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Institut für Germanistik
Italienische Reise (2): Die Erben Goethes vor dem Bildarchiv Italien
Sommerserie, Reisen und Wissenschaft
Simone Kremsberger (Redaktion) am 19. August 2004

Die Italienreise ist aus dem Repertoire der deutschsprachigen Literatur nicht mehr wegzudenken. Zwischen Mythisierung und Dekonstruktion maßen und messen sich SchriftstellerInnen über Epochen hinweg an der "Italienischen Reise" des Dichterfürsten.

Nach Goethes Italienreise setzt eine literarische Reisebewegung gen Süden ein. Die großen Tableaus und Mythen aus dem Bildarchiv Italien werden immer wieder auf die Probe gestellt, dekonstruiert, verdichtet und neu zusammengesetzt, Italien wird zur meistbesuchten Schreib- und Wahrnehmungsschule der deutschsprachigen AutorInnenwelt.   Imagination in der Romantik "Seit Goethe gibt es in der Italien-Reiseliteratur ein Auf und Ab zwischen Mythisierung und Dekonstruktion. Fiktionalisierung und imaginäre Räume gewinnen an Bedeutung. Interessant sind vor allem die Italienreisen, die in Wirklichkeit nie unternommen worden sind, wie bei den Romantikern", schildert Mag. Dr. Irmgard Egger, Lektorin am Institut für Germanistik. E. T. A. Hoffmann und Joseph von Eichendorff reisen nur mit der Feder auf dem Papier, Ludwig Tieck schickt seinen Helden Franz Sternbald auf Wanderungen in den Süden (1798)  und ist dann, selbst in Italien angelangt, enttäuscht von dem viel gerühmten Land. "Die Romantiker agieren auch als Provokateure, indem sie Italien als Land des Katholizismus und damit die katholische Ästhetik wieder entdecken", so Egger. Dekonstruktion und Verdichtung der Mythen Nach dem Spiel mit katholischen Mythen in der Romantik ist im 19. Jahrhundert die Dekonstruktion derselben angesagt. Beispiele dafür sind Heinrich Heines "Reisebilder" (1826-1831) und die weniger bekannten Italientexte Franz Grillparzers. "Grillparzer vermisst als raunzender Wiener in Neapel den Apfelstrudel und schimpft über das Olivenöl. Er kritisiert, dass er nichts mehr spontan wahrnehmen könne, weil alles schon einmal wahrgenommen worden sei", führt Egger aus. Auch Theodor Fontane hält in Briefen und autobiographischen Schriften fest, Italien sei zu Tode gemalt und geschrieben. Hermann Hesse schließlich erkennt eine Wahrnehmungsveränderung durch die Eisenbahn. "Hesse verweigert die Eisenbahn. Er geht zu Fuß und sucht nicht nach dem großen Italien, sondern nach dem kleinen Alltag." In Hesses Darstellung spielen erstmals Gerüche im Text eine Rolle. Eine Gegenbewegung benötigt eine Gegenbewegung: Sigmund Freud und Thomas Mann knüpfen beide direkt an Goethes Vorstellungskraft und starke Bilder an. Freud setzt in "Das Unbehagen in der Kultur" (1930) die archäologische Landschaft Italiens mit ihren jahrhundertealten Ablagerungen in Verbindung zur menschlichen Seele. In der Seele seien wie in der Kulturlandschaft Italien Vergangenheitsschichten abgelagert, die vom Archäologen bzw. Seelenarzt freigelegt werden. Bei Thomas Mann erfahren die Mythen etwa in "Der Tod in Venedig" (1912) eine Verdichtung und dienen als Gegenbilder zu den Germanenmythen des Nationalsozialismus. Mischformen nach 1945 "Nach 1945 stehen die AutorInnen vor dem Bildarchiv Italien und vor zerstörten Italien-Bildern", beschreibt Egger. Demontage der Mythen und Rückgriff auf dieselben gehen oft ineinander über. Während Ingeborg Bachmann in ihren Gedichten die Geschichte ausblendet und den Mythos pflegt, ist Wolfgang Koeppen einer der ersten AutorInnen der Nachkriegszeit, der ein brutales, faschistisches Italien zeigt und gleichzeitig mit der Fülle des Bildarchivs jongliert. Egger: "Er nimmt aus der 200-jährigen Schreibtradition Stücke heraus und konstruiert sie wie in 'Der Tod in Rom' (1954) neu." Mit der Entwicklung des Reisens verändern sich alte Bilder: War für Hesse die Eisenbahn Feindbild des Fortschritts, so macht der 1968er-Autor Rolf Dieter Brinkmann auf die Autolawine aufmerksam, die Italien zu überrollen droht. In "Rom, Blicke" (1979)  behandelt er die Kommerzialisierung und Zerstörung Roms durch die Technik. Auch in der Gegenwart ist Italien literarisches Thema: Der Österreicher Josef Winkler beschwört katholische Mythen und Todesbilder, die Südtirolerin Sabine Gruber stellt in "Die Aushäusige" (1996) die Wasserwelt Venedigs der Trockenheit der Südtiroler Bergwelt gegenüber. ? Dem Mythos Italien können sich Schreibende auch heute nicht entziehen. (sk) Lesen Sie hier über das Vorbild der Italienreise: Goethes "Italienische Reise" Dr. Irmgard Egger, Lektorin am Institut für Germanistik der Universität Wien, hat das FWF-Forschungsprojekt ?Perspektive und Literarisierung: Italienische Reisen? im März 2004 abgeschlossen. Für Herbst 2005 ist eine Buchveröffentlichung im Verlag Fink geplant. Im Sommersemester 2005 leitet Egger am Institut für Germanistik ein Seminar zum Thema "Italienische Reisen von Goethe bis Brinkmann". Aufsätze von Irmgard Egger: "Inszenierte aísthesis: Johann Gottfried Seumes 'Spaziergang nach Syrakus'". In: Jörg Drews u.a. (Hg.), Johann Gottfried Seume. Briefschreiber, Reiseschriftsteller und Autobiograph. Bielefeld: Aisthesis-Verlag 2004 "Die Bilder im Kopf. Italien in den Texten der Berliner Frühromantik." In: Max Kunze/Axel Rügler (Hg.), Preußen in Italien - Italien in Preußen. Schriften der Winckelmann-Gesellschaft 23 (2004) "Archäologie der Wahrnehmung. Karl Philipp Moritz' 'Reisen eines Deutschen in Italien'". In: Conrad Wiedemann u.a. (Hg.), Karl Philipp Moritz. Berlin: Wehrhahn-Verlag 2004 "'Aus Wahrheit und Lüge ein Drittes.' Zur Dialektik von Wahrnehmung und Einbildungskraft in Goethes 'Italienischer Reise'". In: Jahrbuch des Freien Deutschen Hochstifts 2004  

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