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Internationaler Frauentag 2002 (8): Kann Mentoring für Wissenschafterinnen an der Universität Wien etwas bewegen?
Internationaler Frauentag
Herta Nöbauer und Waltraud Schlögl am  8. März 2002

41 hochqualifizierte Wissenschafterinnen dürfen sich seit einem Jahr über Unterstützung und Förderung durch renommierte ProfessorInnnen der Universität Wien freuen. Das Mentoringprogramm (mu:v) des Projektzentrums Frauenförderung  feiert seinen ersten Geburtstag.

Vor genau einem Jahr startete das Projektzentrum Frauenförderung der Universität Wien unter der Leitung von Vizerektorin Gabriele Moser das erste Mentoringprogramm an einer österreichischen Universität. Mit dem dreijährigen Pilotprojekt mu:v (Mentoring University Vienna), dessen Finanzierung aus Mitteln des bm:bwk und des Europäischen Sozialfonds (ESF) ermöglicht wird, sollen - wie international längst erfolgreich erprobt und umgesetzt - endlich auch österreichische hoch qualifizierte Wissenschafterinnen (Mentees) auf ihren Karrierewegen durch renommierte und einflussreiche ProfessorInnen (MentorInnen) unterstützt und gefördert werden.

Talent und Fleiß allein genügen nicht  

Bekanntermaßen führen nicht allein individuelle Leistung, Talent und Fleiß zur Etablierung im Wissenschaftsbetrieb, sondern es braucht dazu mindestens genauso Beziehungen zu fördernden Personen und Netzwerken. In diesem Sinne soll über die Herstellung von fördernden Beziehungen zu den angeworbenen MentorInnen im Rahmen von mu:v nicht nur eine stärkere Verankerung von Frauen in wichtigen wissenschaftlichen Netzwerken forciert werden, sondern vor allem auch der nach wie vor schändlichen Unterrepräsentanz von Frauen in den höheren Positionen der universitären Institution entgegengewirkt werden.  Nach einer intensiven organisatorischen Aufbauphase und entsprechenden Vorbereitungen und Trainings seitens der MentorInnen und Mentees ist mu:v inzwischen in die Phase der konkreten und aktiven Arbeit innerhalb der Mentoringbeziehungen übergegangen. Zum überwiegenden Teil verläuft diese Arbeit bisher außerordentlich positiv sowohl für die Mentees als auch für die MentorInnen. Entgegen der üblicherweise paarweise gestalteten Beziehungen (one-to-one) bei Mentoring unterstützen und fördern im Wiener Programm elf erfahrene und renommierte ProfessorInnen der Universität Wien je eine von elf fächerübergreifend zusammengestellten Kleingruppen von drei bis vier Dissertantinnen, Post-docs und Habilitandinnen der vier teilnehmenden Fakultäten (Human- und Sozialwissenschaftliche Fakultät, Geistes- und Kulturwissenschaftliche Fakultät, Rechtwissenschaftliche Fakultät und Fakultät für Naturwissenschaften und Mathematik).

Tauchgang in die Netzwerke des Wissenschaftsbetriebs

Auf Grundlage dieser im europäischen Kontext besonders innovativen Konzeption und Organisation von horizontal und vertikal angelegtem Gruppenmentoring sollen den 41 teilnehmenden Mentees Zugänge zu informellen und formellen Netzwerken eröffnet werden, die eine stärkere Verankerung der Frauen in den Wissenschaftsbetrieb zur Folge haben. Vorrangig soll das mittels strategischem und strukturellem Mentoring erreicht werden, beispielsweise über die Vermittlung wichtiger wissenschaftlicher Kontakte, den Zugang zu relevanten Publikationsforen, die Unterstützung bei Bewerbungen oder beim Akquirieren von Drittmitteln, oder auch durch die Weitergabe wichtiger Informationen. Ebenso gehört es zu den Projektzielen, durch innovative Ansätze die bestehenden informellen Förderpraktiken herauszufordern und längerfristig Veränderungen der traditionellen Unterstützungsstrukturen mitzuinitiieren. Damit widersetzt sich dieses Mentoringprogramm bewusst den herkömmlichen individualisierten, zumeist intransparenten Förderpraktiken; es will den herrschenden Ausschlussmechanismen gegenüber Frauen im akademischen Feld entgegenwirken und zugleich die Förderpraktiken nachvollziehbar gestalten.

Herkömmliche Förderstrukturen durchleuchten  

Zu den fördernden AkteurInnen für die aus über 100 Bewerberinnen ausgewählten 41 Wissenschafterinnen zählt neben den MentorInnen - und das erstmals in einem universitären Mentoringprogramm - auch ein frauenspezifisch orientiertes Coaching- und Supervisionsteam. Darüber hinaus führen die Projektkoordinatorinnen ein begleitendes Informations- und Diskussionsprogramm durch. Auf diese Weise soll eine breitere Auseinandersetzung mit und kritische Reflexion von herkömmlichen Förderstrukturen innerhalb der Universität angeregt werden. Ein weiterer wesentlicher Bestandteil von mu:v ist die begleitende, prozessorientierte Evaluation aller AkteurInnen durch ein externes Forschungsteam (zusätzlich finanziert vom Bundesministerium für soziale Sicherheit und Generationen - bm:sg -und dem Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit - bm:wa). Gerade wegen der erwarteten Spannung zwischen dem innovativen Charakter des Projekts und der über Jahrhunderte lang gewachsenen  universitären Organisationskultur ist diese Begleitung besonders wichtig und unverzichtbar, weil in der Folge die Ergebnisse der Evaluation die Grundlage für die Ausarbeitung weiterer Mentoringinitiativen an österreichischen Universitäten bilden. Für derlei Initiativen meldete die Medizinische Fakultät der Wiener Universität bereits großen Bedarf an, aber auch die Universität Linz will dem Beispiel des Wiener Programms folgen.  

Ambitionen des mu:v  

In jedem Fall - so die Position des Projektteams von mu:v - ist eine wichtige Voraussetzung eines Mentoringprogramms, das eine effektive Förderungskultur für Wissenschafterinnen schaffen will, eine kritische Haltung gegenüber den tiefgreifenden offenen und verdeckten Ausschließungsmechanismen und -strukturen der akademischen "Mehrheitskultur". Es muss daher im Unterschied zu den informellen und unsichtbaren Praktiken nicht nur offen, formalisiert und nachvollziehbar aufgebaut sein, sondern braucht, wie internationale Studien immer wieder betonen, auch die volle Unterstützung des universitären Establishments.  

Nähere Informationen: www.univie.ac.at/frauenfoerderung/  

Herta Nöbauer entwickelt und koordiniert das Mentoring-Programm mu:v und ist freie Sozial- und Kulturanthropologin und Lehrbeauftragte am Institut für Ethnologie, Kultur- und Sozialanthropologie. Waltraud Schlögl entwickelt und koordiniert das Mentoring-Programm mu:v und ist Sozial- und Kulturanthropologin.  

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