Schreiben als kulturelle Praxis von Frauen wird selten als überlieferungswürdig erachtet; diese Aufzeichnungen finden daher auch kaum den Weg in Archive. So sind Dokumente über den Alltag von Frauen, ihr Nachdenken und ihre Identitätszuschreibungen schwer zugänglich.
Das Archiv
"Kein Ort. Nirgends", dieser Titel von Christa Wolf charakterisiert die Ausgangssituation für Nachlässe von Frauen, die unbekannt waren, nichts "Bedeutsames" hinterlassen haben. Seit Anfang der 1990er Jahre gibt es nun die "Sammlung Frauennachlässe" am Institut für Geschichte der Universität Wien. Sie möchte durch die systematische Sammlung von Schrifttum und Fotografien von Frauen, ihren Familien, Freundinnen und Freunden diesem Vergessen entgegenwirken. Darüber hinaus macht sie die archivierten Dokumente für wissenschaftliche Publikationen, Diplomarbeiten und Dissertationen sowie für die universitäre Lehre zugänglich.
Das Sammeln
Der Kontakt mit den NachlassgeberInnen wird über Aufrufe in verschiedenen Zeitschriften hergestellt, zahlreiche Bestände wurden und werden auch durch die Zusammenarbeit mit der "Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen" am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte vermittelt, die retrospektiv geschriebene autobiographische Texte sammelt und publiziert. Ein integrativer Bestandteil der Arbeit ist der Kontakt mit den (zumeist) älteren Menschen, von denen die Nachlässe zur Verfügung gestellt werden. Dabei konnten durch deren soziale Vernetzung des öfteren weitere Interessentinnen gewonnen werden. Manche Nachlässe gelangten hingegen eher zufällig in das Archiv: So wurde etwa ein aus mehreren hundert Schriftstücken bestehender Briefbestand von einem aufmerksamen Passanten aus dem Altpapiercontainer "gerettet".
Die Bestände
"Ich werde von nun an mehr hereinschreiben; wenn ich sonst in Jahren mein Tagebuch lesen werde, werde ich mir ja gar keinen Begriff meines Mädchenlebens machen können", schrieb die damals 19-jährige Wienerin Bernhardine Alma am 7. Oktober 1914 in ihr geheimes Tagebuch, das heute in der Sammlung Frauennachlässe archiviert ist. Die Schreibmotivationen sind vielfältig, und der Kreis von Frauen, die im Laufe ihres Lebens Tagebücher und Familiengeschichten verfasst, umfangreiche Briefwechsel gepflegt, Haushaltsbücher geführt oder Gedichte geschrieben haben, ist weit größer als gemeinhin angenommen.
Die einzelnen der aktuell gut 60 Nachlässe sind sowohl vom Umfang her als auch im Hinblick auf die enthaltenen Textsorten sehr unterschiedlich. Der Briefwechsel eines Paares aus dem Ersten Weltkrieg etwa umfasst 1.900 Schreiben, die Hinterlassenschaft einer Wiener Sängerin zählt 62 Tagebücher. Andere Teile der Sammlung bestehen nur aus einzelnen Schriftstücken, manche enthalten literarische Manuskripte und mitunter auch Materialien wie gepresste Blumen, Haarlocken oder auch sogenannte "Judensterne". Der Großteil der archivierten Selbstzeugnisse wurde im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verfasst, einzelne gehen auch ins 18. Jahrhundert zurück. Räumlich liegt der Schwerpunkt auf Wien und Umgebung, verschiedene Korrespondenzen umspannen aber auch mehrere Kontinente.
Ein "Gedächtnisspeicher" für die Frauen- und Geschlechterforschung
Selbstzeugnisse können von ungemeinem Quellenwert für die Frauen- und Geschlechterforschung sein. Sie geben Auskunft über Erfahrungsgeschichten und Krisenbewältigungsstrategien der Schreibenden. Gerade aber das Alltäglichste wird selten verschriftlicht, durch das Niederschreiben von dem als Abweichung Empfundenen lassen sich dennoch Rückschlüsse auf die erdachten Lebensnormalitäten ziehen. In autobiographischen Dokumenten werden situative Selbstbilder entworfen, was besonders aufschlussreich nachvollzogen werden kann, wenn eine Personen in verschiedenen Lebensphasen geschrieben hat. So werden z.B. die Wirtschaftsbücher einer oberösterreichischen Müllerin im Laufe der Jahre immer mehr zu einem Ort, an dem sie persönliche Gedanken einträgt. Autobiographische Quellen sind gleichzeitig von Schweigen und Tabuisierungen geprägt. Die Gründe dafür können die Unaussprechlichkeit/Unbeschreibbarkeit verschiedener Themen, Selbstzensur oder politische Repression sein.
Dr. Margareth Lanzinger ist derzeit Assistentin für Neuere Geschichte am Institut für Geschichte mit einem Forschungsschwerpunkt Frauen- und Geschlechtergeschichte. Li Gerhalter, Mitarbeiterin der Sammlung Frauennachlässe, arbeitet an einer Diplomarbeit basierend auf einem Bestand aus der Sammlung. "Sammlung Frauennachlässe"
Gegründet wurde die "Sammlung Frauennachlässe" am Institut für Geschichte von Univ.-Prof. Dr. Edith Saurer und ao. Univ.-Prof. Dr. Christa Hämmerle, die die Sammlung leiten und betreuen; ständige Mitarbeiterin ist Li Gerhalter. Als Träger konstituierte sich im Jahre 1999 der Verein zur Förderung der Dokumentation von Frauennachlässen. Maßgeblich unterstützt werden die Aktivitäten durch Subventionen von Seiten des BMBWK und der MA 57 - Frauenförderung und Koordinierung von Frauenangelegenheiten der Stadt Wien. Der Text "Schreiben über die Ehe" gibt einen guten Einblick in die Dokumente der "Sammlung Frauennachlässe". | |