"Ein wesentlicher Bestandteil der 250-jährigen Geschichte des Botanischen Gartens ist seine Vernetzung mit dem sozialen, kulturellen und politischen Umfeld Wiens", so Michael Kiehn, der Direktor des Botanischen Gartens. Die Verbindung Botanik und Kunst hat dabei seit jeher einen besonderen Stellenwert. Ob die wissenschaftliche Illustration von Pflanzen, die landschaftliche Gestaltung oder die Nutzung des Gartens als Quelle der Inspiration: Die Möglichkeiten sind vielfältig und werden durch verschiedene Kooperationen - wie z. B. mit der Künstlerin Margareta Pertl oder der Universität für angewandte Kunst - laufend erweitert.
Zeichnen von "Angesicht zu Angesicht"
"Pflanzen leben nicht ewig. Die Dokumentation für nachfolgende Generationen ist deshalb sehr wichtig", erläutert Frank Schumacher vom Department für Biogeographie. Seit vielen Jahren illustriert die Künstlerin Margareta Pertl unterschiedliche Pflanzenarten des Botanischen Gartens. Zurzeit arbeitet sie an Zeichnungen von Bulbophyllum, einer Pflanzengattung aus der Familie der Orchideen. Bis zur fertigen Zeichnung ist es ein langer Weg: "Zuerst recherchiere ich Hintergrundinformationen, dann wird die Pflanze seziert und ich fertige Vorzeichnungen an, die ich anschließend mit den GärtnerInnen bespreche", erklärt Margareta Pertl ihre ersten Arbeitsschritte.
Wichtig ist für die gebürtige Wienerin vor allem, die Pflanzen vor Ort zu porträtieren - mitunter sitzt sie stundenlang im Botanischen Garten. "Durch neue Methoden mit z.B. phytochemischen oder molekularbiologische Fragestellungen hat die Analytik und Dokumentation durch Zeichnungen in der Botanik an Bedeutung verloren. Es gibt immer weniger Botaniker und KünstlerInnen, die diese Techniken nutzen bzw. beherrschen. Für uns ist es zusätzlich auch wichtig, die Pflanzen nicht nur fotografisch zu dokumentieren, sondern auch ästhetische Aspekte einzubeziehen, so dass nicht ausschließlich BotanikerInnen angesprochen werden", erklärt Frank Schumacher die weitergehende Bedeutung von wissenschaftlichen Illustrationen.
Angewandtes Landschaftsdesign
Die Gestaltung eines Gartens ist ebenfalls eine Kunst für sich, denn der Aufbau unterliegt den Trends des jeweiligen Zeitalters. Während zur Gründungszeit 1754 eine formale Gliederung bevorzugt wurde, wurde die Struktur in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Richtung englischer Landschaftsgarten mit geschwungenen Wegen verändert. In den 1930er Jahren wurde dann zusätzlich im zentralen Teil ein Schmuckgarten angelegt. Die neusten Entwicklungen erfolgen in Zusammenarbeit mit Mario Terzic, Professor für Landschaftsdesign an der Universität für angewandte Kunst Wien. "Ursprünglich ging es darum, einen Ort zu finden, an dem die Studierenden Gartenarbeit verrichten können. Im angewandten Landschaftsdesign geht es neben künstlerischen auch um ganz konkrete praktische Fragen wie beispielsweise: Wie viele Mistkübel werden benötigt, wer entleert sie, etc. In einem Gartenentwurf die Mistkübel zu vergessen wäre so, als ob man in einem Haus die Toilette weglassen würde", erklärt der Landschaftsdesigner.
Die anfängliche Kooperation führte im Laufe der Zeit zu weiteren Projekten. Für Frank Schumacher fällt die Zusammenarbeit mit Terzic und seinen StudentInnen auf fruchtbaren Boden: "Gartenkunst kann als unterstützendes Element für den Botanischen Garten fungieren. Wenn wir beispielsweise einen neuen Weg anlegen müssen, spielen in diese Überlegungen Fragen der Architektur, der Kunst und der Didaktik hinein."
Kunst im Bambushain
So wurde beispielsweise im Jahr 2004 in der Klasse für Landschaftsdesign ein Wettbewerb für die Neugestaltung des 230 Quadratmeter großen Bambushains ausgeschrieben: "Die Bambuspflanzen wurden immer wieder von den BesucherInnen zertreten. Deshalb benötigten wir ein neues Konzept, um den Bambus zu schützen ohne den Menschen die außergewöhnliche, bleibende Erfahrung des direkten Erlebens in der Pflanze zu nehmen", erzählt Frank Schumacher. Die Studentinnen Jessica Gaspar und Nikola Schuberth aus der Klasse von Mario Terzic konnten mit ihrer Idee eines Bambuswegs überzeugen: "Die Struktur der Stahlbrücke spiegelt die Eigenschaften des Bambus wider - standhaft aber flexibel. An einzelnen Stellen durchbricht der Bambus den Steg, so dass ein vorsichtigeres Fortbewegen 'erzwungen' wird. Die BesucherInnen haben die Möglichkeit, über zwei gegenüberliegende Stege in den Bambushain hineinzugehen und die Licht- und Schattenspiele sowie die spezifischen Geräusche der Halme und Blätter zu genießen", erläutert Mario Terzic die Idee der Bambusbrücken. (mw)
Ao. Univ.-Prof. Dr. Michael Kiehn ist Leiter des Departments für Biogeographie und Direktor des Botanischen Gartens der Universität Wien. Ing. Frank Schumacher ist technischer Leiter des Botanischen Gartens und stellvertretender Leiter des Departments für Biogeographie.
Margareta Pertl lebt und arbeitet in Wien und in Dublin, Irland. Die Absolventin der Akademie der Bildenden Künste beschäftigt sich seit dreizehn Jahren mit botanischen Illustrationen und wurde für diese mehrfach mit Medaillen der Royal Horticultural Society in England ausgezeichnet. Im Sommer bietet sie im Botanischen Garten der Universität Wien zusätzlich für interessierte BesucherInnen Malkurse an. Heuer wurden diese bereits zum vierten Mal durchgeführt. Die Kooperation der Universität für angewandte Kunst Wien, Abteilung für Landschaftsdesign, und dem Botanischen Garten der Universität Wien besteht seit Herbst 2001. Unter der Leitung von o. Univ.-Prof. Mag. art. Mario Terzic wurden bisher drei Projekte sowie diverse Ausstellungen organisiert. |