Die Gebirgsflora ist ob der rauen Bedingungen extrem gut an das Leben in hohen Lagen angepasst, gleichzeitig reagiert sie sehr sensibel auf Veränderungen. Durch den Klimawandel und den damit verursachten Temperaturanstieg wandern die Pflanzen seit Jahren immer weiter nach oben, in bisher kühlere Regionen. Auch die Schneegrenze verschiebt sich stetig bergauf. Nun hat ein Team von Klimatologen und Ökologen eine Forschungsplattform an der Universität Wien ins Leben gerufen, um den Zusammenhang der zwei sensiblen Zonen - Schneegrenze und ökologische Grenze - zu untersuchen. |
Fichtenwälder am Großglocknergipfel? Grasskifahren, der neue Wintersport in Kitzbühel? Diese zwei Szenarien sind zwar aus heutiger Perspektive hochgradig übertrieben, doch es ist eine Tatsache, dass alpine Pflanzen immer höher wandern und die Schneegrenze gleichzeitig steigt. "Eines steht fest: Die Häufigkeit der milden, schneearmen Winter wird größer. Wir erwarten zwar weiterhin - durch natürliche Klimaschwankungen - auch schneereiche Winter, jedoch weniger als früher", erklärt emer. O. Univ.-Prof. Dr. Michael Hantel vom Institut für Meteorologie und Geophysik.
Indikator Schnee
Dass die Schneefallgrenze und die Dauer der Schneedecke temperaturabhängig sind, erscheint logisch. Der Klimatologe Michael Hantel hat diese Relation genau analysiert und mit seinem Team Daten von 268 Klimastationen in den Alpen der Jahre 1961 bis 2000 ausgewertet. Für diesen Zeitraum gibt es tägliche Daten über die Schneehöhe und die Temperatur.
Das Ergebnis der intensiven Forschungsarbeit brachte überraschende Ergebnisse: So entdeckte Hantel, dass die Empfindlichkeit der Schneedecke nicht nur von der Temperatur - hier naturgemäß am stärksten beim Gefrierpunkt -, sondern auch von der Meereshöhe abhängig ist. "Wir haben einen sogenannten sensitiven Bereich festgemacht, in dem die Schneedecke besonders anfällig für Klimaschwankungen ist. Diese Region liegt im Winter in etwa 900 Meter Höhe, im Sommer auf 2.700 Metern", erklärt Michael Hantel und führt weiter aus: "Das Ergebnis unserer Arbeit lässt sich auch mit einer einzigen Zahl ausdrücken: -0,30 (+/-0,05) Kelvin. Das heißt übersetzt: Bei einer klimatischen Temperaturerhöhung von einem Grad Celsius nimmt die Dauer der Schneedecke im sensitiven Bereich um 30 Prozent ab."
Und die Pflanzen?
Ganz ähnliche Forschungen, allerdings im Bereich der Pflanzenvielfalt im Gebirge, betreibt O. Univ.-Prof. Mag. Dr. Georg Grabherr vom Department für Naturschutzbiologie, Vegetations- und Landschaftsökologie im Zuge des groß angelegten Projekts "GLORIA". Dabei handelt es sich um ein internationales Monitoringnetzwerk, um die Effekte des Klimawandels auf Hochgebirgsökosysteme zu untersuchen. Das Team um Grabherr arbeitet weltweit mit WissenschafterInnen zusammen und erhält so Beobachtungsdaten unter anderem aus den Rocky Mountains, dem Ural, den Anden, dem Himalaya und dem Kaukasus. Bis jetzt konnte festgestellt werden, dass manche Pflanzen einerseits nach oben wandern und andererseits, dass die an Kälte angepassten Pflanzenarten der höchsten Lagen bereits abnehmen. Wie auch im Fall der sensitiven Schneegrenze existiert bei Pflanzen ein Höhenbereich, in dem die Pflanzen besonders sensibel auf äußere Veränderungen reagieren: die ökologische Grenze.
Symbiose im Hochgebirge
Im Rahmen der neuen Forschungsplattform "Sensitive mountain limits of snow and vegetation" verbinden Grabherr und Hantel nun ihre beiden Forschungsgebiete, um der von ihnen aufgestellten Hypothese nachzugehen, dass die Schneegrenze und die ökologische Grenze aneinander gekoppelt seien. "Aufgrund der bisherigen Datenlage sind wir uns sicher, dass beide Komponenten in Symbiose miteinander existieren", so Hantel: "Nicht nur der Schnee scheint Einfluss auf die Gebirgspflanzen zu haben, sondern auch umgekehrt."
Zwei Jahre lang wird das Team um Grabherr und Hantel nun Daten auswerten und analysieren. Sie stammen vom "GLORIA"-Projekt und von weltweiten Klimastationen. Untersucht werden sollen dabei nicht nur die Alpen, sondern die Hochgebirgsregionen der Welt. "Wir wollen Aufschluss und Beweise für diese Symbiose finden und hoffen dabei auf eine ähnlich aussagekräftige Zahl wie im Falle der Schneedecke zu stoßen", erklärt Hantel die Forschungsziele der Plattform: "In dem Fall könnten sich konkrete Zukunftsszenarien für den Temperaturanstieg herauslesen lassen. Der Klimawandel findet auch in der Ebene statt, aber auf den Bergen kann man ihn praktisch unter der Lupe studieren." (td)
Die zunächst auf zwei Jahre angelegte Forschungsplattform "Sensitive mountain limits of snow and vegetation" startete im Juni 2008 unter der Leitung von O. Univ.-Prof. Mag. Dr. Georg Grabherr (Department für Naturschutzbiologie, Vegetations- und Landschaftsökologie und emer. O. Univ.-Prof. Dr. Michael Hantel (Institut für Meteorologie und Geophysik). |