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Individuelle Erfahrungen und kollektive Verläufe |
| Wissenschaft und Nationalsozialismus |
| Roland Dreger (Redaktion) am 28. Mai 2003 |
Erwin Schrödinger, Viktor Franz Hess, Felix Ehrenhaft, viele bekannte Namen finden sich auf der Liste jener österreichischen PhysikerInnen, die Österreich von 1930 bis 1955 verließen. Speziell mit dieser Personengruppe beschäftigt sich ein aktuelles Forschungsprojekt, das im Zuge des Symposiums "Österreich und der Nationalsozialismus" (5./6. Juni 2003) an der Universität Wien präsentiert wird. |
Dokumentieren will man dabei neben dem quantitativen Ausmaß von Emigration und Remigration vor allem die individuellen Erfahrungen und Schicksale der Betroffenen. So auch der Titel des Forschungsprojekts: "Aus Österreich emigrierte PhysikerInnen und TechnikerInnen - Individuelle Erfahrungen und kollektive Verläufe 1930 - 1955". Geleitet wird das Projekt von Univ.-Prof. Dr. Christian Fleck, Institut für Soziologie der Universität Graz, gemeinsam mit Univ.-Prof. Dr. Anton Zeilinger, Institut für Experimentalphysik der Universität Wien. Das vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur finanzierte Projekt läuft mittlerweile eineinhalb Jahre, der Abschluss ist mit Ende dieses Jahres geplant. Von der Forschung vernachlässigt Mit dem Projekt erfassen will man nicht nur die bekannten Namen, sondern auch die Mehrzahl der bisher in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannten Vertriebenen und Emigrierten. Darunter viele damals junge PhysikerInnen, die bislang von der Forschung größtenteils vernachlässigt wurden. "Wie viele von den Professoren emigriert sind und wohin, lässt sich relativ leicht feststellen, da die Ausgangsgruppe in ihrer Größe bekannt ist", so Fleck, "wir wollen jedoch auch die ungefähre Größenordnung der Emigration jener feststellen, die damals auf einer niedrigeren Statusebene waren." Viele junge Talente emigrierten Die ersten Ergebnisse des Projekts zeigen, dass die Zahl der aus den Universitäten vertriebenen PhysikerInnen insgesamt relativ klein war. Im scheinbaren Widerspruch dazu steht eine doch viel größere Zahl an in Österreich Geborenen, die in den letzten 50 Jahren weltweit außerhalb unseres Landes als PhysikerInnen in Erscheinung getreten sind. Eine mögliche Erklärung hierfür sieht Fleck insbesondere darin, dass viele junge talentierte Leute emigrierten, die vor der Emigration noch gar keine spezifische Ausbildung genossen haben und die erst später in den Ländern, die ihnen Zuflucht gewährten, Physik studierten. "Man kann natürlich die Überlegung anstellen", vermutet Fleck, "ob nicht auch diese Gruppe von Emigranten spezielle Einflüsse aus ihrer Jugend mitgenommen haben, die dann später Einfluss auf die Wahl ihres Faches genommen haben." In einem Teilprojekt wird speziell auf diese Personengruppe, die so genannte Zweite Generation, fokussiert. Emigration auch nach 1945 Der Höhepunkt der Vertreibung ist zweifellos mit 1938 festzumachen, mit dem "Anschluss" Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland. Allerdings setzte schon in den 1920er Jahren, also noch unter demokratischen Verhältnissen, eine Emigration von Talenten ein, die nach 1945 eine Fortsetzung fand. "Was '38 geschah, ist natürlich qualitativ und quantitativ etwas anderes", merkt Fleck dazu an, "es fügt sich jedoch ein in einen längeren Trend, den man sehen sollte und auf den wir uns bei diesem Projekt konzentrieren." So hinterließ der Zusammenbruch der Monarchie 1918 dem nunmehr kleinen Land Österreich ein überdimensioniertes Universitätssystem, da die Universität Wien nicht im gleichen Umfang schrumpfte wie das Gebiet, für das sie das vorrangige Ausbildungszentrum war. In Verbindung mit einer ohnehin schlechten ökonomischen Situation des Landes führte dies zu einem Rückgang an Arbeitsmöglichkeiten für WissenschafterInnen und zu einer wirtschaftlich bedingten Emigration. In den 1950er Jahren besserte sich die Situation an den österreichischen Universitäten keineswegs. So gab es auch dann wieder WissenschafterInnen, die für sich in Österreich keine Zukunft sahen. Als die bekanntesten Beispiele hierfür nennt Fleck den Philosophen Paul Feyerabend und den erst kürzlich "wieder entdeckten" Heinz von Foerster. Marktbereinigung an den Universitäten Nach dem Krieg kehrten nur wenige EmigrantInnen nach Österreich zurück. Ein Grund dafür dürfte sicher gewesen sein, dass von Seiten des offiziellen Österreich damals keinerlei Versuche unternommen wurden, die Vertriebenen zur Rückkehr einzuladen. "Bevor nach 1945 frühere Österreicher berühmt wurden, hat sich bestenfalls ein Kollege um Kontakte zu ihnen bemüht, und erst wenn sie Nobelpreise erhielten, entdeckte sie das offizielle Österreich und behauptete dreist, es handle sich um österreichische Nobelpreisträger", konstatiert Fleck. Oft gab es jedoch überhaupt keine Kontaktaufnahme, auch nicht von KollegInnen. Erklären lässt sich dies dadurch, dass viele WissenschafterInnen, deren Karrieren in der Zeit nach 1938 begannen, einen unmittelbaren Vorteil aus der Vertreibung ihrer KonkurrentInnen ziehen konnten. Nach Fleck fand im Zeitraum nach 1938 so etwas wie eine "Marktbereinigung" an den Universitäten statt: "Der Markt ist dadurch für diejenigen, die dageblieben sind, sehr viel attraktiver geworden." (ro) Univ.-Prof. Dr. Christian Fleck |
