Kann sich die Wirtschaft Urlaub leisten? |
| Freizeit ? Urlaub ? Reisen |
| Daniela Schuster (Redaktion) am 1. August 2005 |
Für Unternehmen sind die Ferien ihrer MitarbeiterInnen vor allem eines: Lohnnebenkosten. Doch diese haben, wenn man Politik und Medien, Wirtschaft und Wirtshausstammtisch Glauben schenken darf, Schuld daran, dass der Aufschwung stockt. Ist Urlaub also "wirtschaftsschädigend"? Die Wissenschaft klärt auf. |
Vier Tage Urlaub im Jahr bei einer 62-Stunden-Woche ? mit mehr konnten ArbeiterInnen noch vor rund 100 Jahren nicht rechnen. Heute ist die durchschnittliche Wochenarbeitszeit auf 40 Stunden gesunken und der Urlaubsanspruch auf fünf Wochen gestiegen. Bleibt eine Frage: Kann sich die Wirtschaft so viel Freizeit eigentlich leisten? Ao. Univ.-Prof. Mag. Dr. Peter Rosner, Vorstand des Instituts für Volkswirtschaftslehre der Universität Wien, sagt "Ja!" Und erklärt auch gleich, wieso: "Wir arbeiten heute zwar weniger, aber produktiver. Zudem ist die Produktivität stärker gestiegen als die Löhne. Für Unternehmen sind die Ferien ihrer Mitarbeiter Lohnnebenkosten. So lange es den Unternehmen gut geht ? und den österreichischen Unternehmen geht es insgesamt nicht schlecht ?, ist Urlaub kein Problem." Mehr Arbeit, mehr Aufschwung? Mit schöner Regelmäßigkeit widersprechen PolitikerInnen dem Volkswirtschafter da jedoch. "Die Österreicher arbeiten zu wenig", heißt es dann. Und wird wie folgt begründet: Mehr Arbeit, mehr Aufschwung ? würden die BürgerInnen mehr, länger, öfter hackeln, kurble das die Wirtschaft an. Vor einem Jahr wollte Finanzminister Karl-Heinz Grasser deshalb auch schon die Wochen- und Lebensarbeitszeit verlängern und: den Feiertagen an den Kragen. Schließlich sei ja 2004 das Wirtschaftswachstum um 0,5 Prozent höher ausgefallen, weil diverse Feiertage auf Wochenenden gefallen sind, so Grassers Rechnung. Feiertage kosten Institutsvorstand Rosner hält von solcherlei Berechnungen gar nichts. Zwar gibt er dem Finanzminister recht ? "drei Arbeitstage pro Jahr mehr steigern das Bruttoinlandsprodukt um 1 Prozent und gerade Feiertage, die auf die Wochenmitte fallen, erzeugen durch die Unterbrechung des Arbeitsrhythmus und die Feiertagslöhne höhere Kosten als der reine Lohn für den Tag" ?, betont jedoch, "dass dort, wo es zu wenig Arbeit gibt, ein zusätzlicher Arbeitstag kaum etwas nützen kann." Aus ökonomischer Sicht bestünde außerdem kein Zwang zu einer Veränderung der Arbeitszeiten: "Der Wirtschaft geht es nicht schlechter als früher. Warum sollte man also etwas ändern?" Urlaub als Wirtschaftsfaktor Zudem würde sich die Abschaffung von Feiertagen negativ auf den Tourismus auswirken. So sei die touristische Wertschöpfung durch ÖsterreicherInnen an Sonn- und Feiertagen doppelt so groß wie die des gesamten Tourismus von In- und AusländerInnen. Fragt man nach der "Wirtschaftlichkeit" von Ferien, so muss der Faktor Urlaub als Wirtschaftsfaktor natürlich auch betrachtet werden. "Österreich ist ein Nettoexporteur in Sachen Urlaubsdienstleistungen. Bei uns verbringen sehr viel mehr Touristen ihre freien Tage als Österreicher im Ausland", so Peter Rosner. Eine der größten Industrien des Landes sei deshalb auch der Freizeitsektor. Recht auf Urlaub, Pflicht zum Urlaub Diese Freizeitindustrie in Anspruch zu nehmen, ist "Pflicht" des Arbeitnehmers. "Durch das Arbeitsrecht ist man dazu verpflichtet, während des Urlaubs für Erholung zu sorgen. Wer nach den Ferien vollkommen erschöpft an den Arbeitsplatz zurückkehrt, weil er andernorts gearbeitet oder aber durchgefeiert hat, kann zumindest abgemahnt werden", erklärt Rosner. Neben solchen Bestimmungen findet sich im Arbeitsrecht auch die Regelung von Urlaubsanspruch und -geld. "In Österreich bekommen fast alle ein 13. und 14. Monatsgehalt. Das ist hierzulande in Extremform gesetzlich und kollektivvertraglich geregelt", so Rosner. Angst um den Arbeitsplatz Gesetz hin oder her ? ob man seinen vollen gesetzlichen Urlaubsanspruch auch tatsächlich in Anspruch nimmt und nehmen kann, hängt vom Unternehmen und der eigenen Stellung ab. "Viele leitende Angestellte können aus Gründen des Betriebsablaufs nicht oder nicht so lange am Stück in Urlaub gehen, wann und wie sie wollen", meint Rosner. Dazu komme, dass aus Angst um den Arbeitsplatz die Bereitschaft, unbezahlte Überstunden ohne Zeitausgleich zu machen, steige. "Im Endeffekt wird also mehr gearbeitet. Urlaubs- oder Feiertage einzusparen ist also nicht nötig. Und den bestehenden Urlaubanspruch ihrer Mitarbeiter können sich die meisten Unternehmer sicher leisten." (dan) |
