Archiv der Online-Zeitung der Universität Wien
Internationaler Frauentag 2005 (1): Der 8. März und seine Geschichten |
| Internationaler Frauentag |
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| Gastbeitrag von Natascha Vittorelli am 8. März 2005 |
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8. März: Internationaler Frauentag? Tag der Arbeiterin? Sozialistischer Frauentag? Oder doch eine Art Muttertagsersatz? Was wird am 8. März eigentlich gefeiert? Und woran wird erinnert? Eine kleine Mythologie des 8. März. |
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Erfundene Tradition
Die Feierlichkeiten zum 8. März haben Tradition. Doch wie andere Traditionen musste auch der 8. März zuallererst 'erfunden' werden. Eine eindeutige Geschichte dieser Erfindung lässt sich allerdings nicht rekonstruieren. Angepasst an die jeweiligen Bedürfnisse entsprechender Kontexte wurden unterschiedliche Geschichten erzählt. Und somit bleibt nicht nur mehrdeutig, was am 8. März gefeiert wird, sondern insbesondere auch, woran erinnert wird.
8. März erst nach und nach etabliert
Fest steht, dass sich der 8. März als Datum erst nach und nach durchsetzen konnte. Mitte der 1980er Jahre gab die Historikerin Temma Kaplan (University of Harvard) einen Überblick über die Vielzahl sozialistischer Ursprungserzählungen rund um die Etablierung eines Frauentages. So habe die deutsche Sozialistin Clara Zetkin (1857-1933) 1910 auf der "Zweiten Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz" in Kopenhagen die Errichtung eines "Internationalen Frauentages" vorgeschlagen - zunächst noch ohne Festlegung auf ein konkretes Datum.
Sozialistische Variationen
US-amerikanische SozialistInnen hatten hingegen bereits 1909 den letzten Sonntag im Februar zum "Nationalen Tag der Frau" deklariert. Anlässlich des 40. Jahrestages der "Pariser Kommune" wurde wiederum am 18. März 1911 in Paris, aber auch in Wien ein "Tag der Frau" begangen.
1921 erklärte Lenin in Gedenken an den St. Petersburger Frauenaufstand vom 23. Februar 1917 - nach Julianischem Kalender 8. März - den 8. März zum "Internationalen Frauentag". Der Aufstand der St. Petersburger Frauen galt als Auslöser für die Februarrevolution.
Ravensbrück und Kalter Krieg
Eine weitere Erzählung wurde von der Historikerin Maria Grever in Frage gestellt: Diese besagt, dass der Frauentag am 8. März 1945 im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück gefeiert worden sei. Nicht zuletzt deswegen hätten kommunistische Frauen nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs die Feierlichkeiten zum 8. März an den Kampf gegen Faschismus und Kapitalismus gebunden.
Im Zuge des Kalten Krieges wurden sozialistische oder gar kommunistische Tradierungen des 8. März in Westeuropa und Nordamerika mitunter unpopulär. Und während sich der 8. März in realsozialistischen Ländern zusehends zu einem staatlichen Muttertagsersatz entwickelte, verbreitete sich in der sog. 'westlichen Welt' eine neue Legende.
Legende: Der Frauenstreik von 1857
Der Anlass der Feierlichkeiten wurde auf einen spontanen Streik New Yorker Textilarbeiterinnen zurückgeführt. Diese hätten sich am 8. März 1857 gegen niedrige Löhne und zunehmende Arbeitsbelastung sowie für eine Arbeitszeitverkürzung eingesetzt. Die Polizei habe der Demonstration ein blutiges Ende gesetzt, wobei nicht nur zahlreiche Frauen festgenommen worden seien, sondern einige auch zu Tod gekommen wären.
Fünfzig Jahre danach - am 8. März 1907 - wurde dieser Demonstration erstmals gedacht und seither jährlich daran erinnert. Allerdings sollte sich diese Geschichte später als Mythos erweisen, dessen Jahr der Handlung vermutlich zu Ehren des Geburtsjahres von Clara Zetkin gewählt worden war, wie die Wissenschafterinnen Liliane Kandel und Françoise Picq 1982 in einem Aufsehen erregenden Text aufzeigten.
Unterschiedliche Forderungen
Von diversen historischen, nationalen und politischen Interessen hing auch wesentlich die Art der am 8. März gestellten Forderungen ab: gefordert wurde etwa das Frauenwahlrecht, arbeitsrechtliche Verbesserungen für Frauen oder die Gleichstellung von Frauen und Männern in allen Lebensbereichen.
Feministischer Erinnerungsort
Seit den 1970er Jahren wird der 8. März weltweit von autonom-feministischer Seite in Anspruch genommen. Im feministischen kollektiven Gedächtnis nimmt er einen besonderen Stellenwert ein. Ob "Internationaler Frauentag", "Tag der Arbeiterin" oder "Tag der Sozialistin" - der 8. März bietet jedes Jahr aufs Neue zahlreiche Gründen zu feiern und zu fordern, zu erinnern und zu demonstrieren.
Die Historikerin Mag. Natascha Vittorelli war DOC-Stipendiatin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (2001-2004) und ist Lektorin am Institut für Zeitgeschichte an der Universität Wien. Im Rahmen ihrer Dissertation arbeitet sie zur Geschichtsschreibung von Frauenbewegungen.
Der Artikel wurde ebenfalls in science.orf.at veröffentlicht.
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