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Institut für Romanistik 140. Geburtstag von Elise Richter
Internationaler Frauentag 2004 (4): Das Netzwerk der Richter-Schwestern
Internationaler Frauentag
Simone Kremsberger (Redaktion) am 11. März 2004

Elise und Helene Richter spielten eine wichtige Rolle im Wiener Geistes- und Kulturleben der Zwischenkriegszeit. Ein ambitioniertes Forschungsprojekt macht es sich zur Aufgabe, Leben und Werk der Schwestern neu zu entdecken. DieUniversitaet-online.at sprach mit ao. Univ.-Prof. Mag. Dr. Robert Tanzmeister und Mag. Thierry Elsen vom Institut für Romanistik der Universität Wien.

Elise Richter war nicht nur die erste Frau Österreichs, die sich Dozentin nennen durfte und erstmals den Titel einer außerordentlichen Universitätsprofessorin trug. Sie war Wissenschafterin, engagierte Politikerin und führte mit ihrer Schwester, der Anglistin Helene Richter, einen der letzten Salons in Wien. Leben und Werk der beiden sind untrennbar miteinander verbunden. Akademikerin Elise, Autodidaktin Helene Im Rahmen eines FWF-Forschungsprojektes nimmt sich Robert Tanzmeister, unterstützt von Projektmitarbeiter Thierry Elsen, der Biographien und des Schaffens von Elise und Helene Richter an: "Wir untersuchen das Netzwerk der Richter-Schwestern und wollen verschiedene Facetten im Zusammenhang zwischen Leben, Werk und Wissenschaftsbetrieb aufzeigen." Helene, Jahrgang 1861, und Elise, 1865 geboren, wurden von ihrem Vater, Arzt bei der Reichsbahn, emanzipatorisch erzogen: "Der Vater hat sie praktisch wie Söhne behandelt", schildert Tanzmeister. Die Eltern starben früh, durch das Erbe konnten die Schwestern ihren Interessen wissenschaftlicher und künstlerischer Natur nachgehen. Elise machte 1897 die Externistenmatura nach, war eine der ersten Universitätsabsolventinnen Österreichs und startete ihre akademische Karriere als Schülerin der großen Romanisten Wilhelm Meyer-Lübke und Adolfo Mussafia. Schwester Helene bildete sich autodidaktisch und publizierte als Anglistin vorwiegend zur Englischen Romantik und als Theater- und Kunstkritikerin.

 

Helene Richter. Fotos: ÖNB - Bildarchiv

 

Elise Richter

Elise Richter als innovative Wissenschafterin … "Ein Schwerpunkt des Forschungsprojektes liegt derzeit in der Aufarbeitung der Briefe, die an die Schwestern gerichtet sind, und der Tagebücher Elise Richters", beschreibt Tanzmeister. Weitere Ziele sind die Re-Lektüre der Werke von Elise und Helene Richter und eine Sammlung der noch nicht dokumentierten, gesellschaftspolitisch brisanten Zeitungsartikel von Elise Richter. Auf Basis der Archivarbeiten will man mit anderen Disziplinen wie Anglistik, Germanistik und Theaterwissenschaft kooperieren. Über Arbeitsmangel kann sich das Forschungsteam nicht beklagen: Schließlich wollen 60 Jahre Tagebuchaufzeichnungen Elise Richters entschlüsselt werden. Richter schwieg sich zwar über wichtige persönliche Lebensbereiche aus, hielt aber ihre vielen Tätigkeiten und Kontakte im Tagebuch fest. "Sie war eine unglaubliche Organisatorin im Wissenschaftsbetrieb und sorgte für den Zusammenhalt unter den Kollegen", hält Elsen fest. Ihre wissenschaftliche Tätigkeit reichte von syntaktischen Arbeiten und Untersuchungen zu Wortforschung und Semantik bis zum Aufbau der Phonetik- und Phonologieforschung in Wien. Richter war stets Neuerungen offen: "Sie versuchte, Verbindungen zu Literaturwissenschaft, Kunst und Malerei in die sprachwissenschaftliche Arbeit einzubringen", erläutert Tanzmeister. "Sie war eine der ersten, die sich für die gesprochene Sprache interessiert hat. Und sie beschäftigte sich mit neuen Medien wie Schallplatten und Telefon - heute wäre sicher das Internet ihr Medium." … und "richtige Vereinsmeierin" Darüber hinaus setzte sich Elise Richter für die Popularisierung des Wissenschaftsbetriebes ein und war - so wie ihre Schwester Helene - mit einer Fülle von Vorträgen an Volkshochschulen präsent. Außerhalb der Wissenschaft engagierte sie sich für die Frauen- und die Friedensbewegung. Sie eindeutig politisch zu positionieren, ist allerdings schwierig. "Sie grenzte sich vom Kommunismus ab und lehnte als Jüdin Adolf Hitler klar ab. Allerdings scheute sie Kontakte zum rechts-konservativen Lager nicht", so Tanzmeister. Im Bereich der Volksbildung kooperierte Richter mit den Sozialdemokraten, besonders mit Ludo Hartmann. Von 1922 bis 1930 war sie Vorsitzende der von ihr gegründeten österreichischen akademischen Frauen. Ihre Überlegungen, eine eigene Frauenpartei zu gründen, realisierte Richter nicht. Neben der Politik beschäftigte sie sich mit Lehrerausbildung und betreute einen Kinderhort und eine Mädchenschule mit. "Sie war eine richtige Vereinsmeierin", sind sich Tanzmeister und Elsen einig. Die Hauptrolle in ihrem Leben spielte aber Schwester Helene, mit der sie zusammenwohnte und sogar überlegte, ein Kind zu adoptieren: "Die Schwestern haben ständig miteinander gesprochen und sich sogar mehrere Briefe am selben Tag geschrieben", weiß Tanzmeister. Einen wichtigen Beitrag zum Geistesleben in Wien leisteten die beiden durch ihren Salon (jeweils am Montag), wo Universitätskollegen und Künstler verkehrten. "Alte Bäume verpflanzt man nicht" 1938 wurde Elise Richter ihre Lehrerlaubnis samt Bezahlung entzogen. Die Schwestern lehnten aber das Exil ab, denn "alte Bäume verpflanzt man nicht." In einem der letzten Transporte wurden Elise und Helene Richter nach Theresienstadt verfrachtet, die Strapazen überforderten die betagten Schwestern: Helene starb kurz nach der Ankunft, Elise ein halbes Jahr darauf. Heute erinnern eine Büste am Institut für Romanistik, das Elise-Richter-Tor am Universitätscampus und der Elise-Richter-Hörsaal im Hauptgebäude der Universität Wien an die Wissenschafterin. Auf den ihr gebührenden Ehrenplatz im Arkadenhof wartet sie immer noch. (sk)  

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