernd und relativ spät mit diesem Themenbereich auseinandergesetzt. DieUniversitaet.at sprach mit Univ.-Prof Dr. Mitchell Ash, Institut für Geschichte, über die Hintergründe.

DieUniversitaet.at: Welche Versäumnisse attestieren Sie der österreichischen Forschung im Hinblick auf das Thema "Nationalsozialismus und Wissenschaften"?

Mitchell Ash: Ich will nicht verschweigen, dass es schon früher wertvolle Forschungsansätze gab wie etwa die beiden von Friedrich Stadler herausgegebenen Bände "Vertriebene Vernunft" oder das 1989 von Gernot Heiß und anderen herausgegebene Buch "Willfährige Wissenschaft". Generell lässt sich aber festhalten: Während das Forschungsfeld international dicht besetzt ist, hat man sich in Österreich nur zögernd und relativ spät mit diesem Themenbereich auseinandergesetzt. Wenn überhaupt, geschah es meist auf Anstoß von außen. So wurden etwa in den 1970er Jahren in der nicht-universitären Öffentlichkeit Debatten geführt, die zu einer Beschäftigung mit dem Thema führten. Ein Beispiel ist die Beleuchtung des Pernkopf-Atlas und seiner Quellen, die erst erfolgte, nachdem in medizinischen Fachpublikationen in Kanada und den USA darüber berichtet wurde. Auch wurden in der österreichischen Forschung wie in der Öffentlichkeit zu oft berühmte Einzelpersonen als pars pro toto genommen. Es versteht sich aber eigentlich von selbst, dass die Geschichte eines Konrad Lorenz oder einer Charlotte Bühler nicht für die eines jeden Wissenschafters in der NS-Zeit oder alle Emigranten stehen kann. Die heutige Entwicklung zeigt jedoch, dass sich das Bewusstsein hier verändert hat.

Bewusstseinswandel in der Forschung

DieUniversitaet.at: Was hat sich gewandelt?

Ash: Das Bewusstsein eines breiteren Forschungsbedarfs über die spektakulären Einzelfälle hinaus ist gegeben. Einschlägige Projekte werden inzwischen auf vielen Gebieten und in einem breiteren Fächerspektrum angegangen - ein Beispiel wäre die Diplomarbeit von Mag. Irene Ranzmaier. Sie beschäftigt sich mit dem gesamten Wiener Institut für Germanistik, nicht nur mit der Person Josef Nadler (ein Interview mit Mag. Irene Ranzmaier lesen Sie am 2. Juni 2003 auf dieUniversitaet.at). Irene Ranzmaier ist auch ein Beispiel für die neue Forschergeneration: Sie kommt von unten und geniert sich nicht zu fragen: "Was war da los?" Das Problem der Generationenauseinandersetzung ist für sie nicht mehr ein zentrales. Die jüngere Generation greift ja nicht mehr ihre Lehrer an, was früher in einem hierarchischen Universitätsbetrieb wie dem unsrigen schwierig war. Es ist ein Faktum, dass ab Mitte der 50er Jahre und zum Teil auch schon viel früher ehemalige NS-Professoren an die Universitäten zurück kamen. Ihre SchülerInnen gingen auch erst in den 80er beziehungsweise 90er Jahren in Pension. Ich glaube, dass in dieser Angst vor Konsequenzen, in Verbindung mit dem Grundkonsens der Zweiten Republik - Österreich als erstes Opfer des Nationalsozialismus - und dem ab den 50er Jahren verstärkt gepredigten Mythos von einer wertneutralen Wissenschaft, der in diesem Zusammenhang eine deutliche Entlastungsfunktion hatte, der Grund dafür liegt, weshalb erst jetzt, also relativ spät, eine Auseinandersetzung mit dem Thema "Nationalsozialismus und Wissenschaften" erfolgen kann.

Wandel in der Wissenschaft

DieUniversitaet.at: Sie haben sich mit dem Wandel in den Wissenschaften in drei Zeitabschnitten beschäftigt: Erste Republik, Nationalsozialismus und die Zeit danach ...

Ash: Die zentrale Frage war, welche Wandlungen in den Wissenschaften in Folge der politischen Umwälzungen vorgegangen sind. Ein Vergleich der Zeit vor 1933 und nach 1945 zeigt natürlich, dass in den Disziplinen die Vertriebenen einfach fehlen. In einigen Fachrichtungen macht sich ihr Fehlen kaum bemerkbar, denn dort gab es auch in der Zeit vor dem Nationalsozialismus kaum jüdische Hochschullehrer, wie etwa in der Germanistik. Deutlich bemerkbar machte sich ihr Fehlen aber z.B. in den Sozialwissenschaften. Die Universitäten haben nur in einigen Einzelfällen versucht, die Vertriebenen nach dem Krieg zurückzuholen, eine allgemeine Politik der Rückholung gab es nicht. Es stellt sich hier aber auch die Frage: Wären sie zurückgekommen - in das "Land der Mörder"? Ich denke, eher nicht. Zudem ging es vielen in den USA oder England deutlich besser. Das wissenschaftliche System dort eröffnete ihnen Karrierechancen und die Wirtschaft in Österreich war sowieso am Boden.

DieUniversitaet.at: Was bedeutete das Fehlen der vertriebenen WissenschafterInnen für die Forschung in Österreich?

Ash: Es gab in der Nachkriegszeit in den mir bislang bekannten Wissenschaften kaum Innovation. Sie scheint mit den Vertriebenen großenteils vertrieben worden zu sein. Christian Fleck spricht in diesem Zusammenhang von "autochthoner Provinzialisierung". Es fragt sich damit, ob die Mittelmäßigkeit der universitären Forschung und Lehre statt der Rückholung der Vertriebenen bewusst gewählt wurde, verschleiert unter dem Deckmantel einer wertneutralen Wissenschaft und durchgesetzt durch autoritäre Strukturen an den Hochschulen.

Zukünftige Aufgaben der Forschung

DieUniversitaet.at: Auf dem Kandel-Symposium Anfang Juni werden Sie Ihr Forschungsprojekt "Hochschulen und Wissenschaften im Nationalsozialismus und danach - Stand der Forschung und Projekte in Österreich" präsentieren ...

Ash: Es geht mir vor allem darum, Anstöße zu einer verstärkten Vernetzung bestehender Projekte sowie ihre Anbindung an den internationalen Forschungsstand zu unternehmen. Bislang wurde und wird immer noch so getan, als gebe es nur ein paar heroische Einzelkämpfer, und viele Forscher sind sich in ihren eigenen Disziplinen tatsächlich so vorgekommen. Dies entspricht nicht der Forschungsrealität. Außerdem sollen auf dem Symposium ausgewählte Aufgaben für die Zukunft - insbesondere im Hinblick auf eine konsequente historische Aufbereitung der Zeit nach 1945 - erörtert werden. Zu dieser Thematik wird es am Institut für Geschichte im nächsten Semester ein interdisziplinäres Forschungsseminar geben.

DieUniversitaet.at: Welche Aufgaben warten in diesem Bereich auf die (österreichische) Forschung?

Ash: Weitgehend unerfasst sind zum Beispiel folgende Themenbereiche: Wie ist die Entnazifizierung an den Hochschulen konkret vor sich gegangen? Welche Folgen hat die Nicht-Rückholung der vertriebenen Wissenschafter? Was waren die Kosten der konstruierten Kontinuität an den Instituten? Wünschenswert ist auch, das Forschungsfeld noch mehr auszuweiten und zum Beispiel die Naturwissenschaften ins Blickfeld zu nehmen. (dan)

Mitchell Ash ist Univ.-Prof. für Geschichte an der Universität Wien und Präsident der Gesellschaft für Wissenschaftsgeschichte e.V. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen insbesondere die Geschichte der Psychologie, Allgemeine Wissenschaftsgeschichte und Geschichte der Hochschul- und Forschungspolitik sowie Wissenschaftswandel in politischen Umbruchzeiten.

Institut für Geschichte

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