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Josef Nadler und Co. |
| Wissenschaft und Nationalsozialismus |
| Simone Kremsberger (Redaktion) am 2. Juni 2003 |
Die Germanistik an der Universität Wien zur Zeit des Nationalsozialismus ist ein heikles Kapitel Geschichte. DieUniversitaet.at sprach mit Mag. Irene Ranzmaier, die sich in ihrer Diplomarbeit differenziert und ausführlich der Thematik angenommen hat. |
Zur Geschichte der Germanistik gibt es relativ viel Literatur, ebenso zur Stellung der Universitäten unter dem Nationalsozialismus. Wer jedoch konkret nach Informationen zur Wissenschaftsgeschichte des Wiener Instituts für Germanistik in der NS-Zeit suchte, stieß bislang auf eine Lücke in der Forschungsliteratur. Mag. Irene Ranzmaier hat viel Zeit in Archiven verbracht, Akten studiert und mit ihrer Diplomarbeit zur "Germanistik an der Universität Wien zur Zeit des Nationalsozialismus. Das Institut, seine Vertreter und ihre Wissenschaft" begonnen, diese Lücke zu schließen. "Es ist mir vor allem darum gegangen, eine Institutsgeschichte zu schreiben", erläutert sie ihren Forschungsansatz. "Ich wollte neben der institutspolitischen und der personellen Ebene auch die Wissenschaft einbringen." Machtübernahme und personelle Konsequenzen Vorerst zur personellen Ebene: Bereits vor 1938 gab es mit Walter Steinhauser und Viktor Junk zwei Lehrende am Seminar und Proseminar für deutsche Philologie, die illegal Mitglieder der NSDAP waren. 1938 kam es zu Veränderungen auf der personellen Ebene, wie Ranzmaier schildert: "Es sind Dozenten entlassen worden: Dem Privatdozenten Stefan Hock und dem Emeritus Max Hermann Jellinek wurde wegen ihrer jüdischen Abstammung die Lehrerlaubnis entzogen. Zwei weitere Dozenten, Rudolf Kriß und Eduard Castle, wurden aus weltanschaulichen Gründen entlassen: Rudolf Kriß war der einzige 'Reichsdeutsche' am Seminar und Proseminar für Deutsche Philologie und derjenige, dem man am meisten Widerstand gegen den Nationalsozialismus zuschreiben kann. Ein Prozess gegen ihn wegen 'Wehrkraftzersetzung' endete mit dem Todesurteil, das später in lebenslange Haft umgewandelt wurde. Nach dem Krieg lehrte er an der Theologischen Fakultät der Universität Salzburg." Neuberufungen gab es keine, obwohl mit Hermann Menhardt und Siegfried Gutenbrunner zwei Dozenten einen Karrieresprung machten und 1941 an die Universität Straßburg berufen wurden, die eine Musteruniversität des Deutschen Reiches werden sollte. Die Verbleibenden traten bis auf eine Ausnahme in die NSDAP ein. Die Ordinarien Josef Nadler und Dietrich Kralik wurden mit dem formalisierten Eintrittsdatum des 1. Mai 1938 in die NSDAP aufgenommen. Veränderungen in Institutsstruktur und Wissenschaft In den Jahren 1940/41 vollzog man eine Umstrukturierung des Instituts. Aus dem "Seminar und Proseminar für Deutsche Philologie" wurde das "Germanistische Institut", das aus vier Abteilungen bestand: Der Abteilung für neuere deutsche Sprache und Literatur unter der Leitung Nadlers, der Abteilung für ältere deutsche Sprache und Literatur unter Kralik, der Abteilung für deutsche Mundartforschung und Phonetik unter Anton Pfalz und der Abteilung für nordische Philologie und germanische Altertumskunde unter Walter Steinhauser. "Es war schon 1938 ziemlich deutlich, dass die Professoren sehr wohl gewusst haben, auf welche Themen in Berlin Wert gelegt wurde", hält Ranzmaier fest, schränkt aber ein, dass radikale Änderungen in den Forschungsthemen nicht zu beobachten waren: "Die Lehrenden hatten Spezialgebiete und verfolgten diese weiter." Kraliks Spezialgebiet war freilich das Nibelungenlied, das unter dem NS-Regime Hochkonjunktur hatte. In der Forschungsarbeit selbst seien laut Ranzmaier weniger Änderungen ersichtlich als auf der rhetorischen Ebene - vor allem in Vor- und Nachworten - sowie in der Interpretation der Quellen. Der Fall Nadler Unter den Wiener Germanisten zur NS-Zeit ist vor allem Josef Nadler zu zweifelhafter Berühmtheit gelangt. "Nadler ist ein sehr zwiespältiger Fall. Er war schon vor dem Anschluss an der Spitze seiner Karriere", beschreibt Ranzmaier. "In der Öffentlichkeit galt er vielleicht als der bekannteste Germanist, aber er war immer umstritten. Für entscheidende NS-Gremien, etwa für Goebbels, war Nadler eine 'persona non grata'. Man hat ihm vor allem seinen Katholizismus zum Vorwurf gemacht, und sein Konzept der deutschen Stämme war nicht vollständig mit dem Gedanken, dass das ganze deutsche Volk eine 'rassische' Einheit sei, vereinbar. Nadler selbst war überzeugt, mit seiner wissenschaftlichen Theorie die Wahrheit gepachtet zu haben, er hat sich als über der Politik stehend empfunden." Nadlers Grundkonzept, das er ab 1907 entwickelt und bis 1951 in den Grundzügen beibehalten hat, basiert auf der Annahme von deutschen Stämmen, denen bestimmte Charakteristika zugeordnet sind. Aus dieser Dynamik heraus würden sich die deutsche Literatur und Geschichte entwickeln. Bindeglieder zur NS-Ideologie sind durchaus vorhanden: Nadler ging von Kollektivgeistern aus und nahm an, dass die geistigen Eigenschaften durch die körperlichen bestimmt sind. In der Neuauflage seines Hauptwerks (1938-41) ging er verstärkt von einer "Bluteinheit" aus und verwässerte sein Konzept in Richtung des NS-Gedankengutes. "Antisemitische Tendenzen sind bereits seit den späten 1920er Jahren zu bemerken. Zum Vorwurf hat man ihm später vor allem gemacht, dass er die Gegenwartsliteratur - also die NS-Literatur - positiv bewertet hat", so Ranzmaier. "Nadlers Annahme von Kollektivgeistern war mit einer nationalsozialistischen Germanistik - falls das Konzept einer solchen vorhanden war - kompatibel. Ich bin aber nicht der Ansicht, dass Nadler eine für den Nationalsozialismus maßgeschneiderte Literaturgeschichte entworfen hat." Entnazifizierung des Instituts Eine konsequente Entnazifizierung des Germanistikinstituts entpuppte sich laut Ranzmaier als schwierig: "Steinhauser und Pfalz, der eine Funktion im NS-Dozentenbund innehatte, wurden sofort entlassen. Ebenso Kralik und der Neugermanist Rupprich - sie haben zur Aufrechterhaltung der Lehre allerdings weiterhin unterrichtet. 1947 wurden sie vor die Prüfungskommission gestellt und belassen." Ein Sonderfall war Nadler, der 1945 entlassen wurde. Da er jedoch weder illegales Parteimitglied gewesen war noch eine Funktion in der Partei innegehabt hatte, fiel er in den neuen Gesetzen 1947 aus dem Rahmen der Entnazifizierung. Unter dem Druck von Anfeindungen seitens Öffentlichkeit und Medien wurde daher bei ihm als einzigem Germanisten die wissenschaftliche Seite, also die Inhalte seiner Arbeit, in Betracht gezogen, um ihn endgültig zu entlassen. Nadler musste die Universität verlassen, publizierte aber weiter. Zwei Neuberufungen folgten: Eduard Castle kehrte zurück und der Landesschulinspektor Oskar Benda wurde berufen. Das Institut war nur schwach besetzt - doch unbescholtenen Nachwuchs zu finden, stellte in dieser Generation ein Problem dar. Weitere Neuberufungen folgten in den 1950er Jahren. (sk) Mag. Irene Ranzmaier studierte Geschichte und Germanistik an der Universität Wien und arbeitet derzeit an ihrer Dissertation über Josef Nadler. |
