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Dekan Franz Römer und Rektor Georg Winckler hielten einführende Worte.


Konstanze Fliedl sprach unter anderem über Sigmund Freuds Schrift "Psychopathologie des Alltagslebens".


Der Kleine Festsaal war gut gefüllt; auch der Schriftsteller Robert Menasse (li. neben Konstanze Fliedl) wohnte dem Vortrag "verhört" bei.


Nach der Antrittsvorlesung klang der Abend mit anregenden Diskussionen und Buffett aus. Fotos: S. Häberle


Institut für Germanistik der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät Dekanat der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät Porträt über Konstanze Fliedl Lebenslauf Konstanze Fliedl
Konstanze Fliedl verhört
Professuren, Antrittsvorlesungen
Gastbeitrag von Konstanze Fliedl am 15. Juli 2009

Die Literaturwissenschafterin Konstanze Fliedl hielt am 25. Juni 2009 ihre Antrittsvorlesung zum Thema "verhört". In einem Gastbeitrag hat die Professorin, die seit September 2007 Neuere deutsche Literatur am Institut für Germanistik lehrt, ihre Antrittsvorlesung zusammengefasst.

Im zweiten Teil seiner Autobiographie "Die Fackel im Ohr" berichtet Elias Canetti, Mitte der zwanziger Jahre seien bestimmte psychoanalytische Vokabeln in der Wiener Gesellschaft ungemein in Mode gekommen. Das Wort der Stunde sei "Fehlleistung" gewesen.

Fehlleistungen, schildert Canetti, seien "eine Art von Gesellschaftsspiel" geworden: "Um das beliebte Wort häufig gebrauchen zu können, wurden sie am laufenden Band produziert, in jedem noch so animierten und anscheinend spontanen Gespräch kam ein Moment, da man es dem Partner am Mund absehen konnte: jetzt kommt eine Fehlleistung. Und schon war sie draußen, schon konnte man selbstgefällig zu ihrer Erklärung schreiten, die Prozesse aufdecken, die zu ihrer Bildung geführt hatten, und dabei so ausführlich wie unermüdlich von eigenen Dingen sprechen, ohne aufdringlich privat zu wirken, denn man nahm teil an der Aufklärung eines Prozesses von allgemeinem, sogar wissenschaftlichem Interesse."

Freuds Spielanleitung

Die Spielanleitung zu solchen Darbietungen hatte Sigmund Freuds Schrift "Psychopathologie des Alltagslebens" geliefert. Sie war zwar schon 1901 erschienen, aber Freud hatte in zahlreichen weiteren Auflagen jeweils neues Material hinzugefügt, das von Patienten, Freunden und Bekannten stammte, so dass die von Canetti beschriebene Gesellschaftspraxis offenbar tatsächlich wieder in das Buch zurückfloss, als ein analytischer, sich selbst reproduzierender Regelkreis. Stimmt Canettis Verdacht, so handelte es sich dabei allerdings um hochgradige Fiktionen mit dem "Krankheitsgewinn" der leicht anrüchigen Selbstinszenierung. Darüber hinaus hat das Buch von den Fehlleistungen wohl eine weitere verborgene Qualität, jedenfalls für meine Alterklasse, nämlich eine unbestreitbare Trostfunktion.

Warum wir vergessen, …


Ausgesprochen beruhigend sind die Abschnitte über das Vergessen, vor allem das Namensvergessen: Ein wie auch immer peinliches unbewusstes Motiv ist einem dabei immer noch lieber als die schlichte geriatrische Erklärung. Die blöde Vergesslichkeit wird zum interessanten Symptom geadelt. Ebenso sehen sich dumme Tollpatschigkeiten nobilitiert: Egal, ob man eine Vase zerbricht, auf der Treppe stolpert oder sich mit Suppe bekleckert - die Theorie von den Fehlleistungen weiß Rat und findet verborgene psychische Ursachen.

… uns verlesen und verschreiben


Neben dem Vergessen und dem Vergreifen, wie Freud solche physischen Kleinunfälle nennt, widmet sich seine Schrift besonders ausführlich zwei weiteren Phänomenen, dem Verschreiben und dem Verlesen, was nicht wunder nimmt: Wenn schon jede stumme Fehlleistung der Indikator einer verborgenen Geschichte ist, also einer Narration, eines unbewussten Textes, dann ist es natürlich umso spannender, wie ein realer, manifester Text von der Schrift des Unbewussten gleichsam gestört wird. Freud selbst, so berichtet er, verliest sich beispielsweise bei der Zeitungslektüre; statt der Wendung "Zu Fuß durch Europa" hat er "Im Faß durch Europa" gelesen. Was hat das zu bedeuten? Freuds Selbstanalyse schlägt folgenden Assoziationsgang vor: Im Fass liegt bekanntlich der philosophierende Diogenes, vor das Fass tritt König Alexander von Mazedonien. Das Fass ist also ein Mittel der Beförderung, das einen von der geringen Position des Denkers zur einflussreichen Stellung des Machtmenschen transportiert. Diese Beförderung, was kann sie anderes sein als der Freud damals noch bevorstehende und ersehnte Karriereschritt: nämlich, zum Professor der Universität Wien ernannt zu werden.


Lesen Sie weiter über raffinierte und politisch unkorrekte Verhörer und unbewusste Sinnkonstruktionen: "verhört" (PDF)

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