Der Archäologe Georg Wolff beobachtete am Ende des 19. Jahrhunderts allgemeine gleichartige Erscheinungen in spätrömischer und mittelalterlicher Zeit, wie Siedlungsbilder mittelalterlicher Städte oder auch Münzen des 4. Jahrhunderts, die eine Kontinuität nahe legten. Der Wiener Wirtschaftshistoriker Alfons Dopsch griff diese Argumente auf und plädierte in den 1920er Jahren für eine kontinuierliche Kulturentwicklung von der Spätantike zum Mittelalter. Erst seit den späten 1920er Jahren ist eine politisch motivierte Änderung in der Argumentation festzustellen, die gerade für Deutschland einen Bruch postulierte, um die germanisch-alamannische Kultur im Gegensatz zur römischen höher zu schätzen. Termini wie Limesfall, einflutende Alamannen, die den Limes überrannten, die tatsächlich so in der Literatur zwischen 1930 und 1990 häufig zu finden sind, zeigen die eindeutigen Positionen der Verfasser zu einem Umbruch hinsichtlich des Geschehens bis in jüngste Zeit.
Auflassung der Kastelle am Limes
Die detaillierte Auswertung alter und neuer Befunde und Funde in Südwestdeutschland führt zu anderen Einschätzungen. Dazu zählt einerseits, dass die Prozesse um das Ende des Limes sowie andererseits nachlimeszeitliche Strukturen näher zu beleuchten sind. Die Zerstörungshorizonte in den Limeskastellen sind sehr viel geringer als früher angenommen. Vielmehr ist zu betonen, dass etliche Kastelle am Limes wohl einfach aufgelassen wurden und damit ein Rückgang in der militärischen wie auch in der zivilen Bevölkerung schon in den 50er Jahren des 3. Jahrhunderts einherging.
Prägende Münzwirtschaft
Ein weiteres Argument gegen einen absoluten Bruch liegt in dem gehäuften Vorkommen von nachlimeszeitlichen Münzen im rechtsrheinischen Gebiet. In allen Regionen ist um 260 n. Chr. ein massiver Rückgang der Münzzufuhr festzustellen. Jedoch kommen in konstantinischer Zeit wieder zahlreiche Münzen vor, die sich besonders an alten römischen Zentralorten in Rhein-, Main- und Neckarnähe sowie an römischen Straßenläufen häufen. Der Umgang mit Münzen war in der römischen Welt geläufig, der Austausch von Waren aller Art war durch die Münzwirtschaft geprägt, römische Soldaten bzw. in römischen Diensten stehende Soldaten erhielten als Sold Geldzahlungen.
Damit ist eine Kontinuität für bestimmte provinzialrömische Strukturen gegeben, die von Personen getragen wurde, die nicht nur mit der römischen Geldwirtschaft vertraut waren, sondern diese auch aktiv fortführten. Daran anzuschließen ist auch ein Befund aus dem Odenwald. In den schon im frühen 3. Jahrhundert genutzten Steinbrüchen bei Auerbach und Felsberg wurden die Säulen aus Granit bzw. die Kapitelle aus Marmor für die konstantinische Basilika in Trier gebrochen und zugerichtet. Die Organisation und Durchführung der Arbeiten für das zentrale Bauwerk in der kaiserlichen Hauptstadt setzen noch funktionierende römische Strukturen auf der rechten Rheinseite voraus.
Kontinuierliche Siedlungen
Neben den Münzen spielen die Grabfunde der Region bei der Interpretation der Prozesse eine große Rolle. Spezifische Bestattungen mit Waffen und Trachtaccessoires auf den römischen Militärfriedhöfen wurden schon immer als germanische Bestattungen von in römischen Diensten stehende Soldaten gedeutet; in gleichartigen Gräber auf der anderen Rheinseite sah man dagegen die Grablegen der landnehmenden Alamannen. Eine Bewertung der rechtsrheinischen Grabfunde des späten 3. bis frühen 5. Jahrhunderts zeigt jedoch enge Parallelen zwischen den linksrheinischen und den rechtsrheinischen Grabfunden. Die Anlage der Gräber und die Funde sind vergleichbar. Von Bedeutung ist außerdem die Bindung der Grabfunde an kleinräumige Gebiete, die auch durch die nachlimeszeitlichen Münzen und die zeitgleichen Befunde in den alten Militäranlagen und Zentralorten gekennzeichnet ist. Damit ist eine Siedlungskontinuität in diesen Räumen anzunehmen. Die hier bestatteten Personen können aufgrund der spezifischen Verbreitung sowie der vergleichbaren Grabfunde in den linksrheinischen Orten wohl als Angehörige einer unter römischer Billigung oder Oberhoheit stehenden Einheit gesehen werden.
Fall der Grenze
Ohne Zweifel ist nach der Räumung der Kastelle in der Mitte des 3. Jahrhunderts ein großer Einschnitt zu verzeichnen, der mit einem starken Bevölkerungsrückgang einhergeht. Aber es gibt aus dem späten 3. und 4. Jahrhundert viele Belege, die für eine Fortführung alter Strukturen in veränderter Form sprechen. So ergibt sich insgesamt ein Bild des Wandels, an einigen Punkten werden Strukturen fortgeführt, andere verändern sich als allgemeine Zeiterscheinung und wiederum andere Strukturen brechen ab.
Während die Befunde und Funde des späten 3. und 4. Jahrhunderts noch recht zahlreich sind und kein völliger Bruch um 260 n. Chr. festzustellen ist, muss am Ende des 4. Jahrhunderts bzw. in der Zeit um 400 n. Chr. ein Hiatus konstatiert werden. Dies korrespondiert mit den schriftlichen Quellen. Es ist die Zeit der Reichsteilung im Jahre 395 n. Chr. sowie von massiven Verheerungen. 410 wird Rom geplündert, 406 n. Chr. wird von einem furchtbaren Einfall der Alanen und Vandalen berichtet, der im nördlichen Oberrheingebiet katastrophale Folgen gehabt haben soll. Die Rheingrenze wurde nicht mehr gehalten. Möglicherweise waren diese Ereignisse bedeutungsvoller für die Siedlungsgeschichte in Südwestdeutschland als das Ende des Limes im Jahre 260.
Differenzierung
Die grundsätzliche Fragestellung sollte also nicht lauten, ob eine Kontinuität oder eine Diskontinuität zu konstatieren ist, sondern die Formen des Wandels und der Umstrukturierung in ihrem Ausmaß, ihrer zeitlichen und räumlichen Dimension sind vielmehr in den Vordergrund zu stellen. Aspekte der politischen, gesellschaftlichen, kulturellen und funktionellen Bereiche sind dabei zu differenzieren. Heute mag diese Feststellung banal klingen, jedoch setzten die Forschungen zu der Problematik nicht nur in der Archäologie, sondern auch in den anderen historischen Wissenschaften, erst verstärkt in den letzten Dekaden ein. Die im 19. und frühen 20. Jahrhundert gelegten Grundlagen wirken häufig bis heute nach. Viele ältere Positionen werden auch heute noch publiziert. Es ist also weiterhin wichtig, sich der Thematik intensiv zu widmen.
Claudia Theune-Vogt hat seit Jänner 2007 die Professur für Ur- und Frühgeschichte an der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät inne. Ihre Antrittsvorlesung mit dem Titel "Kontinuität und Wandel in der frühgeschichtlichen Archäologie" fand am Dienstag, 17. April 2007, um 17 Uhr im Kleinen Festsaal der Universität Wien statt. |