Mythisches
Den Ursprungsmythen gemeinsam sind die Initiatorinnen - Textilarbeiterinnen bzw. Sozialistinnen - und der Ort - New York. Wie die Geschichts- und Politikwissenschafterinnen Liliane Kandel, Françoise Picq und Temma Kaplan herausgearbeitet haben, scheinen die Wurzeln des Frauentages vom Frankreich der 1950er Jahre nach New York verlegt worden zu sein. 1857 sei es zu einem Streik von New Yorker Textilarbeiterinnen gekommen, der auf brutale Weise unterdrückt wurde und dem Sozialistinnen in jener Stadt angeblich am 8. März 1907 gedachten. Dieser 8. März sei also der erste Frauentag gewesen.
Zusätzlich wurden die mythischen Daten 1857 und 1907 noch mit einer tatsächlich stattgefundenen Veranstaltung vermischt, die die New Yorker sozialdemokratische Frauenvereinigung am 8. März 1908 für das Frauenwahlrecht abhielt. Sogar der Streik von Textilarbeiterinnen der New Yorker Triangle Shirtwaist Company Ende 1909 und ein Brand in der betroffenen Fabrik 1911, bei dem 146 Arbeiterinnen in den Flammen ums Leben kamen, werden als Anlässe des Frauentages kolportiert.
Belegte Anfänge
Die Idee zu - allerdings nationalen - Frauentagen hat es jedoch bereits in der Frauenbewegung im 19. Jahrhundert gegeben. Zu einem österreichischen Frauentag riefen etwa Auguste Fickert (1855-1910) und Irma von Troll-Borostyani (1849-1912) unter der Devise "Durch Erkenntnis zu Freiheit und Glück" 1892 auf. Es steckt insofern ein wahrer Kern in den Ursprungsmythen als ein "National Woman's Day" in den USA erstmals von Sozialistinnen realisiert wurde. Ab 1909 stand hier jeweils am letzten Sonntag des Monats Februar das Frauenwahlrecht im Mittelpunkt von Frauenversammlungen. Als internationaler Agitationstag, in erster Linie für das Frauenwahlrecht, wurde der Frauentag aber auf der Frauenkonferenz der Sozialistischen Internationale 1910 in Kopenhagen von Clara Zetkin durchgesetzt.
Während die Amerikanerinnen weiterhin an einem Februardatum für ihre Veranstaltungen festhielten, fand der erste internationale Frauentag in Europa am 19. März 1911 statt. Mit diesem Datum gedachte man den Märzgefallenen von 1848. In Dänemark, Deutschland, der Schweiz und Österreich begangen, stand er ganz unter der Forderung politischer Partizipationsrechte für Frauen. Aus der Sicht der Sozialdemokratie waren diese zentral für die "Eroberung der politischen Macht zum Zwecke der Aufhebung der Klassenherrschaft und Herbeiführung der sozialistischen Gesellschaft, die erst das volle Menschentum dem Weibe verbürgt" - so die in Deutschland auf zahlreichen Massenversammlungen angenommene Resolution. "Heraus mit dem Frauenwahlrecht" hieß es auch in Österreich. In Wien zogen fast 20.000 Frauen und Männer über die Ringstraße am Parlament vorbei zum Rathausplatz, mit roten Fahnen zu der Melodie eines eigens gedichteten Frauenwahlrechtsliedes.
Schon in den Folgejahren zeigte sich allerdings, dass es nicht so einfach war, bei der Sozialdemokratischen Partei Unterstützung für die Frauentage zu finden. Skepsis machte sich unter den männlichen Parteimitgliedern breit, aus finanziellen Gründen und Furcht vor einem Separatismus der sozialdemokratischen Frauenbewegung. Dennoch gelang es u.a. Luise Zietz (1865-1922) in Deutschland sowie Adelheid Popp (1869-1939) in Österreich, die Frauentage bis in den Ersten Weltkrieg hinein abzuhalten.
Warum der 8. März?
1917 wurde zu einem Schlüsseljahr für den internationalen Frauentag. Das Kriegselend führte zu Unruhen, Arbeiterinnen forderten "Brot und Frieden". Besondere Bedeutung sollte der Aufmarsch russischer Frauen in St. Petersburg - nach dem damals in Russland geltenden Kalender am 23. Februar, nach heute gültiger gregorianischer Zeitrechnung am 8. März - für den Ausbruch der Revolution erhalten. Als Erinnerung an diese Frauendemonstration wurde auf der zweiten internationalen Konferenz der Kommunistinnen 1921 in Moskau - wieder auf Initiative Clara Zetkins - beschlossen, dass von nun an der 8. März einheitlich als internationaler Frauentag zu feiern sei. Während der Zeit des nationalsozialistischen Regimes war er verboten. In der Nachkriegszeit begingen ihn besonders die kommunistischen Staaten Europas als Tag der Befreiung der Frauen.
Seine heutige Bedeutung erhielt der internationale Frauentag Ende der 1960er/Anfang der 1970er Jahre mit dem Einsetzen der neuen Frauenbewegung. Durch die nun propagierte Politisierung des Privaten wurden neue Forderungen am 8. März thematisiert, wie die Kritik an der geschlechtlichen Arbeitsteilung, das Recht auf Abtreibung und die effektive Kriminalisierung von Gewalt gegen Frauen. Viele Forderungsbereiche sind aber weltweit seit den Anfängen erhalten geblieben: das Recht auf Arbeit, gleicher Lohn für gleiche Arbeit, gleiche Bildungs- und Ausbildungschancen, die soziale Sicherung von Frauen und Frieden.
Links: womhist.binghamton.edu/iwd/doclist.htm home.t-online.de/home/d.g.p.meinhard/frauen/frauentag.html
Literatur: Liliane Kandel und Françoise Picq: Le mythe des origines à propos de la journée internationale des femmes. In: La Revue D'En Face 12 (1982), 67-80.
Temma Kaplan: On the Socialist Origins of International Women's Day. In: Feminist Studies 11 (1985), 163-171.
Birgitta Bader-Zaar ist Universitätsassistentin am Institut für Geschichte der Universität Wien. |