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"Ich bin Amerikaner"
Wissenschaft und Nationalsozialismus
Daniela Schuster (Redaktion) am  2. Juni 2003

Ab März 1938 unterlag die Universität Wien der "Anschluss"-Prozedur. Ein Kernpunkt: Die Eliminierung von "Nicht-Inklusionsfähigen". Hinter dieser technischen Terminologie verbergen sich viele persönliche Schicksale. DieUniversitaet.at sprach mit einem ehemaligen Wiener Studenten*, der aufgrund seiner jüdischen Identität zunächst der "Säuberung der Universität" zum Opfer fiel und schließlich aus Österreich fliehen musste, um sich im amerikanischen Exil ein neues Leben aufzubauen.

DieUniversitaet.at: Wie haben Sie die Zeit nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich empfunden?

S. R.: Antisemitismus war nicht etwas, was in Österreich erst mit dem Anschluss an das Deutsche Reich und quasi unter Druck "gelernt" werden musste. In den Kaffeehäusern waren Judenwitze an der Tagesordnung, antisemtische Äußerungen füllten die Tageszeitungen. Auch Österreichs Hochschulen waren schon seit dem Ersten Weltkrieg eine Spielwiese und ein Exerzierfeld für antisemitisches Gedankengut. Der Zugang jüdischer Studierender zum Studium war eingeschränkt, wir wurden aus der allgemeinen Studierendenvertretung ausgeschlossen. Am Tag der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten beeilte sich der damalige Rektor der Universität Wien ein Glückwunschschreiben zu schicken und seine volle Ergebenheit und Treue zu versichern. Ein paar Tage später fanden schon erste Hausdurchsuchungen und Verhaftungen von jüdischen und anderen missliebigen Hochschullehrern statt. Jüdische Professoren wurde auch gleich gekündigt. Am 10. April 1938, wenige Monate vor meinen Abschluss in Sozialpsychologie, bin ich aus der Universität entlassen worden. Grund: "Jude". Ich wäre wohl aber auch von selbst gegangen. Die Nürnberger Rassengesetze wurden zwar erst im Mai '38 Gesetz in Österreich. Doch Realität waren sie schon vorher. Ich durfte beispielsweise die Toilette nicht mehr benutzen, am Hörsaal gab es "Juden raus"-Schmierereien. Fast alle meine Professoren, Mitglieder der "Wiener Psychoanalytischen Vereinigung", mussten außerdem die Universität und schließlich Österreich verlassen - allen voran Sigmund und Anna Freud.

Öffentliche Demütigungen

DieUniversitaet.at: Wie sind Sie mit diesem offen gelebten Antisemitismus umgegangen?

S. R.: Da Antisemitismus keine neue Erscheinung war, ich damit quasi groß geworden bin, habe ich die Situation während meines Studiums für "normal" gehalten und mich auch nicht gewehrt. Die Situation eskalierte erst, als ich vom Studium ausgeschlossen wurde, mir nicht mal die drei Monate zugestanden wurden, die ich noch bis zum Abschluss gebraucht hätte. Dazu kamen vielfältige öffentliche Demütigungen, in einem Ausmaß und von einem Grad, wie es sie davor nicht gegeben hatte. Beispielsweise zwang man meine damals 60-jährige Mutter, auf den Knien stundenlang die Straße zu putzen. Mit einem Mal habe ich gesehen: Du hast hier in Österreich keine Zukunft - und das im wahrsten Sinne des Wortes. Dieser Gedanke war mir vorher nie gekommen und er wurde verstärkt durch die Meldungen, die ich von Freunden aus Berlin über die Vertreibung der Juden in der Ostmark bekam.

Die Emigration

DieUniversitaet.at: Wann haben Sie sich zur Emigration entschlossen? Wie ging sie vor sich?

S. R.: Ich bin wenige Wochen nach dem Vorfall mit meiner Mutter emigriert. Das war im August 1938. Die israelitische Kultusgemeinde hatte eine Beratungsstelle eingerichtet, die Ausreisewillige so gut wie möglich beriet. Der komplizierte Behördenweg wurde von Adolf Eichmann, der an einer schnellen Säuberung interessiert war, dahingehend erleichtert, indem er in Wien die "Zentralstelle für jüdische Auswanderung" gründete. Zugleich war diese Zentralstelle Vollzugsinstanz eines ausgeklügelten Systems der Enteignung. Wir mussten zugunsten des Deutschen Reiches auf unseren Besitz verzichten und kamen völlig mittellos in unseren Zufluchtsländern an. Ich hatte Glück, dass ich Verwandte in den Staaten hatte, zu denen ich flüchten konnte. Sie bezahlten nicht nur meine Reise, sondern kümmerten sich dort auch um meine Einreiseerlaubnis und ich konnte bei ihnen unterkommen. Mein Bruder, der mit seiner Frau wegen der schwierigen Geburt seiner Tochter erst zwei Monate nach mir emigrieren konnte, hatte weniger Glück. Er floh zunächst nach England, wollte von dort weiter in die USA. Doch man hielt ihn zunächst in London fest, weil seine Papiere ungültig waren. Nach Kriegsbeginn internierte man ihn als "feindlichen Ausländer". Es gelang ihm erst 1942, zu mir in die Staaten zu kommen. Meine Eltern habe ich dagegen nie wiedergesehen. Sie hatten nicht mit uns fliehen wollen, mein Vater, ein Arzt, wollte seine Patienten nicht im Stich lassen. Er floh, als er keine andere Wahl mehr hatte, kurz vor der Deportation in ein Konzentrationslager. Ohne gültige Ausreisepapiere blieb ihm nur die Flucht nach Shanghai, wo er bei der Besetzung durch die Japaner erst in einem Ghetto unter unglaublichen hygienischen Missständen interniert wurde und schließlich wie auch meine Mutter an Cholera starb.

Neuanfang in den Staaten

DieUniversitaet.at: Wie gestaltete sich Ihr neues Leben in den USA?

S. R.: Wie gesagt, Verwandte unterstützen mich, kümmerten sich um meine Papiere, bürgten für mich. Trotz allem konnte ich meine akademische Karriere nicht fortsetzen, alle Unterlagen über mein bisheriges Psychologie-Studium musste ich in Wien zurücklassen. Man verwehrte mir daher den Abschluss, zumal ich kein Wort Englisch sprach. Zwei Jahre lang habe ich als Hafenarbeiter in Manhattan gearbeitet, lernte die Sprache. Mit 28 habe ich dann ein zweites Studium begonnen - nicht Psychologie, ich wollte nicht von vorne beginnen und ich wollte auch eine wirklichen Neustart wagen, nichts sollte mich an Wien erinnern. Ich machte meinen Abschluss als Ingenieur.

DieUniversitaet.at: Haben Sie nie daran gedacht, nach Österreich zurückzukehren?

S. R.: In das Land der Mörder? Sicher nicht. Lange habe ich zwar darauf gewartet, dass man mich fragt, ob ich zurückkehren möchte. Doch die Genugtuung, das Angebot abzulehnen, bekam ich nie. Seit meinen Diplom habe ich keinen Tag mehr Deutsch gesprochen und habe Österreich nie wieder besucht. Den S. R., der dort gelebt hat, gibt es nicht mehr. Er starb 1938. Ich bin jetzt ein anderer. Ein jüdischer Amerikaner - mit einer Geschichte, die sich der Sklaverei und des Indianermords schuldig gemacht hat. (dan)

DieUniversitaet.at entspricht dem Wunsch des Zeitzeugen, anonym bleiben zu wollen. Der Kontakt zu S. R. wurde über die deutsch-jüdische New Yorker Zeitung "Aufbau" hergestellt.

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